(22.07.2014) In der Ausstellung „Berliner Skulpturenfund“ wird auch das Exponat einer Bildhauerin zu sehen sein, die einige Jahre in Hagen lebte und arbeitete. Noch immer finden sich Spuren von ihr in der Stadt – ob das die Frauenakte über dem Theatereingang, der „Schmied“ am Rand des Volksparks gegenüber der IHK oder der Frauenkopf über dem Portal des alten Museumsgebäudes ist. Erst vor wenigen Jahren wurden zwei Figuren, die sie für das Portal der Schule in Altenhagen geschaffen hat, wieder entdeckt und an ihren angestammten Platz zurückgebracht.

Nun besucht ihr Kunstwerk „Kniende“ Hagen. Als Teil der Ausstellung „‚Entartete Kunst‘ im Bombenschutt“, die vom 29. Juni bis 21. September im Souterrain des Museums zu sehen ist. Es war nicht leicht herauszufinden, ob die Überreste der Skulptur zu einem Werk Milly Stegers gehören oder nicht. Inzwischen besteht nur noch eine minimale Unsicherheit, weil die Ähnlichkeiten zwischen der Figur und ihren sonstigen Werken aus der Hagener Zeit sehr groß sind. (siehe Artikel „Dr. Birgit Schulte und das Rätsel von Milly Stegers „Kniende“)

Milly Steger wurde 1881 in Rheinberg geboren, wuchs jedoch in Wuppertal-Elberfeld auf. Schon während ihrer Pensionatszeit in London, wie sie damals für Mädchen aus Bürgerkreisen üblich war, nahm sie Zeichenunterricht bei einer Künstlerin. Nach ihrer Rückkehr besuchte sie die Klasse für Stuckateure und Steinmetze der Kunstgewerbeschule, um sich – gegen den Willen ihres Vaters – mit Unterstützung ihrer Mutter zur Bildhauerin ausbilden zu lassen. Diese Ausbildung konkretisierte sich durch Privatstunden bei Karl Janssen, der an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrte. Allerdings durfte sie nicht an seinen Seminaren teilnehmen, weil sie eine Frau war, sondern war auf privaten Unterricht angewiesen. Zu ihrem Glück erkannte Janssen ihr Talent und nahm sie als Schülerin an. Ihr muss klar gewesen sein, dass sie damit großes Glück hatte, das lässt sich daran ablesen, dass sie sich in späteren Jahren unter anderem für eine Zulassung von Frauen an Kunstschulen einsetzt.

1908 siedelte Milly Steger nach Berlin um, wo sie an der Damenakademie der Berliner Künstlerinnen als Dozentin tätig war, eine Tätigkeit, die sie im Übrigen auch während der NS-Zeit und während des zweiten Weltkriegs ausübte.

Dazwischen jedoch war sie als „Stadtbildhauerin“ in Hagen. Ein Dokument über die offizielle Ernennung gibt es nicht, die zahlreichen Aufträge für öffentliche Gebäude lassen jedoch vermuten, dass sie eine besondere Rolle spielte. Zumal sie – obwohl die Stadtbauarchitekten ihr Werk nicht immer gut hießen – tätig wurde.

Unter anderem schuf sie die Frauenakte über dem Theaterportal und sorgte mit ihrem ersten großen Werk im wahrsten Sinne des Wortes gleich für einen Skandal. Rund 200 Hagenerinnen taten sich mit einem evangelischen Pfarrer zusammen, um gegen die „schändlichen Geschöpfe“ (Zitat Vortrag Birgit Schulte) zu demonstrieren. Sie sammelten Unterschriften und bekamen sogar die stattliche Summe von 2.500 Mark zusammen, um die „gefährlichen“ Figuren entfernen zu lassen. Politiker verboten den Besuch des Theaters, damit Kinder und Jugendliche nicht dem Anblick der nackten Frauen ausgesetzt waren.

Fast war es schon soweit, dass die Frauen entfernt wurden. Karl Ernst Osthaus gelang es, diesen Kunstfrevel zu verhindern, indem er renommierte Künstler um eine künstlerische Bewertung bat. Wenn man bedenkt, dass das Theater eines der wenigen Gebäude ist, das die Zerstörung im zweiten Weltkrieg überstanden hat, muss man ihm noch posthum Dank zollen. Die über drei Meter hohen Figuren, die Milly Steger für die Stadthalle entwarf, wurden nicht mehr realisiert, weil das Geld statt für Kultur in den ersten Weltkrieg gesteckt wurde.

Entsprechend geriet Milly Steger in Finanznöte. Sie hielt sich immer öfter in Berlin bei ihrer inzwischen dort angesiedelten Familie auf und zog schließlich ganz dorthin. Zumal sie dort mit der Lehrtätigkeit an der Damenakademie eine Möglichkeit hatte, Geld zu verdienen. In Berlin erlebte sie die Kriegszeit, auch, dass ihre Wohnung und ihr Atelier samt allen Unterlagen und Werken bei einem Bombenangriff zerstört wurden. Sie floh für einige Zeit zu Verwandten nach Potsdam, kehrte jedoch nach dem Krieg ins zerstörte Berlin zurück.

Typisch für die Widersprüchlichkeit der Nationalsozialisten ist, dass Milly Stegers Werk einerseits im Dritten Reich ausgestellt wurde, allerdings sechs ihrer Werke auf den Beschlagnahmungslisten erscheinen und auch in dem Hagener Entartungsalbum ein Exponat abgebilet ist. Anders als Will Lammert konnte sie die NS-Zeit relativ ungehindert in Berlin verleben, die Erfahrungen von Leid und Zerstörung machten sich jedoch in den letzten Lebensjahren in ihren Arbeiten bemerkbar. Milly Steger starb am 31. Oktober 1948 in Berlin.

In Hagen ist sie im öffentlichen Raum noch immer durch ihre Werke präsent, nur wenige wissen aber, dass sie eine der ersten Frauen war, die als Bildhauerin öffentliche Aufträge bekam und damit zu einer Vorreiterin für spätere Generationen wurde. © Birgit Ebbert

Artikel von Dr. Birgit Schulte über Milly Steger in der Reihe „Frauenvorträge an der FernUniversität“ (PDF-Datei)