(17.06.2015) 140 Zeichen dürfen Botschaften auf der Nachrichtenplattform „Twitter“ enthalten. Was anfangs als Newsportal begann, hat sich inzwischen in viele Richtungen entwickelt. Die Beschränkung auf 140 Zeichen hat kreative Geister angespornt, über Nachrichten hinaus sinnvolle, ästhetische, spannende, ausgefallene Geschichten zu erzählen. Ob sie wissen, dass sie damit der Tradition von Epigrammen und Aphorismen folgen. Liest man heute manche Texte von Erich Kästner, Georg C. Lichtenberg oder Stanislaw Jerzy Lec, unterscheiden sich diese allenfalls in der Wortwahl von Tweets, wie sie täglich unzählig durch das digitale Netz gehen. Wie ein Aphorismus schwebt ein Tweet zwischen Poesie und Philosophie und wer genau liest, findet sogar die eine oder andere rhetorische Figur aus dem Deutschunterricht wieder. Der Unterschied zu den alten Aphoristikern ist, dass diese warten mussten, bis ein Verlag oder eine Zeitung ihre Gedanken druckte und diese bis dahin mehrfach wenden und überarbeiten konnten. Was auf Twitter gepostet wird, ist sofort in der Welt und kann nicht mehr geändert werden. Das hat Vorteile, weil manchmal die ersten Gedanken die besten sind, aber auch Nachteile, weil die Verfasser sich auch mit nicht zu Ende gedachten Statements der öffentlichen Diskussion ausliefern.

Weshalb ich mich plötzlich mit dem Thema beschäftige?

Ich bereite gerade einen Schreibworkshop vor, in dem es eben nicht darum geht, lange Geschichten oder Gedichte zu schreiben, sondern kurze Texte. Ich denke, ich werde die Begrenzung auf 140 Zeichen vorgeben, dann können wir unsere Werke später bei Twitter veröffentlichen, auf Plakate kommen sie ohnehin. In dem Workshop werde ich nämlich gemeinsam mit rund Jugendlichen Texte über Hagen entwickeln, zu denen im zweiten Schritt zusammen mit einer Künstlerin Mangas gezeichnet werden. So schaffen wir Plakatliteratur über Hagen und auch so etwas wie Regional-Twitteratur.

Bei der Recherche bin ich übrigens auf ein witziges Projekt gestoßen, das für den Deutschunterricht interessant sein könnte: Zwei amerikanische Studenten haben Werke der Weltliteratur auf Twitterlänge reduziert. „Weltliteratur in 140 Zeichen“ heißt ihr Buch, wobei ein Buch nicht unbedingt in einem Tweet nacherzählt wird. Aber reizvoll finde ich es schon, ein Buch in 140 Zeichen zusammenzufassen. Das erinnert mich an die Forderung meines Doktorvaters, das Thema meiner Dissertation auf einer Postkarte unterzubringen. Vorher brauchte ich nicht wiederzukommen. Das habe ich geschafft, dann werde ich es doch wohl auch hinkriegen, die Essenz meiner Bücher zu tweetisieren. Seufz. Ich wollte doch eigentlich nur aus dem Vorbereitungskästchen für den Schreibworkshop berichten. Der Fluch des kreativen Geistes! © Birgit Ebbert

Aus meiner Linksammlung zum Thema Twitteratur, Miniatur & Plakatliteratur

Weltliteratur in 140 Zeichen (Zeit 10.03.2011)

Twitter als Literatur – total genial oder nur banal? (Welt 28.12.2013)