Medienerziehung vor 100 Jahren(12.09.2017) Bei der Recherche über Herti Kirchner und ihre Zeit habe ich einen Handzettel aus den Anfängen des Tonfilms entdeckt und mich an die Diskussion über Medienerziehung in meiner Zeit als Medienpädagogin erinnert. Und mir fiel ein, dass mir bei der Recherche für „Die Bloggerbande“ ähnliche Argumente begegnet sind. Ein schönes Beispiel dafür, dass sich Medien ändern, die Diskussion aber immer gleich bleibt. Immer rechnete man damit, dass die Kinder verrohten, dass sie vereinsamten, dass ihre Fantasie verkümmerte, dass sie gewalttätig würden … Das gilt heute für Smartphones, vor 30 Jahren für Fernsehen und Video, vor 50 Jahren für Comics und Schneider-Bücher und vor knapp 100 Jahren für den Tonfilm.

Neue Medien – alte Sorgen

Was ich sagen will: Die Sorgen der Erwachsenen sind immer die gleichen und letztlich sind auch die Kernpunkte der Medienerziehung immer dieselben. Es geht darum, wann, wie oft, wie viel, aus welchen Gründen und mit welchem Ziel Medien eingesetzt werden – also am Ende darum, sich Gedanken über die Nutzung zu machen, um Herrscher des Mediums zu bleiben und sich nicht von ihm beherrschen zu lassen.

Fernsehkindheit

Schon höre ich den einen oder die andere sagen: Ja, aber durch die Smartphones werden Kinder und Jugendliche heute doch von Medien beherrscht, das war zu unserer Zeit noch völlig anders. Entschuldigung, wenn ich mich da kurz räuspere. Aber mal ehrlich: Sitzen wir nicht alle – trotz der Möglichkeit, durch Video oder Mediathek zeitversetzt Nachrichten anschauen zu können – um 20.00 Uhr vor der Tagesschau oder pünktlich vor der Sportschau. Ich erinnere mich gut daran, dass mir vor 25 Jahren eine Freundin erzählte, bei ihnen würde sonntags immer schon um 11.30 Uhr gegessen – weil um 12.00 Uhr der Internationale Frühschoppen im Fernsehen kam, den der Vater nicht verpassen wollte. Medienerziehung der 80er-Jahre 🙂 Das würde heutigen jungen Leuten nicht passieren, weil sie Fernsehsendungen – wenn überhaupt – in der Mediathek oder bei YouTube anschauen und zwar dann, wenn es zeitlich für sie passt.

Jeder findet seinen Medienweg

c-birgit-ebbert-IMG_7106Natürlich bergen die neuen Medien Gefahren, aber die hat man den ehemals neuen Medien auch zugeschrieben. Machen wir uns nichts vor, früher wie heute konnten Kinder und Jugendliche, wenn sie es unbedingt wollten, alles rezipieren, was sie interessierte. Aber was interessiert sie? Vor allem witzige Beiträge, das sieht man ja an den Klickzahlen mancher YouTube-Videos, der Austausch mit Gleichaltrigen über den Alltag, auch dafür gibt es genügend Beispiele von erfolgreichen YouTubern. Kinder und Jugendliche wollen die Welt kennenlernen und sich ihre eigene Welt schaffen – jeder für sich. Deshalb kann man junge Menschen heute ebensowenig wie vor 20, 40 oder 100 Jahren über einen Kamm scheren. Heute noch weniger, weil sie heute eben durch das Internet mehr Möglichkeiten haben, Gleichgesinnte auch für Orchideen-Interessen zu finden.

Medienerziehung durch Austausch

Ich kenne viele Kinder und Jugendliche, aber die wenigstens sitzen ausschließlich vor dem PC oder hängen am Smartphone und selbst da tauschen sie sich mit Freunden aus. Von manchen Programmen bin ich auch nicht begeistert. Aber wir kommen darüber ins Gespräch, was ich warum nicht gut finde und schaffen eine Basis dafür, dass sich die Kinder ein eigenes Bewertungssystem aufbauen können, das häufig sehr eng mit einem Wertesystem verbunden ist. Und dieses Wertesystem lässt sich nur entwickeln im Austausch mit Erwachsenen, die ihre Werte erklären, deshalb bleibt das Gespräch in der Familie bzw. zwischen den Generationen immer noch ein wichtiger Erziehungsweg. Filter und Verbote können umgangen werden und vermitteln keine Werte, das galt beim Buchindex der Katholischen Kirche vor Jahrhunderten, beim abschließbaren Fernseher in den 70ern, bei der Videosperre in den 80ern und das gilt für Filterprogramme heute. Immer haben sie eher demjenigen, der sie einsetzte, ein gutes Gefühl gegeben, aber nicht verhindert, dass derjenige, der unbedingt dieses oder jenes lesen oder sehen wollte, Zugang fand. © Birgit Ebbert

Weiterhin aktuelle Tipps zur Medienerziehung

Spielzeug bildschirm1Und das stand als Tipps für Eltern in meinem ersten Flyer „Spielzeug Bildschirm“, der 1989 im Drei-W-Verlag erschienen ist.

„Eltern haben die Aufgabe:

  • Mit den Kindern und Jugendlichen im Gespräch zu bleiben, um über ihr Freizeitverhalten informiert zu sein,
  • Bei beginnendem Interesse am Computer den Wunsch ernst zu nehmen und mit den Jugendlichen Mögichkeiten und Bedingungen der Verwirklichung zu diskutieren.
  • Den Kauf von geeigneter Software auch finanziell zu fördern, um so eine Abhängigkeit von getauschten Raubkopien zu vermeiden.
  • Sich möglichst mit der Tochter/dem Sohn in die Handhabung des Computers einzuarbeiten, um den Überblick über vorhandene Spielprogramme und die Kommunikation über die Faszination des Gerätes zu erleichtern.
  • Sich über mögliche Jugendgefährdungen zu informieren und Argumente für ein sachliches Gespräch zu sammeln.
  • Den Computer als einen sehr verbreiteten, aber nicht einzigen Teil der Arbeitswelt zu sehen und auch andere Interessen und Stärken der Kinder zu fördern.
  • Alternative Freizeitmöglichkeit aufzuzeigen, um dem neuen Medium den Platz im Alltag einzuräumen, der ihm zusteht, als möglicher, aber nicht notwendiger Teil eines Lebenskonzepts.
  • Den Jugendlichen dahingehend zu beobachten, ob der Computer Kontaktschwierigkeiten verstärkt.

(Spielzeug Bildschirm. Aktion Jugendschutz Baden-Württemberg/Drei-W-Verlag 1989)