Nachhilfe (08.09.2016) Vor wenigen Tagen flatterte – wieder einmal, wie gefühlt seit knapp 20 Jahren, als ich begonnen habe mich mit Nachhilfe zu beschäftigen – ein Interview mit Josef Kraus, dem Vorsitzenden des Lehrerverbandes, auf meinen Schreibtisch. Ohne, dass ich den Herrn persönlich kenne, begleitet er mich seit vielen Berufsjahren – allerdings immer auf der anderen Seite einer imaginären Grenze zwischen Gegnern und Befürwortern von Nachhilfe. Nach der ersten Woche, in der ich Schülerinnen und Schüler unterrichtet habe, die nicht schlecht in der Schule sind, deren Eltern ihnen aber aus verschiedenen Gründen nicht bei den Hausaufgaben helfen können, ist mir beim Lesen des Interviews wirklich die Hutschnur geplatzt.

Gründe für Nachhilfe

Als Gründe für Nachhilfe lässt Herr Kraus allenfalls gelten, „wenn ein Lernrückstand da ist, weil in ein anderes Bundeslandgewechselt wurde, nach langer Krankheit oder in einer schwierigen familiären Situation. Sorry, Herr Kraus, aber das ist weit entfernt vom alltäglichen Leben.

Punkt 1: Schüler haben wie Erwachsene auch ohne Krankheit, Umzug und Krise mal einen Durchhänger und brauchen Unterstützung, um wieder den Anschluss an den Lernstoff zu finden.

Punkt 2: Es wird der Eindruck erweckt, als seien schlechte Noten ausschließlich bei den Schülern und vielleicht noch ihren Eltern zu suchen. Lernerfolg ist Ergebnis eines optimalen Zusammenspiels zwischen Schüler, Eltern und Schule. Nicht jeder Lehrer schafft es, Lernstoff so zu vermitteln, dass alle Schüler ihn verstehen, weil jedes Lernen auf individuellen Erfahrungen aufsetzt, die sind nicht beim einen schlechter oder besser, sie sind einfach anders. Darauf müssten Lehrer reagieren, nicht Schüler oder Eltern. Abgesehen davon, ein Thema, das m. E. viel zu wenig erwähnt wird, auch Lehrer sind nur Menschen, haben schlechte Tage oder tun sich schwer damit, Schüler, die sie nicht mögen, neutral zu behandeln. Aufgrund meiner fast zehnjährigen Lernbegleitung von Schülern, behaupte ich, dass dieser Aspekt ein ganz wesentlicher für schlechte Noten und Schulfrust sind. Ich weiß, dass es Schüler gibt, die einen durch ihre Art, provozieren und ich sage nicht, dass das Lehrer-Dasein einfach ist. Aber wenn sich alle Seiten mehr bewusst machen würden, dass beim Lernerfolg die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer großen Einfluss haben, würde vieles leichter.

Klassen- oder Schulwechsel statt Nachhilfe

Als ich das las, kam ich aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Auf die Frage, was Eltern konkret tun können, erklärte Herr Kraus: „Vor Weihnachten, bis zum Zwischenzeugnis kann man noch gut helfen, etwa die Schule oder Klassenstufe wechseln.“ Da bin ich als Pädagogin wirklich sprachlos. Das kann doch nicht ernsthaft ein allgemeiner Ratschlag sein? Natürlich kann das eine Lösung sein, ich habe die selbst Eltern und Schülern in Einzelfällen vorgeschlagen, aber zuerst einmal sollte man doch versuchen, den Schüler in seinem gewohnten Umfeld zu belassen.

Jeder Schul- oder Klassenwechsel, zumal in eine vermeintlich „schlechtere“ Schule oder gar untere Klasse wird als Versagen wahrgenommen, da kann man noch so sehr argumentieren. Sich davon zu erholen ist weit schwieriger, als mit Nachhilfe oder anderer Unterstützung den Schulstoff aufzuholen und in den Griff zu bekommen. Und das geht. Ich weiß aus der Praxis, wovon ich spreche. Ich gebe Nachhilfe, die ich lieber Lernbegleitung nenne, weil Nachhilfe heute weit mehr ist, als den Schulstoff noch einmal zu erklären. Fast immer benötigen die Schüler Ermutigung und Bestärkung, die sie in der Schule nicht bekommen haben und die Eltern oft nicht leisten können, weil sie gelähmt sind vor Sorge über die Zukunft ihres Kindes. Und deshalb reichen zehn bis zwölf Wochen eben nicht. Gerade, wenn es zwischen Eltern und Kindern ohnehin kriselt, kann eine langfristige Nachhilfe in Verbindung mit einem Lerncoach durchaus sinnvoll sein. Sie sagen ja selbst, Herr Kraus, dass für den beruflichen Erfolg wichtig ist, dass „man den richtigen Förderern über den Weg läuft“. Nachhilfelehrer und Lerncoachs sind sehr oft genau solche Förderer und ich habe in meinen zehn Jahren zig Schüler begleitet, mal kürzer, mal länger, mal die ganze Schulzeit über, die ohne meine Motivation und Erklärungen ihren Weg nicht geschafft hätten.

Ein völlig veraltetes Gesellschaftsbild

Was mich an dem Artikel aber am meisten stört, sind die Aspekte, die vergessen wurden.

Kein Wort darüber, dass heute in vielen Familien niemand ist, der die Hausaufgaben überprüft oder gar bei der Erledigung hilft. In seltensten Fällen wird die schulische Betreuung von Fachlehrern übernommen, die die Schüler kennen. Um ehrlich zu sein, habe ich das bisher von einer einzigen Schule gehört. In der Regel wird überprüft, ob etwas gearbeitet wurde, aber nicht kontrolliert, was richtig und falsch ist. Auch im Unterricht ist die Überprüfung der Hausaufgaben längst nicht mehr gang und gäbe. Sprich: Der Schüler geht davon aus, er hätte alles prima gelöst und wundert sich bei der nächsten Klassenarbeit, dass er den Stoff nicht verstanden hat.

Kein Wort über Schülerinnen und Schüler, deren Eltern entweder schlecht Deutsch sprechen und/oder nicht wissen, was in der Schule unterrichtet wird bzw. wie sie ihr Kind unterstützen können. Obwohl ich Deutsch studiert habe und in Mathe immer gut war sowie eine Lerntherapeuten-Ausbildung in beiden Fächern habe, sitze ich manchmal vor Aufgaben im Schulbuch und weiß nicht, was die Autoren vom Schüler wollen. Ich sag nur: Stängel-Diagramm! Hand aufs Herz, wer kann das aus dem Stand ohne zu googeln erklären? Ich habe es dann immer mit viel um die Ecke denken und Internetrecherche geschafft, aber den Aufwand betreiben die wenigsten Eltern bzw. können das gar nicht, weil sie anders als ich das Thema nicht in einen groben Zusammenhang stellen können. Gerade gestern habe ich mit einem kleinen Mädchen, das in der zweiten Klasse noch nicht richtig lesen kann, was anscheinend in der Schule niemand bemerkt hat, Lesen geübt. Bei dem Wort „flitzen“ kam sie ins Schleudern, weil sie es noch nie gehört hatte. Das ist eben die Realität und da kann Nachhilfe eine wertvolle Hilfe sein.

Kein Wort darüber, dass Schulunlust und Schulangst auch dadurch entstehen können, dass Lehrer unreflektiert unterrichten, widersprüchliche Ansagen vor Klassenarbeiten machen oder auch mal Schüler vor der ganzen Klasse lächerlich machen. Ich hatte hier schon Schüler, denen die Lehrer schon in den ersten Schultagen, der 1. Klasse wohlgemerkt, vor den Mitschülern erklärt haben, dass sie auf die Förderschule gehörten. Raten Sie mal, wer dafür gesorgt hat, dass diese Kinder trotzdem die Freude am Lernen behalten und sich schulisch gut entwickelt haben. Diese Lehrer ganz bestimmt nicht.

So, das musste einfach mal gesagt werden, weil ich es unglaublich finde, dass große Magazine immer wieder die gleichen Gesprächspartner befragen, die immer wieder die gleichen Vorurteile über Nachhilfe von sich geben. Obwohl es inzwischen Studien gibt, die die positive Wirkung von außerschulischer Lernförderung, die ich täglich betreibe, belegen. © Dr. Birgit Ebbert, Diplom-Pädagogin, Lerntherapeutin & Autorin