(27.01.2017) Heute wird wieder an die Menschen gedacht, die in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten umgekommen sind, unter ihnen auch Else Ury. Ja, das hat mich auch überrascht, als ich es das erste Mal hörte. Aber so ist es. Vor drei Jahren habe ich zum Gedenktag für die NS-Opfer eine Liste der Autoren erstellt, die in Auschwitz umgekommen sind. Eine der Autorinnen war Else Ury. Beim Durchsehen meines Stapels ungelesener Bücher ist mir nun ein Buch über sie wiederbegegnet: Mir kann doch nichts geschehen … von Marianne Brentzel. Ich habe es verschlungen, weil es einerseits das Leben einer emanzipierten Frau vor über 100 Jahren zeigt. Andererseits zeigt das Buch am Beispiel der Familie Ury, wie Juden bis zum Beginn von Hitlers Judenverfolgung in Deutschland lebten, sich für das Land engagierten und dass sie sich das Schicksal, das sie dann ereilte, nicht ahnten.

Mehr als Nesthäkchen

Vermutlich gehöre ich zu den wenigen Frauen meiner Generation, die als Kind nicht „Nesthäkchen“ gelesen haben. Vermutlich gab es im Münsterland eher die konservativere Pucki-Reihe von Magda Trott. Das war eine der interessanten Erkenntnisse der Lektüre des Buches von Marianne Brentzel: Während Else Ury ihre Geschichten rund um Annemarie Braun bereits vor dem ersten Weltkrieg begann, verfasste Magda Trott ihre Reihe erst in den 30er Jahren. Möglicherweise als Reaktion darauf, dass nach dem Verbot der Bücher von Else Ury die beliebten Nesthäkchen-Bücher nicht mehr verkauft werden durften. Die Bücher von Else Ury machten zu jener Zeit einen Großteil der Mädchenliteratur aus. Während allerdings Else Ury in ihren Büchern immer darauf achtete, dass auch Frauen gebildet waren und dass in den Familien ein partnerschaftlicher Umgang herrschte, hob Magda Trott für ihre Pucki-Bücher das traditionelle Rollenbild von der Frau am Herd hervor.

Am meisten verblüfft hat mich aber, wie viele Bücher Else Ury außer der Nesthäkchen-Reihe geschrieben hat, u. a. 1906 (!) das Buch „Studierte Mädel heute“ – zu einer Zeit, als noch nicht überall in Deutschland Frauen studieren durften. Das Buch und einige andere aus ihren gesammelten Werken stehen ab sofort auf meiner To-Read-Liste.

Das Leben von Else Ury

Else Ury ist in Berlin aufgewachsen und hat dort auch die meiste Zeit gelebt. Sie ist am 1. November 1877 geboren und gehört damit zu der Generation von Thomas Mann, der 1875 geboren ist. Ich weise darauf hin, weil ich Else Ury für jünger gehalten hatte, eher in Kästners Alter, der 1899 geboren wurde. Else Ury hat die Jahrhundertwende als Erwachsene bewusst miterlebt und auch die Kaiserzeit und den Untergang des Kaiserreichs. Aber auch für ihre Lebensgestaltung ist es wichtig, sich klar zu machen, wann Else Ury gelebt hat. Immerhin hat sie nie geheiratet und ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Kinderbüchern selbst verdient. In den 20er-Jahren war so ein Frauenleben auch selten, aber nicht ungewöhnlich. Zum Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts allerdings erstaunlich. Man kann sich heute nicht mehr vorstellen, dass sie selbst für die Einrichtung eines Kontos einen männlichen Bevollmächtigten brauchte. Else Ury lebte also sehr selbstständig, auch wenn sie immer mit ihrer Familie zusammenwohnte, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Bis dahin spielte ihre jüdische Herkunft für sie keine besondere Rolle. Erst dann wurde ihr – und das hat sie mit vielen Juden gemeinsam – klar, dass sie anders war. Doch obwohl die Repressalien und die öffentliche Verunglimpfung gegen Juden immer weiter zunahmen, hat sie geglaubt: „Mir kann doch nichts geschehen …“ Doch. Es ist ihr das Schlimmste geschehen, was einem Menschen in jener Zeit passieren konnte. Sie wurde im Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort am 13. Januar in der Gaskammer ermordet.

Ein Autorinnenleben vor über 100 Jahren

Else Ury war 23 Jahre alt, als ihre ersten Texte in der Vossischen Zeitung veröffentlicht wurden. Das erste Buch erschien 1905 im Globus Verlag, die Märchensammlung Was das Sonntagskind erlauscht. Es wurde 1927 neu aufgelegt in Meidinger’s Jugendschriftenverlag und erreichte da bereits eine Auflage von 55.000 Exemplaren! 1906 ist dann „Studierte Mädel heute“ fertig, das 1929 die 26. Auflage erreicht. Mit der Nesthäkchen-Reihe begann sie 1912, das letzte Buch erschien 1927. Zu jener Zeit waren Verlage übrigens auch schon sehr findig, was Leserbindung angeht – der Meidinger’s Jugendschriften Verlag richtete eine Nesthäkchen-Post ein, Kinder konnten der Autorin Briefe und Bilder schicken, die sie einmal im Monat beantwortete. Gelegentlich lud sie sogar einige Kinder zu  sich ein. Man kann also sagen, zu dem Zeitpunkt, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, durfte Else Ury davon ausgehen, dass ihr ein ruhiger, kreativer Lebensabend beschert war. Doch dann kam alles anders. Die Bücher von Else Ury wurden verboten, sie wurde aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und mit einem Schreibverbot auferlegt. Sie versuchte noch, sich mit englischen Übersetzungen den ausländischen Markt zu erobern, doch das gelang nicht, weil sie keinen Verlag fand und die Behörden auch das irgendwann unterbanden. Immer stärker zeigten sich auch im Alltag die Auswirkungen der Judenfeindlichkeit – Mütter wechselten die Straßenseite und ständig gab es neue Verordnungen, an die Else Ury sich halten musste. Das Tragen des Judensterns, das „J“ im Pass, die Umsiedelung in ein Judenhaus und schließlich die Deportationsmeldung für den 6. Januar 1943. Und nach dem Krieg? Da erschienen die Nesthäkchen-Bücher in überarbeiteter Fassung und wurden als Grundlage für eine Weihnachtsserie genutzt. Laut Wikipedia seien die Nesthäkchen-Bände in der Gutenberg-Bibliothek erhältlich, sind sie aber nicht – nur ihre anderen Werke, während es zu den Nesthäkchen-Büchern nur Anzeigen gibt. Eine Schelmin, die Böses dabei denkt. Da frage ich doch mal nach. Ich habe keine Antwort bekommen, aber festgestellt, dass man wenn man „Nesthäkchen“ und „Gutenberg“ in die Suchmaschine eingibt, auf die Bücher kommt. © Birgit Ebbert