Meine Bücher zur Erinnerungspflege(22.09.2015) Im Frühjahr ist bereits mein Buch „Leibgerichte“ mit Geschichten für Demenzkranke im Verlag an der Ruhr erschienen. Ehe ich mit der Arbeit begonnen habe, wollte ich mehr über die Bedeutung von Geschichten für die Betroffenen wissen.

Ich ahnte natürlich, dass sich Menschen mit dieser Krankheit wie die meisten Menschen besser an lang vergangene Erlebnisse erinnern als an das, was jüngst passiert ist. Ich dachte mir das deshalb, weil es in meiner Familie vor Jahren einen Fall von Amnesie gab. Eine halbstündige Reanimierung nach einem Herzinfarkt hatte dazu geführt, dass die Erinnerungen zunächst komplett weg waren und dann sukzessive wiederkamen. Als erstes wusste H. wieder die Adresse der Kindheitswohnung, die seine Mutter ihm als kleiner Junge eingeschärft hatte. Ich stelle mir den Erinnerungsverlust bei Demenz ähnlich vor – auch bei H. tauchte übrigens nicht alles wieder auf. Wir konnten anhand von Daten ziemlich genau eingrenzen, ab wann die Erinnerungen unwiderruflich verloren waren.

Ihm haben damals die vielen Berichte über das vergessene Leben geholfen, sich wieder zurechtzufinden. Das ist bei Demenzkranken eher schwierig, aber die Rückführung zu Erlebnissen kann ihnen angenehme Tage und zufriedene Momente verschaffen, die – das wissen wir von uns selbst – die Stimmung beeinflussen und sogar vor Alltagskrankheiten schützen können. In der Fachwelt, das habe ich bei der Recherche gelernt, nennt man diesen Teil der Altersbegleitung „Erinnerungspflege“.

birgit-ebbert-subset-2015-04-leibgerichteIm besten Fall greift Erinnerungspflege konkrete Ereignisse aus dem Leben jedes einzelnen auf, schaut Bilder an, hört vergessene Lieblingslieder oder besucht gar vertraute Orte. Aber das kann selbst in Familien oft nicht geleistet werden. Geschichten können da eine Stellvertreterfunktion einnehmen.

Und hier komme ich als Autorin ins Spiel. Meine Aufgabe war, Geschichten über Ereignisse und Erlebnisse zu entwickeln, an die sich möglichst viele Menschen erinnern. Diese habe ich dann sprachlich so aufbereitet, dass Sprache und Sätze möglichst einfach und kurz waren. Im Prinzip war das nicht anders, als wenn ich Vorlesegeschichten für Kinder oder Erstlesebücher schreibe. Während die Kindergeschichten die Fantasie über die Story hinaus erweitern sollen, ist es Aufgabe der Erinnerungsgeschichten, vergangene Erlebnisse zu reaktivieren und das Nachdenken und Sprechen darüber anzuregen.

Themen zu finden, ist mir nicht schwer gefallen, weil ich bereits als Kind sehr wissbegierig war und viele ältere Tanten und Onkel hatte, die ich aushorchen konnte. Ich habe mein Umfeld schon immer mit Fragen gelöchert und mir beim Schreiben der Geschichten oft meinen Vater oder meine Tante, meine Mutter oder meinen Onkel vorgestellt. Anscheinend habe ich den Nerv der Generation getroffen, meine Mutter jedenfalls hat alle Geschichten an einem Nachmittag verschlungen und die ersten Rückmeldungen aus der Arbeit in Pflegeeinrichtungen sind auch sehr positiv.

Buchtipp zur Erinnerungspflege: LeibgerichteBis jetzt sind drei Bücher von mir in der Reihe erschienen: „Leibgerichte“, „Spiele der Kindheit“ und „Unvergessliche Sportidole“. Was danach kommt, wird sich zeigen. Beim Schreiben habe ich entdeckt, dass Erinnerungsgeschichten auf jeden Fall zu den Aufgaben gehören, die mir besonders liegen. Daran werde ich sicher weiterarbeiten, zumal ich es – unabhängig von der Erinnerungspflege – wichtig finde, dass Erinnerungen gepflegt und aufbewahrt werden. Wenn ich jetzt noch eine Idee hätte, wie ich das Aufschreiben solcher Geschichten damit verbinden kann, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, hätte ich mein persönliches Ei des Kolumbus geknackt.

Hier ist übrigens eine Erinnerungsgeschichte, die ich als Geschenk für einen 75. Geburtstag geschrieben habe – als kleine Anregung, falls jemand ein Geschenk sucht für Mutter, Vater, Tante oder Onkel, die schon alles haben. © Birgit Ebbert

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