(02.05.2014) In Deutschland sind unter der Herrschaft der Nationalsozialisten unvorstellbar viele Juden gequält, entwürdigt und ermordet worden. Einige wenige haben überlebt – weil sie mutig waren und weil sie Menschen fanden, die sei unterstützt haben. Leonie und Walter Frankenstein gehören dazu. Sie haben es geschafft, mit zwei kleinen Kindern den Nazi-Schergen zu entgehen. Eine unglaubliche Geschichte, die mir heute zeigt, dass es auch in der Nazi-Zeit Menschen gab, für die Nächstenliebe keine Floskel war und die sich selbst in Gefahr gebracht haben, um andere zu retten.

Der Berliner Journalist Klaus Hillenbrand hat Leonie und Walter Frankenstein besucht, sich ihre Geschichte erzählen lassen und sie verbunden mit den historischen Fakten für ein berührendes und fesselndes Buch verarbeitet: „Nicht mit uns. Das Leben von Leonie und Walter Frankenstein“. Es ist bereits 2008 erschienen, ich habe aber erst davon erfahren, als ich Walter Frankenstein in einer Talkrunde sah, neben sich ein Bild seiner inzwischen verstorbenen Frau, was mich dazu gebracht hat, nicht umzuschalten, sondern zuzuhören – und danach das Buch zu bestellen.

Das Buch schildert das Leben der Familie Frankenstein, die im Auerbach’schen Waisenhaus beginnt und – wie das Foto in der Talkshow zeigt – über den Tod hinaus reicht. Dabei stand der Anfang ihrer Beziehung unter keinem guten Stern, wie die Leser in den ersten Zeilen des Buches erfahren. Damals, Anfang des Krieges im jüdischen Waisenhaus am Prenzlauer Berg, in dem sich Walter als Zögling und Leonie als Praktikantin begegneten. Schon bald entwickelt sich eine Zuneigung und schon bald wird den Lesern klar, weshalb die beiden es geschafft haben, sich an den Aufpassern und Denunzianten jener Zeit vorbei zu schleichen. Sie nahmen einfach den Judenstern ab und gingen zusammen auf den Rummelplatz. Verbotene Dinge für Juden, denen sie gemeinsam trotzten wie sie es in den nächsten vier Jahren noch oft taten. Sie erlebten, wie sich um sie herum die Schlinge um die Juden immer mehr zuzog und heirateten 1942, weil sie hofften, dass verheiratete Paare besser geschützt waren. Der einzige Schutz war in Berlin zu jener Zeit Arbeit in kriegswichtigen Betrieben. Leonie arbeitet in einer Fesselballon-Fabrik, Walter wurde eingeteilt, um für die Nazis einen Luftschutzbunker zu bauen. Auch dabei lässt er sich nicht unterkriegen.

Es ist eine erstaunliche Geschichte, die Klaus Hillenbrand erzählt, an vielen Stellen lässt er Leonie und vor allem Walter Frankenstein zu Wort kommen, was dem Buch eine zusätzliche Authentizität verleiht. Ich habe es fast verschlungen und musste mich zwischendurch unterbrechen, um immer wieder Ausrufezeichen an den Rand zu schreiben, weil manche Dinge so neu und unglaublich waren, dass ich sie markieren musste. Ein lesenswertes Buch, gerade weil es persönliche Erfahrungen mit historischen Fakten mischt.

1. Wie kamen Sie dazu, dieses Buch zu schreiben?
Der persönliche Kontakt mit dem Eheppar Frankenstein entstand 2005.
Da ich schon häufiger historische Recherchen für die „taz“ geschrieben habe, erwachte mein Interesse rasch, zumal die Frankensteins sehr offen mit ihrer Geschichte umgingen. Aus einem Besuch in Stockholm entstand einer längerer Zeitungsartikel. Daraus folgten Kontakte mit dem Suhrkamp-Verlag. Das Buch entstand auf Basis mehrerer langer Interview mit Leonie und Walter Frankenstein und mithilfe von Recherchen in deutschen, polnischen und israelischen Archiven.

2. Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?
Etwa drei Jahre

3. Welche Gefühle gegenüber Deutschen und Deutschland haben Sie bei dem Ehepaar Frankenstein gespürt?
Die Frankenstein reagierten sehr reserviert gegenüber Deutschen etwa ihres Jahrgangs, da sie sich nicht sicher waren, ob diese möglicherweise an der Judenverfolgung persönlich beteiligt waren. Daraus rührte auch ihre Distanz gegenüber der Bundesrepublik her, die sie zwar häufiger besuchten, sich aber nicht vorstellen konnten, dort auch zu leben.
Gegenüber jüngeren Deutschen waren (sind) sie sehr aufgeschlossen.
Walter Frankenstein hält überhaupt nichts davon, sie in irgend einer Form als schuldig an der NS-Verfolgung zu betrachten. Allerdings erwartet er von der jüngeren Generation, dass sich diese mit der NS-Vergangenheit beschäftigt, schon, um ähnlichen Tendenzen zu wiederstehen.