Nuri Irak „Die Reinigung“

(30.09.2013) Das Bild in der Ausstellung Hagener Künstler, das sich mir am stärksten eingeprägt hat, ist sicher „Die Reinigung“ von Nuri Irak. Diese Kombination aus dem Buch, einer aramäischen Bibel, aus dem nachdenklichen Blick des Künstlers und dem Blut, von dem ich inzwischen weiß, dass es tatsächlich Blut ist, hat etwas Verwirrendes. Vermutlich wollte Nuri Irak genau das erreichen, als er das Foto konzipiert und fotografiert hat. Ja, es handelt sich hier nicht um ein zufällig entstandenes Foto oder um ein Gemälde, wie ich anfangs dachte, sondern um eine sorgfältig inszenierte und bis in jedes Detail gestellte Foto. Beeindruckend, oder? Wenn man dann noch weiß, dass er sich nicht mit Farbe, sondern mit Schweineblut übergossen hat, dann kann man hoffentlich verstehen, warum mir das Bild nicht aus dem Kopf geht.

Hinzu kommt noch die Geschichte des Künstlers, der in der Türkei als Teil einer ethnischen Minderheit, der Aramäer, aufgewachsen ist. Seit fast 30 Jahren lebt er in Deutschland, bereits in der Türkei begann sein Leben für die Kunst. Unter anderem war er vor seiner Übersiedlung nach Deutschland Assistent des Istanbuler Malers und Karikaturisten A. Hamdi Kaya. Von Hagen aus befasste er sich zum einen mit der deutschen Sprache, um die hiesigen Menschen und die hiesige Kultur zu verstehen. Er beschäftigte sich aber auch intensiv mit der europäischen Malerei und besuchte in Wuppertal eine Fachoberschule für Gestaltung. Damals kam er zum ersten Mal mit dem Osthausmuseum in Kontakt, als er dort ein Praktikum im Rahmen der schulischen Ausbildung absolvierte. Schon während seiner späteren Ausbildung als Werbetechniker begann Nuri Irak damit, Kunstprojekte für Jugendliche und Erwachsene im In- und Ausland zu leiten und natürlich selbst künstlerisch tätig zu sein. Er gehört zu den Künstlern, die bereits in den Ausstellungen Hagener Künstler vor der Renovierung vertreten waren. Doch nicht nur das Osthausmuseum fand seine Kunstwerke ausstellenswert, die Liste seiner Ausstellungsorte ist lang, das Schloßburg-Museum in Niedeggen taucht ebenso auf wie der Landtag in Düsseldorf. 2012 waren Arbeiten von ihm sogar auf der „22. Internationalen Kunstmesse Tüyap“ in Istanbul zu sehen.

Nuri Iraks Ausdrucksform ist neben Holzschnitt, Malerei und Tuschezeichnungen die Fotografie, aber nicht die Fotografie, wie ich sie pflege, sondern eine inszenierte Fotografie, bei der jedes Element auf dem Foto seine Aufgabe hat, um ein bestimmte Wirkung zu erzeugen. Auf dem Foto „Die Reinigung“ soll mit der Bibel, dem Blut und der scheinbaren Verletzung auf die Blutopfer, die der Glaube in manchen Religionen heute noch fordert, hinweisen, aber auch auf die Geißelungen, die Christen sich früher zugefügt haben. Das ist die eine Seite des Bildes, die sich einem auch aufdrängt, wenn man es betrachtet. Die zweite Seite erfährt man erst, wenn man Nuri Irak zuhört, wie er erklärt, dass er mit dem Bild auch die Teufel seiner Kindheit austreibt bzw. sich mit Blut von Kindheitstraumata reinwäscht. Kunst ist eben vielschichtig. Sie geht über den Künstler hinaus und löst in jedem Betrachter eine andere Geschichte aus. Schon deshalb lohnt es sich, die Ausstellung, die am Sonntagabend endet, noch einmal zu besuchen.

Weitere Informationen über den Künstler: www.nuri-irak.de

Weitere Informationen über die Ausstellung: www.osthausmuseum.de