(27.04.2019) Was habe ich mich gefreut, dass ich rechtzeitig in Gotha war, um an der Eröffnung der Ausstellung „Oskar Schlemmer – Das Bauhaus und der Weg in die Moderne“ im Schloss Friedenstein teilzunehmen, die in Kooperation mit der Staatsgalerie Stuttgart gezeigt wird. Natürlich kann ich die Ausstellung bis zum 28. Juli noch ansehen, aber so eine Vernissage ist immer etwas Besonderes – und es verrät ein wenig über eine Stadt, das interessiert mich als Stadtschreiberin nebenbei auch noch. Oskar Schlemmer ist einer der Künstler, die meine Lebensorte wie einen roten Faden verbinden. Entdeckt habe ich ihn in Stuttgart, als ich dort lebte und viele Abstecher in die Staatsgalerie gemacht habe. Zu den Kunstwerken, die ich gezielt aufgesucht habe, gehörten immer die Figurinen des Triadischen Balletts. Auch im Osthausmuseum gibt es einige Werke in der Sammlung, die ich mir – wenn sie hängen – immer wieder anschaue, dazu gehört ein Bild von Oskar Schlemmer. Und das frühe Aufstehen hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Die Ausstellungseröffnung im historischen Ambiente

Na gut, das zauberhafte historische Ambiente im Herzoglichen Museum gab es schon, aber der Rest der Ausstellung und der Eröffnung wurde von den Verantwortlichen hervorragend organisiert. Schon das Entree ins Museum mit der neuen bauhauskapelle (Foto links) stimmte einen gleich ein und sorgte selbst bei den Besucherinnen und Besuchern, die nicht sofort einen Sitzplatz fanden, für gute Laune. Die Stuhlnot wurde sofort behoben, sodass am Ende fast alle den Eröffnungsreden sitzend folgen konnten. Aber den Gäste mit Stehplatz werden die Füße kaum schwer geworden sein, zumindest werden sie es nicht bemerkt haben, weil die Reden kurz, knackig, mit Augenzwinkern und Sachverstand vorgetragen wurden. Jeder Redner und jede Rednerin sprach eine andere Facette des Themas Oskar Schlemmer, Bauhaus und Moderne an, sodass die Zeit wie im Flug verging und meine Notizzettel vollgeschrieben sind.
Dr. Tobias Pfeifer-Helke, Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, begrüßte als Hausherr und stellte fest, dass Gotha mit dem Herzoglichen Museum und seiner Rolle in der Kartographie ein idealer Ort sei, um Oskar Schlemmer mit seinem Faible für Geometrie, Versachlichung und Abstraktion zu ehren.
Der Thüringer Minister für Kultur, Prof. Dr. Benjamin-Immanuel Hoff, wies darauf hin, dass es sich bei der Ausstellung um einen der Höhepunkte im Thüringer Bauhaus-Jahr handelt und erläuterte kurz, was sich in dem Zusammenhang in Gotha und der Region sonst noch tut. Die Ausstellung über Frauen am Bauhaus in Erfurt habe ich mir gleich notiert 🙂
Der Oberbürgermeister von Gotha, Knut Kreuch, gab einen kleinen Einblick in die Geschichte der Stadt, wo 1919 die Menschen auf die Straße gingen, um sich von der Berliner Regierung unabhängig zu machen, während in Weimar die Moderne gegründet wurde. Da werde ich noch nachfragen, ein Satz, den er gesagt hat, passt zu meiner Buchidee für Gotha, ich verrate noch nichts 🙂
Dr. Ina Contzen von der Staatsgalerie in Stuttgart erinnerte an Oskar Schlemmers Werdegang mit Blick auf die NS-Zeit, wo einige seiner Werke als „entartet“ gebrandmarkt und zerstört wurden, und die Wiederentdeckung nach Kriegsende.

Oskar Schlemmer im Herzoglichen Museum

Dr. Timo Trümper, Kurator der Ausstellung, nahm uns mit auf einen gedanklichen Rundgang durch die Ausstellung. Er beschrieb das letzte Fest, das Oskar Schlemmer am Bauhaus in Dessau initiiert hatte und schlug den Bogen zu den Exponaten der Ausstellung. Tanz war ein Kernthema für Oskar Schlemmer, so ist diesem Thema auch das räumliche Zentrum der Ausstellung gewidmet, hier tanzen 10 Originalfigurinen, an der Wand kann man zusehen, wie Oskar Schlemmer selbst in seinen Kostümen tanzte und unter der Decke hängen die Figurinen als Marionetten, so zauberhaft! Alleine für diesen Teil der Ausstellung lohnt sich der Besuch. Die tanzenden kleinen Figurinen bilden wirklich einen Kern der Ausstellung, darum herum sind Bilder, Skizzen und Modelle von Oskar Schlemmer, aber auch von Wassily Kandinsky und Laszlo Moholy Nagy gruppiert. In einem weiteren Ring finden sich weitere Werke von Oskar Schlemmer, u. a. zwei Studien zum Folkwang-Zyklus – ihr wisst schon, dass der Begriff Folkwang im Zusammenhang mit Kunst aus Hagen stammt! Und – da habe ich einen Besucher belauscht – neben diesen beiden Studien ist ein Entwurf für die Mendelsohn-Villa in Berlin zu sehen. Das Verrückte ist, dass ich erst gestern in dem Tagebuch von Harry Graf Kessler gelesen habe, dass er in Berlin die Mendelsohn-Villa besucht hat. Verrückt, oder? Jedenfalls sind in der Ausstellung viele Skizzen von Oskar Schlemmer zu sehen und sogar Aquarelle, die aus konservatorischen Gründen sonst nicht gezeigt werden.

In zwei Nebenräumen gibt es zudem eine Schlemmer-Werkstatt, in der Werke aus Workshops präsentiert werden, und eine Rauminstallation von Alexander Kluge, die ich mir noch einmal in Ruhe anschauen werde. Aber festgesetzt haben sich in meinem Kopf schon die Hinweise, was alles mit „Ju“ anfängt. Überlegt selbst mal 🙂 oder besucht die Ausstellung oder beschafft euch den Katalog, der natürlich schon auf dem Couchtisch liegt, damit ich einiges nachlesen kann. 🙂 © Birgit Ebbert

Weitere Informationen zur Ausstellung: www.stiftungfriedenstein.de

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