In der Gesamtausgabe der Anne Frank-Werke, die ich gestern vorgestellt habe, gibt es auch das kurze Kapitel „Einträge ins Poesiealbum“. An ihre Freundin Jacqueline van Maarsen hat sie zum Beispiel am 10. März 1942 geschrieben:

„Liebe Jacque,
bleib immer ein Sonnenstrahl,
In der Schule ein braves Kind.
Für mich meine liebste Freundin,
Dann wirst du von allen geliebt.
Zur Erinnerung an deine Freundin Anne Frank“
(zit. aus: Anne Frank Gesamtausgabe. S. Fischer 2013)

1942! Da wollte ich doch wissen, ob und wie sich dieser Eintrag von denen unterscheidet, die in meinem Poesiealbum stehen. Beim Durchsehen meines Albums war ich zunächst verblüfft, dass auch Lehrerinnen und sogar die Schönstatt-Schwester, die Religion unterrichtete, Kindergruppen leitete und an die ich mehrere unangenehme Erinnerungen habe, in dem Buch standen. Ob die heutigen Kinder ihre Lehrer auch ins Freundschaftsbuch schreiben lassen?

Als nächstes wunderte ich mich darüber, mit wem ich Anfang der 70er Jahre befreundet war. An manche Mädchen kann ich mich nicht erinnern – mit einigen habe ich aber noch immer Kontakt und sei es über Facebook. Andere würde ich gerne wiedersehen, finde sie aber nicht, weil sie vermutlich ihren Mädchennamen abgelegt haben – wie soll man da jemanden bei Facebook finden!

Witzig war der Eintrag meiner Brieffreundin. Ich war eben schon mit neun Jahren pragmatisch veranlagt. Unter dem Namen steht nämlich in Klammern: „geschrieben von Birgit Ebbert“. Und strukturiert war ich – im ersten Poesiealbum (das ohne Initialen!) gibt es eine klare Ordnung: Nach meiner Begrüßung (siehe Bild rechts) folgen mein Vater, meine Mutter, Platz für meine jüngere Schwester und meine Großeltern, die allerdings nie etwas hineingeschrieben haben. Dann kommt der Beitrag meiner Klassenlehrerin: „Eine Freude vertreibt hundert Sorgen.“ Erst danach durften sich die Freundinnen einreihen – Jungs habe ich in dem ganzen Album nicht gefunden. Zu der Zeit war ein Poesiealbum – glaube ich – noch ein Mädchen-Ding.

Der erste Eintrag stammt übrigens vom April 1971 und der letzte (!) vom 3. April 1981 – da habe ich anscheinend das Buch nach sechs oder sieben Jahren wieder hervorgekramt.

Ich frage mich, wie kamen wir damals an diese kurzen Gedichte, alle in einem ähnlichen Metrum und Reimschema. Ob die von Haus zu Haus kursierten? Internet gab es noch nicht. Und mit Quellenvermerken hatte man es auch noch nicht. So zitierte besagte Ordensschwester Antoine de Saint-Exupérys „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ ohne Quellenangabe, eine Cousine allerdings schrieb: „Freue dich mit mir! Es ist so traurig, sich allein zu freuen. (Lessing)“. Ansonsten kamen die Zitate eher von den Lehrerinnen, die anderen Kinder schrieben Gedicht wie:

„Auf zwei Rädern rollt die Welt,
das eine die Liebe, das andere das Geld.“

„So wie der Glanz der Sterne,
so blühe auch dein Glück,
denk auch in weiter Ferne,
recht oft an mich zurück.“

„Ein Seehund lag am Meeresstrand
wusch sich die Schnauz im weißen Sand.
O möchte doch dein Herz so rein
wie diese Seehundschnauze sein.“

Gerne genommen und kreativ auf der linken Seite umgesetzt: „Liebe Birgit, bleib gesund, bis zwei Kirschen wiegen ein Pfund.“

Amüsant finde ich auch diesen Beitrag auf der letzten Seite des Albums: „Ich habe mich hinten angewurzelt, dass niemand aus dem Album purzelt.“

Die Einträge der anderen ins Poesiealbum waren das eine. Grausige Erinnerungen habe ich daran, wie ich in die Alben der anderen geschrieben habe. (Eigentlich wäre es mal interessant zu erfahren, was ich geschrieben habe.) Das Schreiben auf den leeren weißen Seiten war der Horror, wenn kein Linienblatt zur Hand war. (Kennt man heute noch ein Linienblatt?) Dann wurden mit Bleistift Linien gezogen und später wieder wegradiert. Glaube ich. Hoffe ich! In meinem Album sind einige nicht wegradiert.

Meine Entdeckung im Gesamtwerk von Anne Frank zeigt, dass das Poesiealbum keine Erfindung der 70er Jahre ist. Das hätte ich wissen müssen, weil ich schon als Kind gerne im Poesiealbum meiner Mutter geblättert habe – vermutlich stammten daher die Sprüche, die ich in andere Alben geschrieben habe. Die Geschichte des Poesiealbums reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück, als Adelige mit ihrem „Stammbuch“ unterwegs waren, um sich auszuweisen. Da sie das Buch ohnehin bei sich trugen, entwickelte sich der Brauch, Begegnungen mit einem eingeschriebenen Wahlspruch zu dokumentieren. Diese Sitte übernahmen Studenten, die Sprüche von Professoren sammelten, und – wie ich von meiner Mutter erfuhr – Wandergesellen, denn auch mein Vater hatte als junger Geselle ein Poesiealbum, in das die Malermeister, bei denen er tätig war, und Kollegen einen Erinnerungsspruch schrieben.

Im 18. Jahrhundert gab es einen speziellen Markt für Blätter und Bilder, zu der Zeit wurden noch lose Blätter gesammelt. Das änderte sich im 19. Jahrhundert, als die Frauen den Brauch übernahmen. Statt der Loseblatt-Sammlung nutzten sie Bücher, in die neben Sinnsprüchen oft auch Segenswünsche Einzug hielten, die mit Glanzbildern und kleinen Zeichnungen versehen wurden. War das Poesiealbum zu jener Zeit eine Ägide des Bürgertums, fand es im 20. Jahrhundert auch den Weg ins Arbeiter- und Bauernmilieu wie das Beispiel meines Vaters beweist.

Heute wurde das Poesiealbum weitgehend abgelöst vom Freundschaftsbuch – weitgehend. Es gibt sie weiterhin zu kaufen, aber ob sie noch mit Sprüchen gefüllt werden? In ein Freundschaftsbuch zu schreiben, ist doch viel leichter: Lieblingsfarbe, Lieblingstier, Lieblingsmusik … – fertig. Wenn ich denke, wie lange ich allein darüber nachgedacht habe, ob ich „deine Freundin“ oder „deine Mitschülerin“ schreibe. Das waren direkt philosophische Gedankenspiele, die sich ergaben. Und dennoch, ob Wappenbild, Sinnspruch oder Fragen zu den Interessen, die Kernbotschaft bleibt: Der eine sichert die Erinnerung an den anderen. Nicht immer dauerhaft, wie ich bei der Durchsicht der Einträge feststellte. Mit den meisten Namen verbinde ich besondere Erlebnisse, aber an ein Mädchen erinnere ich mich überhaupt nicht. Sogar der Name war mir fremd, da werde ich wohl in meinen Fotoalben stöbern müssen. Und danach werde ich … – ach, das verrate ich nicht, das wäre auch ein schönes Romanthema. Es lohnt sich eben immer, in alten Unterlagen zu stöbern! Schreiben ist oft nichts anderes als Upcycling von Erlebnissen.

Meine Lesezeichen zum Thema, falls ich daran weiterarbeite:
Internetseite zur Sonderausstellung aus dem Jahr 2010 zum Poesiealbum im Lohrer Stadtmuseum mit geschichtlichen Informationen und Bildern alter Poesiealben
Beitrag über das Poesiealbum des Vereins für Dorfgeschichte Bliesmengen-Bolchen e. V.
Poesiealbum-Wettbewerb des Dorfmuseums Schönwalde
WDR-Beitrag Rosen, Tulpen, Nelken – Poesiealben

Dann sage ich mal: Allen, die diesen Blogbeitrag sehen, wünsche ich viel Glück und Wohlergehen! © Birgit Ebbert