(12.10.2014) Ich habe gestern Abend gelernt, dass man der Fee danken sollte für manche Wünsche, die nicht in Erfüllung gegangen ist. Ich bin dennoch froh, dass ein Wunsch, den ich seit über 20 Jahren gehegt habe, in Erfüllung gegangen ist. So lange Zeit habe ich erfolglos versucht, eine Karte für ein Konzert von Reinhard Mey zu bekommen. Immer war ich zu spät und auch in Hagen gibt es keine Karten mehr. Aber für den Auftritt in Bochum hatte ich im August eine der letzten Karten erobert. Eine Entscheidung, die ich nicht bereut habe.

Während ich mit Gedichten oftmals wenig anfangen kann, sprechen mich Lieder, die ja nichts anderes als vertonte Poesie sind, immer an. Auf der Rückfahrt habe ich mich gefragt, ob mir die Lieder von Reinhard Mey vielleicht deshalb besonders gefallen, weil sie auch eine Art Gebrauchslyrik sind wie die Gedichte von Erich Kästner.

Beweis, dass ich auch zu DM-Zeiten schon CDs von Reinhard Mey gekauft …

Ich bin jedenfalls mit einem Büchlein voller Notizen und Ideen nach Hause gefahren. Beeindruckt davon, wie es Reinhard Mey gelungen ist, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Tatsächlich mit „Musik von Hand gemacht“. Auf der Bühne gab es keine Band und kein Orchester, keine Video-Wall und keine Action, nur einen Mann, der Gitarre spielte, seine Lieder dazu sang und zwischen durch mit amüsanten und nachdenklichen Anmerkungen von einem Song zum nächsten überleitete.

Eine Idee werde ich für meine Lesungen übernehmen, das habe ich mir fest vorgenommen. Ich nenne sie mal „Ortsgedicht“. Reinhard Mey begann den Abend mit einem Lied an Bochum und das Bochumer Publikum: „N’Abend, Bochum.“ Da bin ich sehr neugierig, wie das Lied in anderen Städten klingt. Hätte ich die Zeit, würde ich schon deshalb von einem Konzert zum nächsten reisen. Aber auch und vor allem, weil ich das eine oder andere Liedgedicht noch einmal hören möchte wie „Freundliche Gesichter“, eines meiner Lieblingslieder, das ich im Auto spiele, wenn ich zu einer Lesung fahre.

Ich möchte nicht zuviel von dem Programm verraten, um denjenigen, die eine der Karten in Hagen oder sonstwo ergattert haben, nicht die Spannung zu nehmen. Aber an manchen Stellen dachte ich: Ja, mir geht es genauso, zum Beispiel, als Reinhard Mey davon sprach, dass er einen Beruf hat, der ihm erlaubt, bei der Arbeit zu singen. Das kann (und sollte) ich nicht, aber ich darf schreiben, wovon ich als kleines Mädchen geträumt habe wie Otto Lilienthal vom Fliegen, worüber ebenfalls gesungen wurde.

… und dass ich schon als Jugendliche Reinhard Mey gehört habe.

An einer Stelle allerdings muss ich Reinhard Mey widersprechen, ach, das ist das falsche Wort, ich muss ihm sein Einschätzung aus Mädchen-Sicht schildern. Nach meiner Erfahrunge interessieren sich Jungen nicht dafür, ob ein Mädchen Gitarre spielen kann oder nicht! Ich weiß, wovon ich spreche. Es wird seinen Grund gehabt haben, warum in der Anzeige, die ihn zum Gitarre spielen motiviert hat, ein Junge und zwei Mädchen abgebildet waren.

Vielleicht habe ich auch zu früh aufgegeben oder mein Wunsch, Gitarre zu spielen und „Spielmann“ zu sein, war nicht stark genug. Bei Reinhard Mey ist er so stark, dass er mit Anfang 70 noch zwei Monate lang jeden Tag auf der Bühne steht. Nur er und seine Gitarre.

Erstaunlich, was ein erfüllter Wunsch anregen kann, oder? Dabei ist das nur ein kleiner Teil dessen, was in meinen „Vaters Notizbuch“ steht, ich trage nämlich nicht „Vaters Mantel“, den Reinhard Mey besungen und beschrieben hat, sondern habe zufällig gerade gestern in ein altes Notizbuch meines Vaters geschrieben. Die Welt ist manchmal denkwürdig, oder? © Birgit Ebbert

Informationen zur Tour und mehr gibt es auf www.reinhard-mey.de