Schummerig war es wohl auch, das Romanische Café  (21.05.2016) Als ich die Ankündigung für den Abend „Reminiszenzen ans Romanische Café“ las, war ich gleich wie elektrisiert. Wann liest man schon den Namen des berühmten Berliner Künstlercafés, in dem Erich Kästner viel Zeit verbracht hat, in einem Veranstaltungsprogramm. Da muss ich hin, das wusste ich sofort, zum einen wegen der Kästner-Rezitationen, die die Ankündigung versprach, zum anderen weil das eine gute Gelegenheit war, erneut den Einstieg zu Herti Kirchner zu finden. Das war eine der ersten Freundinnen von Erich Kästner, Schauspielerin, Rundfunksprecherin und Kinderbuchautorin, mit deren unveröffentlichten Briefen ich mich im letzten Jahr intensiv beschäftigt habe. Schon direkt nach ihrem Umzug nach Berlin hat sie das Romanische Café besucht und dort vielleicht auch Erich Kästner kennengelernt.

Das Kultopia erinnert ans Romanische Café

Schauspieler und Sprecher Horst Lappöhn

Vor diesem Hintergrund ging ich also gestern Abend ins Kultopia, wo das Café K sehr hübsch hergerichtet war, sodass ich zumindest einen Hauch von Kaffeehaus verspürte und sich vorstellen konnte, wie das Romanische Café ausgesehen haben könnte. Ok, das Schachbrett, von dem Herti in einem Brief spricht, habe ich nicht gesehen, aber so genau habe ich auch nicht geguckt, sondern mich sofort auf den ersten der drei Künstler gestürzt, um eine Fotoerlaubnis zu erbitten. Die habe ich bekommen, wie man sieht, und auch gleich erfahren, dass Horst Lappöhn sich schon seit seinem 20. Lebensjahr, als er in Berlin die Schauspielschule besuchte, mit den Werken der Künstler, die im Romanischen Café ein und aus gingen, beschäftigt. In verschiedenen Programmen tauchen sie immer wieder auf und nun eben in den „Reminiszenzen ans Romanische Café“, die er zusammen mit dem Cellisten Helmut Besten und dem Gitarristen Peter Boenig in Szene setzte.

Helmut Besten am Cello

Dass er sich so lange mit den Autoren wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Martin Morlock, Walter Mehring beschäftigt hat, bestätigte sich im Laufe des Abends, als er die eine oder andere Anekdote über die Künstler zum Besten gab, die mir – obwohl ich mich mit deren Leben im Rahmen meines Projektes zu Bücherverbrennung 1933 intensiv befasst habe – nicht bekannt waren. Das hat mir gut gefallen, dass die Texte der Autoren nicht nur vorgetragen, sondern in ihr Leben und ihren Lebensverlauf eingebunden waren. Sogar die Lage des Romanischen Cafés, „im unteren Drittel des Kurfürstendamms, vom Zoo aus auf der linken Seite“, haben wir erfahren – das deckt sich mit Hertis Beschreibung 🙂

Erich Kästner – Stammgast im Romanischen Café

Mit Musik und Text ans Romanische Café erinnernVon Erich Kästner weiß man ja, dass er seine Texte teilweise im Café schrieb, vielleicht sind „Primaner in Uniform“, „Das Eisenbahngleichnis“ oder „Verdun viele Jahre später“, die wir hörten, im Romanischen Café entstanden, wer weiß. Es war jedenfalls schön, sie einmal zu hören und nicht zu lesen, zumal sie den kritischen Kästner zeigen, den viele heute angesichts seiner Kinderbücher nicht vor Augen haben. Wie viele auch nicht wissen, dass er das Drehbuch für den Ufa-Film „Münchhausen“ geschrieben hat, mit Sondererlaubnis von Goebbels zunächst unter dem Pseudonym Berthold Bürger, bis Hitler bei der Voraufführung erbost mitbekam, wen man ihm da als Autoren untergejubelt hatte und darauf bestand, dass keinerlei Verbindung zwischen dem Film und Kästner bekannt werden durfte.

Das Trio erinnert ans Romanische CaféAber Kästner war nur einer der Autoren, an den die drei Künstler erinnerten. Bertolt Brecht war vertreten mit der „Ballade von der Unzulänglichkeit des menschlischen Strebens“ aus der 1928 uraufgeführten „Dreigroschenoper“ und dem „Lied von der Moldau“ aus „Schwejk im 2. Weltkrieg“ mit einer Smetana zitierenden Musik von Hanns Eisler. Walter Mehring wurde durch einen Kostümwechsel und den Vortrag „im Stile des Mephisto“ des Textes „Der Rattenfänger“ gedacht. Von Kurt Tucholsky, den Erich Kästner als kleinen dicken Mann, der „versucht mit der Schreibmaschine den Lauf der Welt aufzuhalten“ beschrieben hat, wurde „Das Leibregiment“ mit einer Musik von Werner Richard Heymann dargeboten. „Das Stempellied“ mit einer Musik von Hanns Eisler war zu hören, dessen Ursprungstext von Robert David Winterfeld alias David Weber alias Robert Gilbert von Brecht um eine Strophe erweitert worden war. Sogar einen Autor habe ich kennengelernt, der mir völlig unbekannt war: Georg von der Vring, aber der Beitrag „Der Mond von Flandern“ aus dem Buch „Der Mann am Fenster“ hat mich neugierig auf den Schriftsteller gemacht.

Eine kleine Geschichte des Trios „Anonyme Volksweisen“

Peter Boenig bei den Reminiszenzen ans Romanische Café

Es würde zu weit führen, jeden Beitrag zu nennen, immerhin dauerten die „Reminiszenzen ans Romanische Café“ fast drei Stunden und nur wenig davon war Pause, die ich aber gleich genutzt habe, um von Peter Boenig mehr über die Gruppe zu erfahren, die sich „Anonyme Volksweisen“ nennt – upps, ich habe nicht gefragt, ob sie sich vielleicht mit „ai“ schreiben. Peter Boenig und Horst Lappöhn kennen sich bereits seit ihrem 12. Lebensjahr, kurz darauf begannen sie Musik zu machen – und lernten beide Gitarre bei Peter Boenigs Onkel Frank Nölle. Dann trennten sich ihre Wege, Horst Lappöhn zog nach Berlin, um Schauspieler zu werden und Peter Boenig widmete sich als Bassist der Musik in verschiedenen Formationen, bis er sich als „Beat-Opa“ vorkam und sie wieder zusammentrafen. Heute treten sie mit verschiedenen Programmen auf, wo immer sich ihnen die Möglichkeit bietet. Wie sagte Helmut Besten, als ich den Herren gute Erholung wünschte nach dem langen Abend – „solange es Spaß macht, merkt man nichts von Anstrengung“. Mir und dem restlichen Publikum hat’s auch Spaß gemacht zuzuhören. Bis zum nächsten Mal. © Birgit Ebbert

Weitere Termine von „Reminiszenzen ans Romanische Café“: 23. September und 16. Dezember im Café K im Kultopia.