(17.04.2020) Über die Ostertage habe ich endlich den historischen Roman „Rosie und die Suffragetten“ von Katharina Müller gelesen, meiner Nachfolgerin als Stadtschreiberin in Gotha. Ich habe die Lektüre auch genutzt, um Katharina nach ihrem Leben in Gotha in der Corona-Zeit zu fragen.

Rosie und die Suffragetten

Doch zuvor ist hier ein Eindruck von dem Roman über das Dienstmädchen Rosie, das sich durch einen Zufall und Glücksfall mitten in der Geschichte der Frauenrechte wiederfindet. Rosie flieht 1908 nach einem Streit in dem Haushalt, in dem sie als Dienstmädchen arbeitet, nach London in der Hoffnung dort ihre Schulfreundin Helen zu finden, die eine alte Tante versorgen muss. Aber London ist groß und Helen Smith nicht gerade ein außergewöhnlicher Name. Doch Rosie hat gleich doppelt Glück, zunächst wird sie von der gut gekleideten Jane angesprochen, die ihr Unterkunft, Arbeit und die Bekanntschaft von netten Männern verspricht. Zu Rosies Glück kommt Jane nicht wie versprochen zurück, stattdessen begegnet sie der Leiterin einer Einrichtung für Frauen, die wie Rosie in der Großstadt ihre Zukunft sehen. Bald wird Rosie in den Haushalt von Emiline Pankhurst vermittelt, eine fortschrittliche Frau, die ihren Dienstboten einige Annehmlichkeiten beschert und sich für das Frauenwahlrecht einsetzt. Rosie ist beeindruckt und angesteckt, schon ihr Vater war politisch aktiv, was ihn am Ende das Leben und Rosie eine ärmliche Kindheit kostete. Aber nun ist sie wieder mitten drin im Geschehen, da spürt sie die Nachtschichten kaum, in denen sie Schärpen für Mrs. Pankhursts Aktivistinnen näht. Unsicher wird sie erst, als sie zusammen mit den anderen Frauen bei einer Aktion verhaftet wird und eine der Damen lauthals beklagt, dass sie mit einem Dienstmädchen die Gefängniszelle teilen muss. Von da an achtet Rosie stärker darauf, was um die herum geschieht. Ob das zu ihrem Wohlergehen ist, müsst ihr selbst lesen 🙂 In jedem Fall eine interessante Lektüre, die einen 100 Jahre an die Anfänge der Frauenbewegung in England zurückführt. Ich hätte mir am Ende des Buches einen kleinen Exkurs zu den historischen Fakten gewünscht, die man natürlich auch recherchieren kann, aber ich habe immer gerne alles zusammen 🙂

Drei Fragen zum Buch

Der Vorteil, dass es keinen historischen Abriss gibt, ist, mir sind ohne lange zu überlegen drei Fragen zum Buch eingefallen, die ich Katharina Müller gestellt habe.

Wie bist du auf die Idee zu dem Buch gekommen?
Ich habe in Nordengland „Women’s Studies“ studiert. Dort im Norden hatte der Kampf um das Frauenwahlrecht im 19. Jahrhundert begonnen: Bei den gut ausgebildeten, gewerkschaftlich organisierten Weberinnen und anderen Textilarbeiterinnen. Ich fand großartige Bücher zum Thema und war fasziniert.

Warum spielt dein Buch in England? Gab es in Deutschland keine vergleichbaren Personen oder Aktionen?
Meines Wissens gab es in Deutschland nichts Vergleichbares: Nicht in dieser Tollkühnheit und Radikalität. Ich finde aber, man darf auch ein Buch über England schreiben, wenn man das möchte 🙂

Wie kam es zu dem Begriff Suffragetten?
„Suffragettes“ war in England ein von den Medien geprägter Spottname  für die Frauenwahlrechts-Kämpferinnen. „Suffrage“ bedeutet ‚Wahl‘, der Zusatz „-gette“ ist eine weibliche Verniedlichungsform

Leben in Gotha in der Corona-Zeit

Ich habe in den letzten Wochen oft an meine Zeit in Gotha vor einem Jahr gedacht, was habe ich da nicht alles erlebt: den Ostereiermarkt, die Faltworkshops mit den Kids, Besuch aus Köln, Ausstellungseröffnungen, Café-Besuche und natürlich die Spaziergänge im Park. Bis auf die Spaziergänge im Park ist derzeit auch in Gotha nichts von dem möglich. Deshalb wollte ich von Katharina Müller wissen:

Wie erkundest du Gotha von deinem Teilzeitzuhause aus?
Mit meinem hoch geschätzten Stipendiatinnen-Fahrrad! Oder zu Fuß. Und im Gespräch mit Fachleuten, etwa für Geschichte, regionale Sprache oder Stadtplanung: Kontakte, die mir netterweise Herr Märtin, der Pressereferent, vermittelt. Gotha ist auch in der stillen Zeit 2020 schön, und ich bin froh, hier zu sein.

Was steht auf deiner Todo-Liste für die Zeit nach dem Logdown?
Alles, was im Moment nicht geht: Bibliothek, Museen, Kino, Feste, Cafés, vielleicht gehe ich auch mal tanzen. Schön wäre es, sich irgendwann wieder ganz unbefangen durch die Stadt bewegen zu können.

Welche Besonderheiten in Gotha hast du schon jetzt entdeckt?
Den Verein für Stadtgeschichte. Die Gartenstadtsiedlung Schmaler Rain. Die Dschungelrumpel:-). Ein spannendes Kulturprojekt und einen ganz besonderen Garten. Zwei Antiquariate (Ich durfte nur in eines ganz kurz rein, aber allein, dass es sie gibt, macht mich froh.). Das Waidhaus. Die Pferdekopf-Skulptur Fallada. Einen bunten Wochenmarkt mit lokalen Produkten. Nette und kluge Menschen. Auch wenn die Stadt nicht ‚brummt‘, kann man hier viel entdecken.

 

PS Wenn ihr euch erinnern wollt, was ich im letzten Jahr in Gotha erlebt habe – auf dieser Seite findet ihr Blogbeiträge und Kolumnen.

(Foto von Katharina Müller aus ihrem Archiv)