Der Umschlag sieht wirklich so aus –
innen und außen, vorne und hinten

(21.01.2014) Als ich kürzlich ein Foto aus meiner Kindergartenzeit in meinem Kindheitsfotoalbum suchte, fiel mir ein unscheinbares Heftchen in die Hände. Im ersten Moment wollte ich es bereits entsorgen, dann kam ich auf die Idee, es aufzuschlagen. „Säuglingsfürsorge des Kreises Borken i. W.“ stand auf der ersten Seite und darunter mein Name und mein Geburtsdatum. Und dann kamen die Verhaltensmaßregeln für Mütter. Ein interessantes Zeugnis für das Denken noch vor 50 Jahren, finde ich.

„1. Jede Mutter soll nach Möglichkeit ihr Kind selbst stillen. Nur ärztliches Verbot darf sei davon abhalten, denn die Ernährung an der Mutterbrust macht das Kind widerstandsfähig gegen Krankheiten (Englische Krankheit, Brechdurchfall, Skrolutose, Tuberkulose etc.) und Entwicklungsstörungen. Auch die Mutter, die nur wenig Milch hat oder zur Arbeit muss, soll mindestens morgens und abends ihrem Kinde die Brust reichen.

2. Fünf Mahlzeiten am Tage genügen für jedes Kind (z. B. morgens 6 Uhr, 10 Uhr, mittags 2 Uhr, abends 6 Uhr und 10 Uhr). Stillzeit 10 – 15 Minuten. Jedesmal nur eine Brust geben und diese gut leertrinken lassen! Nachts sollen Mutter und Kind von Anfang an Ruhe haben.

3. Die unnatürliche (künstliche) Ernährung mit Kuch- oder Ziegenmilch erfordert unverhältnismäßig mehr Zeit und Mühe, kostet Geld und bleibt immer ein gefährliches Wagnis.

Jedenfalls verlangt sie peinlichste Sorgfalt und Sauberkeit, besonders in Bezug auf die Gewinnung und Behandlung der Milch, der Milchgefäße, Flasche und Sauger.

Nur ganz frisch gewonnene, schnell abgekochte und dauernd kühl und verschlossen aufbewahrte Milch darf zur Anwendung kommen.

Irgendwelche Kindermehle oder fabrikmäßig hergestellte Säuglingsnahrung gebe man nur auf ausdrückliche ärztliche Verordnung.

4. Jedes Kind braucht viel Luft, Licht und Sonne! Daher keine beengenden Wickel und Kleidungsstücke, keine zu warme und schwere Bettung.

Regelmäßiges Lüften des Schlafraumes, des Bettzeugs und täglicher Aufenthalt des Kindes an der frischen Luft sind Notwendigkeit.

Ebenso müssen Kinder täglich gebadet werden. Auch die Kopfhaut ist abzuseifen und auf Finger- und Fußnägelchen zu achten, die man kurz schneiden soll. Mundauswischen ist ebenso wie jeder Schnuller oder Lutscher verboten.

6. Jede Mutter sei gewarnt vor unberufenen Ratgebern. Ein krankes Kind bringe sie ungesäumt zum Arzt.“

Punkt 5 gibt es nicht, wie auch keinen Quellenvermerk zu finden ist. Aber ich fand den Text als Zeitzeugnis interessant. Vor allem die „Verbotshinweise“, wenn ich mir anschaue, dass Schnuller heute gang und gäbe sind. Puh, die armen Mütter damals. Väter gab es wohl keine!

Immerhin weiß ich nun, dass ich vom 19. April bis 16. August gut ein Kilogramm zugenommen habe. Was man mir am 16. August verabreicht hat, kann ich nicht entziffern, aber der Vigantolstoß, den ich im April bekommen habe, war damals üblich zur Prävention von Rachitis und anderen Krankheiten.