„Hol mich raus! Hol mich raus!“
Aus welchem Märchen das wohl ist?

(30.10.2013) Nun ist es also wieder soweit. Viele Schaufenster in Hagen verwandeln sich in kleine oder große Kunstwerke und laden zum Verweilen ein. In diesem Jahr können die Besucher außerdem ihre märchenhafte Allgemeinbildung auf die Probe stellen und rätseln, ob es nun der Froschkönig oder Sterntaler, Goldmarie oder Pechmarie, Frau Holle oder der böse Wolf sind, die ihnen aus den Schaufenstern entgegensehen.

Der 15. Schaufensterwettbewerb sei das nun, schreibt der Veranstalter die Hagen-Agentur. Für mich ist es der sechste und ganz besonders ist mir der von 2010 in Erinnerung geblieben, als uns die Einzelhändler und anderen Aussteller mitnahmen auf eine Zeitreise. Möglicherweise verdrängt der aktuelle Wettbewerb den von 2010 jedoch. „Märchen“ sind ja ein originäres Thema für Autoren und im Grimm-Jahr habe ich immer mal wieder in alten Märchenbüchern geblättert und gelesen und mir sogar die Gesamtausgabe als E-Book heruntergeladen. Wenn ich also mit meinem Tablet unterwegs bin, könnte ich aus dem Stand zu jedem Schaufenster das passende Märchen vorlesen. Vorausgesetzt, ich habe herausgefunden, um welches Märchen es sich handelt. An einigen Schaufensterscheiben steht der Märchentitel, an anderen nicht. Was dem Spaß keinen Abbruch tut, denn so kommt man vor der Märchenszene ins Grübeln und ins Gespräch und stellt fest, dass man wieder einmal den genauen Wortlaut des Textes nachschlagen sollte.

Der Schaufensterwettbewerb ist übrigens keine Erfindung der heutigen Zeit, auch wenn uns das so erscheint. Gewiefte Hagener wissen, dass die Idee 2010 (genau, als das Motto „Zeitreise“ lautete) 100 Jahre alt war. Es war kein Geringerer als Karl Ernst Osthaus, der 1910 die Idee in den Ring warf, um auch auf diese Weise seine Mission, das Volk für Kunst und Ästhetik zu sensibilisieren, voranzubringen. Am 1. und 2. Mai 1910 fand in Hagen ein Schaufensterwettbewerb statt, zu dem Osthaus in einem Vortrag über „Schaufensterdekoration und ihre Beziehung zur Kunst“ so etwas Ähnliches wie Leitlinien aufstellte. Er wies darauf hin, dass ein Schaufenster „weder ein Preisrätsel noch ein bizarres Panoptikum“ sei, „welches zwar Leute anlockt, ihnen aber nicht verrät, was sie im Geschäft kaufen können“. Wir wissen heute nicht mehr, welche Geschäfte er meinte, als er kritisierte, dass Parforcejagden gezeigt werden, „um herbstliche Kostüme anzubieten, oder Kinderzimmer, wenn es um Säuglingspflege geht.“ Das ist alles Quatsch, meinte er, wichtig sei, dass ein Schaufenster zeigt, was im Geschäft zu erhalten sei. „Die Kunst besteht darin, wie man die Objekte von Farbe oder Form her in das Schaufenster hineinkomponiere.“

Die Jury bestand 1910 aus drei Kaufleuten und zwei Kunstsachverständigen, was mich auf die Frage bringt, wer eigentlich heute die Jury bildet. Ein Blick in den Flyer verrät es, halb zumindest. Man erfährt nicht, welche Personen nun genau die Entscheidung fällen, aber doch, dass die Jury aus drei Personen besteht, einem Experten für visuelles Marketing, einem Vertreter der SIHK Hagen und …, das würde mich interessieren, aber heute Abend bekomme ich darauf vermutlich keine Antwort mehr. Aber ich finde heraus, dass heute 52 Schaufenster beteiligt sind. 1910 waren es – Achtung! – 100 Geschäfte mit 200 Schaufenstern. Unglaublich, oder? Der Bericht über den Wettbewerb von Walter Erben in meiner „Osthaus-Bibel“ verrät, dass die Aktion damals ein großer Erfolg und eine echte Volksbelustigung war. Das kann der Schaufensterwettbewerb in diesem Jahr auch wieder werden, noch sind Ferien, ein Feiertag und ein verkaufsoffener Sonntag nahen – Zeit genug, um allein oder mit der Familie gemächlich durch die City, durch Wehringhausen und Boele zu bummeln. Am besten gleich mit dem Flyer samt Stimmzettel in der Hand. Dank eines wirklich blitzschnellen Postings bei Facebook von Stefanie habe ich noch einen „echten“ Flyer in der Stadtbäckerei Kamp an der Elberfelder Straße erobern können. (Nachher habe ich gesehen, dass auch im Eingang vom Kaufhof neben der „Stimmurne“ noch einige Flyer zu haben waren – ehe die Frau vor mir sich bediente!) Stefanie Kamp ist es auch zu verdanken, dass ich den Blogbeitrag mit einem Foto versehen konnte. Sie hat spontan ihr Märchenschaufenster für ein Raben-Shooting zur Verfügung gestellt. Das – wie ich finde – die Kriterien von Karl Ernst Osthaus erfüllt und besonders zum Rätseln einlädt. Heißt das Märchen nun „______ _______“ oder „________ und ______“. Das überlasse ich den geneigten Lesern und Betrachtern und wünsche in den nächsten 10 Tagen viel Spaß beim Schaufensterbummel. Mein Tipp: Mit einer E-Book-App sind Grimms Märchen auch auf dem Smartphone zu lesen.

Passen Sie aber auf, dass es Ihnen nicht ergeht, wie manchen Familien 1910, als einige Kinder „im Gedränge ihren Eltern abhanden gekommen waren.“ Ach ja: „das Leben und Treiben in den Lokalen zeigte, daß auch die Wirte ihren guten Tag hatten.“ © Birgit Ebbert

(Die Zitate stammen aus dem Aufsatz „Karl Ernst Osthaus, Lebensweg und Gedankengut“ von Walter Erben, erschienen in: Karl Ernst Osthaus Leben und Werk. Aurel Bongers Verlag 1971, S. 72ff)

Termine und Informationen rund um den Schaufensterwettbewerb

www.hagen-online.de – Flyer mit Teilnahmeschein

3.11. 13.00 Uhr – 18.00 Uhr verkaufsoffener Sonntag

5.11. 16.00 Uhr geführter Rundgang durch Wehringhausen, Start am Wilhelmsplatz

6.11. 14.00 Uhr geführter Rundgang Innenstadt, Start am Theater Hagen

8.11.  Präsentation der Preisträger

Infos und Anmeldung: HagenAgentur, Claudia Voss, Tel. 02331 80999-34, voss@hagenagentur.de