(22.04.2014) Seit meiner Kindheit fasziniert mich die Burg Gemen – vielleicht, weil es die erste Burg ist, die ich bewusst erlebt habe, als mein Vater als Maler im Schloss arbeitete und meine Mutter ihn mit mir im Schlepptau besuchte. Auf mich als vielleicht Vierjährige muss der Turm der Burg, der mir noch heute imposant erscheint, wuchtig und unermesslich riesig gewirkt haben.

Hier an der Burg habe ich auch erste Bekanntschaft mit Kanonen gemacht, die heute noch wie zu meiner Kindheit im Burghof stehen. Selbst einige Enten tummelten sich noch im Burggraben, Nachfahren der Enten, die ich als Kind mit Brot gefüttert habe. Ob es damals schon so viele Rabenvögel gab, weiß ich nicht mehr. Immerhin haben sie sich als so zutraulich erwiesen, dass ich sie fotografieren konnte.

Auch wenn die Wasserburg in dem Borkener Stadtteil Gemen gemeinhin Burg genannt wird, handelt es sich doch eher um ein Schloss, das so manchem einflussreichen Adeligen Heimat bot. Erstmals erwähnt wurde das Gebiet bereits 962, unter dem Namen „Gamin“ als Vogteilehen des Damenstifts Vreden. 1100 erscheint in den historischen Unterlagen dann schon ein Bernadus die Ghemene. Von da an tauchen die Herren von Gemen immer wieder in der Geschichte auf, ab dem 13. Jahrhundert gab es dann auch das Anwesen, das in mehreren Bauabschnitten von einer Holzburg zum heutigen Schloss wurde.

Die Herrschaft versucht, ihre Unabhängigkeit zu bewahren, vor allem von den Fürstbischöfen in Münster, die großes Interesse an dem Anwesen bekundeten. Um sich den Anforderungen zu erwehren, gingen die Herren von Gemen immer wieder neue Bündnisse ein mit Grafen, Herzögen, dem Erzbischof von Köln und sogar mit der reichsfreien Stadt Dortmund. Durch geschickte Heiraten sicherten die Herren von Gemen sich schließlich nicht nur ihre Unabhängigkeit, sie gewannen auch an Einfluss in Westfalen. Heinrich III von Gemen erwarb schließlich die Burg von einem Lehnsherren und baute sie bis 1411 zu einem Schloss aus.

Die für mich spannendste Zeit erlebte das Schloss und das dazugehörige Herrschaftsgebiet zur Zeit der Reformation. Mitten im katholischen Münsterland schlug sich Jobst II, zu jener Zeit Herr von Gemen, auf die Seite Luthers. Dem damaligen Grundsatz ge mäß, dass die Religion des Volkes der Religion des Herrschers folgte, wurde die gesamte Grafschaft lutherisch. Noch heute gilt die Gemeinde Gemen als eine der ältesten protestantischen Gemeinden in Westfalen. Die Frage, ob Anhänger Luthers in Gemen Schutz suchten und welche Rolle die Burg und seine Herren beim Kampf gegen die Wiedertäufer spielte, steht ziemlich weit oben auf meiner Recherche-Liste.

Nach dem Tod von Jobst III. setzte der Streit um das Anwesen wieder ein, er begann damit, dass verschiedene Verwandte Erbansprüche erhoben und sich auch das Bistum Münster wieder zu Wort meldete. Mit einem Vergleich vor em Reichskammergericht 1700 war zwar dieser Streit beigelegt, allerdings gab es in den folgenden Jahrzehnten immer wieder Ansprüche von unterschiedlicher Seite. Erst der Kauf des Schlosses am 24. Mai 1822 durch Reichsfreiherr Johann Ignatz Franz von Landsberg-Velen beendete das Tauziehen. Seither ist das Schloss im Besitzt der Familie von Landsberg-Velen, die es auf Betreiben von des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen nach dem zweiten Weltkrieg an die Kirche verpachtete.

Die Burg oder das Schloss hatte nicht vom ersten Tag an die heutige Ausdehnung. Im 13. Jahrhundert wurde zunächst das vorhandene Anwesen zu einer Ringburg ausgebaut, deren Grundfläche im 14. Jahrhundert durch eine neue Ringmauer vergrößert wurde. Den Hauptanteil an der Entwicklung hatte Heinrich III, der den Ballturm auf den Fundamenten des ehemaligen Bergfrieds ausbauen ließ und das Gebäude erweitern ließ mit Platz für einen großen Saal und einen Gewölbekeller. Der Uhrenturm wurde um 1571 erbaut und um 1700 hatte das Schloss sein heutiges Aussehen erreicht, das sich kaum von dem, das ich aus meiner Kindheit kenne, unterscheidet.

Hach, wenn ich so nachlese, dann juckt es mich doch in den Fingern, intensiver zu recherchieren – das zeigt wieder einmal, dass Romanstoffe auf der Straße oder in Burggraben liegen, wenn man nur genau hinsieht.

Leider war es Ostersonntag und ist es grundsätzlich nicht möglich, die Burg zu besichtigen. Gerne hätte ich einen Blick hineingeworfen, um zu sehen, welche Spuren die Geschichte dort hinterlassen hat. Aber seit 1946 ist das Schloss an das Bistum Münster verpachtet, es wird für Jugendleiterschulungen und Exerzitien, Abivorbereitungskurse und Einkehrtage genutzt. Aber wenigstens ist der Park geöffnet, sodass ich das wunderbare Wetter nutzen konnte zu einem Fotorundgang um die Burg. Die Bilder hier sind nur ein Teil meiner Ausbeute, die aus über 100 Fotos besteht und dabei habe ich schon einige gelöscht. © Birgit Ebbert

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Zur Geschichte der Burg und der Jugendburg heute

Und auf diesen Spuren werde ich beim nächsten Sonnentag in Borken wandeln