(20.09.2017) Am ersten Samstag im September gab es das erste Treffen der Schreibtreff-Kids in der Stadtbücherei Hagen nach den Sommerferien. Immerhin zehn Kinder hatten so kurz nach den Ferien den Weg in die Kinderbücherei gefunden und einige von ihnen haben mir erlaubt, ihre Geschichten hier zu veröffentlichen. Das hatte ich mir gewünscht, weil ich eine ganz neue Schreibaufgabe gestellt habe, der Schreibtreff war sozusagen die Premiere, aber sehr gelungen, wie ich finde.

Schnipselgeschichten als Schreibanregung

Ich weiß nicht, ob Kolleginnen oder Kollegen diese Methode bereits eingesetzt habe. Ich bin über meine Untermengenlyrik auf die Idee gekommen. Die Gedichte der Untermengenlyrik bestehen nur aus Wörtern, die sich aus den Buchstaben des Titels bilden lassen. Das grenzt die Möglichkeiten ein, setzt aber ganz neue Denkwege in Gang. Letzte Woche – auf der Autobahn, wo sonst 🙂 – kam mir die Idee, diese Begrenzung herzustellen, indem ich einen vorhandenen Text in seine Worteinzelteile zerschneide. Die neue Geschichte soll dann nur aus den Worten bestehen. Das ist eine wirklich große Herausforderung, deshalb habe ich die Aufgabe erweitert: Es mussten alle Wörter aus dem zerschnispelten Text vorkommen. Dabei sind tolle Texte entstanden, ich bin beeindruckt davon, wie unterschiedlich die Geschichten sind. Und ich habe selbst auch mitgeschrieben und festgestellt, dass ich mich von den Geschichten und Ideen der Kids habe beeinflussen lassen 🙂

Der Ursprungstext, die die Schreibkids aber so nicht kannten, sie bekamen die Worte des Gediches wild gemischt 🙂

Leilas Haarband
Leila verlor ihr Haarband.
Einsam lag es am Meeresstrand.
Als sie es wiederfand,
trieb es wie von Geisterhand
über den nassen Uferrand.
Da schwimmt es nun, Leilas Haarband.

Variationen zu Leilas Haarband

Leilas Haarband (Ronja)
Es ist ein Tag am Meer. Leila liegt am Meeresstrand auf ihrem nassen Handtuch, da sie gerade schwimmen war. Einsam ist es hier, denkt sie sich. Da bemerkt sie, dass sie ihr Haarband verloren hat. Es ist nun nicht mehr in ihrem Haar, wie es das vor dem Schwimmen war. Sie steht auf und geht ein Stück am Meer. Sie lässt den Blick über die wogenden Wellen vor ihr gleiten und es liegt ein salziger Geruch in der Luft. Ein Stück vor ihr schwimmt ihr Bruder im Wasser. Leilas Haarband ist nirgendwo zu sehen. Es scheint so, als wäre sie im Wasser gewesen, als sie es verlor. Etwas enttäuscht entfernt sie sich ein Stück vom Meeresrand, als plötzlich wie von Geisterhand eine Möwenfeder vor ihr durch die Luft fliegt und ein Stück entfernt neben einer mit Wasser gefüllten Sandkuhle landet. Als sie der Feder mit den Augen folgt, sieht sie es plötzlich. Doch zu spät. Eine große Welle spült über die Sandkuhle hinweg und nimmt das Wasser mit ins Meer. Enttäuscht lässt Leila den Kopf hängen. Ihr Haarband trieb vor wenigen Sekunden noch in der Sandkuhle, als sie es wiederfand. Doch jetzt ist es ins Meer gespült worden. Schulterzuckend geht sie zu ihrem Handtuch zurück. Ihr Bruder steigt gerade aus dem Wasser und kommt aufgeregt zu ihr gelaufen. „Da ist gerade eine Qualle an den Uferrand getrieben worden“, ruft er. Leila schüttelt den Kopf. „Das heißt Meeresrand!“, korrigiert sie ihn, aber dann lächelt sie. „Zeig sie mir doch mal!“, schlägt sie vor. Und ihr Bruder zieht sie begeistert mit sich. Kurz darauf hat Leila das Haarband vergessen.

Leilas Haarband  (Simon)
Am Uferrand wiederfand das Haarband
wie es von Geisterhand
verlor sie es am Meeresstrand.
Da schwimmt es, trieb als Leila es sah
nun einsam über nassem Meer es lag.
Ihr tat es weh, denn sie mochte das.
Es war einfach so krass.

Leilas Haarband (Bo)
„Ich find’s hier unheimlich.“ Leila zitterte. Und nicht nur, weil es ziemlich kalt im nebeligen Herbstwald war. „Schisser“, lachte ihre Freundin Lizzie und schob einen Ast beiseite. Lizzie hatte vor nichts Angst. Sie lachte oft und gern und machte viele Witze. Leila hingegen war schüchtern und still. Warum Lizzie und sie Freunde waren, war ihr ein echtes Rätsel. „Wir hätten doch über den Friedhof zu dir nach Hause laufen sollen. Das wäre nur kurz unheimlich gewesen“, jammerte Leila. Es war Halloween, und Leila und Lizzie wollten zu Lizzie nach Hause, um die Kostüme anzuziehen und loszugehen. Lizzie hatte darauf bestanden, durch den Wald zu gehen. „Ach, hör schon auf. Was soll denn passieren?“ Da ließ Lizzie aus Versehen den Ast los und er blieb in Leilas Haaren hängen. Leila erschrak und schrie wie am Spieß. Schnell riss sie sich von dem Ast los. Dann versteckte sie sich hinter Lizzie. Ihr rann der Schweiß die Stirn runter. Lizzi hielt sich immer noch die Ohren zu. „Man, Leila, schrei doch nicht so. Jetzt habe ich ein Piepen im Ohr!“, meinte sie. Leila griff sich erschrocken in die Haare. „Mein Haarband! Es ist weg!“, rief sie. Lizzie rollte mit den Augen. „Es ist doch nur ein blödes Haarband, Leila! Ich wollte heute mit dir einen Horrorfilm anschauen. ‚ES‘ oder so. Aber du bist so schreckhaft, jetzt weiß ich nicht, wie ich das machen soll.“ Leila schaute ihre Freundin entgeistert an. „Den wolltest du mit mir gucken? Spinnst du?“ Lizzie zuckte mit den Achseln. „Wir können auch Freitag der 13 oder passend zum Tag ‚Halloween“…“ Leila hielt sich die Ohren zu. „Hör sofort auf. Jetzt hilf mir endlich, mein Haarband wiederzufinden, das ich gerade verloren habe.“ Lizzie blickte sich um. „Da! Es treibt im Fluss. Im nassen, kalten Fluss!“, flüsterte Lizzie furchterregend. Leila ignorierte das. Sie lag bereits am Uferrand und streckte die Hand nach dem Haarband aus. Nun kam auch Lizzie dazu. „Lehn dich nicht zu weit über den Fluss. Du könntest reinfallen“, sagte sie. „Stimmt!“, meinte plötzlich eine Stimme von hinten.
Ein Junge in ihrem Alter kam auf sie zu. „Gott ist der süß“, flüsterte Lizzie. Das war leider Lizzies einzige Schwäche. Jungs. Leila stand auf. „Ich kann schwimmen, fall ich reinfalle!“ Leila stemmte die Hände in die Hüften. Der Junge schüttelte den Kopf. „Darin schwimmt man nicht. Darin ertrinkt man. Was wollt ihr eigentlich da?“, fragte er. „Leilas Haarband ist da drin. Bist du allein?“, fragte Lizzie. Der Junge schaute sie mit seinen caramellfarbenen Augen an. „Einsam würde es eher treffen“, meinte er. „Geheimnisvoll ist er auch“, schwärmte Lizzie flüsternd. „Ist das dein Haarband?“, fragte er und deutete auf das Haarband im Fluss. Lizzie und Leila drehten sich um. „Ja, aber wir wissen nicht, wie …“ Als sie sich wieder umgedreht hatten, war der Junge verschwunden.
„Schade“, meinte Lizzie. Leila fühlte plötzclih etwas Weiches in ihren Händen. Sie erschrak. Wie von Geisterhand lag es plötzlich in ihren Händen. „Lizzie?“, hauchte sie. Lizzie schaute auf ihre Hände. „Okay, das ist spooky.“
Später zu Hause googelte Lizzie den Fluss, an dem sie gewesen waren. Sie fanden einen Link zu einem Zeitungsartikel. Lizzie und Leila bekamen immer mehr Angst, je mehr sie den Artikel lasen.
Junge ertrunken
Vor einer Woche ertrank der Junge Sam Anderson in dem Blockwoodriver. Über ihn ist nichts bekannt, weder sein Alter noch über seine Verwandten. Wer diesen Jungen kennt, soll sich bitte bei der Polizei melden.
Dort war auch ein Bild. Sam Anderson sah genauso aus wie der Junge, den sie am Fluss getroffen hatten.

Leilas Haarband (Ronja)
Die Geisterhand lag am Meeresstrand. Einsam und traurig war sie, da Leila ihr Haarband am Uferrand wiederfand. Das Mädchen freute sich sehr. Als sie es damals verlor, hätte die Geisterhand nicht gedacht, dass sie einmal Freund werden würden. Denn Leilas Haarband trieb zum Uferrand und beanspruchte erstmal den ganzen Strand. Das passte der nassen Geisterhand überhaupt nicht und sie sagte dem Haarband die Meinung. Es wurde darauf sehr still und es entschuldigte sich unter Tränen bei der Geisterhand. Wie sollte es anders sein, wurden aus den beiden Freunde fürs Leben. Und die Verzweiflung war groß, als Leila ihr Haarband wiederfand und die beiden Seelenverwandten sich auf ewig trennen mussten. Von nun an schwimmt die Geisterhand allein über das Meer.

Leilas Haarband (Zoey)
Einsam lag Leila am Uferrand, als sie ihr Haarband wie von Geisterhand verlor.
Als sie aufblickte, sah sie, wie es über den nassen Meeresstrand trieb.
Da es ihr sehr wichtig war, wollte sie es wiederfinden.
Leilas Haarband schwamm nun über das eiskalte Meer.
Es wurde jedoch von irgendetwas hinabgezogen in die Tiefe.
Nun war es für immer verloren.

Leilas Haarband (Aybüke)
Einsam lag Leila am Meeresstrand. Da schwamm Leilas Haarband wie von Geisterhand über den Uferrand. Sie hatte ihr Haarband verloren und vermisste es. Als sie es wiederfand, trieb das nasse Haarband sie zum Wasser. Sie beugte sich vor und wollte es holen. Dabei sagte sie: „Ich habe es gefunden! Juhu! Das goldene Haarband meiner Mutter.“ Da kam jedoch eine große Welle und es schwamm weg. Es schrie zu ihr: „Du wirst mich nie mehr finden. Es war gerade so knapp. Ich würde sterben, aber nie mit dir leben. Mein neuer Besitzer ist das Wasser. Es wäscht mich und spült mich zu schönen Gebieten. Du, Leila, jedoch hast mich nie gewaschen. Es war ein schlimmes Leben, mit den Kopfläusen deiner Haare zu leben. Arrivederci!“

Leilas Haarband (Julia)
Leilas Haarband schwebt wie von Geisterhand am Meeresstrand, es schwebt und weiß nicht wohin. Einsam und verloren fühlt es sich. Wo ist es nur? Es ist nass und über und über mit Sand bedeckt, wie kann es hier nur ohne Funktion einfach so treiben?
Leila liegt in ihrem Bett, steht auf und schaut in den Spiegel. „Es fehlt etwas!“ Sie streichelt sich die Haare und dann erinnert sie sich. Sie war gestern am Strand und da war sie so wild geritten. Ihre Haare haben sich geöffnet am Meeresrand. „Ich muss mein Haarband wiederfinden.“ Ihr Kleid raschelt, als sie losrennt. Sie muss einfach ihr Lieblingshaarband wieder haben. Es ist ihr letztes Erinnerungsstück von ihrer Mutter, die sie früh verloren hat. Den Weg zum Strand kennt sie bereits auswendig. Von weitem sieht sie ihr Haarband schweben. Sie fängt an zu lachen und rennt schneller vor Freude.

Leilas Haarband (Lana)

Diese Methode fand ich besonders pfiffig. Die Wörter zu setzen legen und fehlende Wörter ergänzen. Jetzt weiß ich auch, warum Lana so schnell fertig war 🙂

Da verlor Leila ihr Haarband.
Einsam treibt es wie von Geisterhand.
Sie lief über den nassen Meeresstrand.
Als es nun lag am Uferrand.
Ihr schwamm ihr Herz, als sie es wiederfand.
Es fühlte sich gut an in ihrer kleinen nassen Hand.

Leilas Haarband 2 (Lana)
Da verlor Leila ihr Haarband.
Einsam lief es wie von Geisterhand
über den nassen Meeresstrand.
Als es nun lag am Uferrand,
schwamm es ihr fort.
Sie trieb ihm hinterher und fand es wieder nur schwer.

Leilas Haarband (Diana)
Sie steht am Meeresstrand am Uferrand. Das weiche Wasser der Wellen umspült sanft ihre Füße. Leila. Ein Prickeln geht durch ihren Körper, sie atmet tief ein und aus, spürt dabei, wie die salzige Meeresluft durch ihren Körper strömt. Sie spürt eine Wärme, die sie umhüllt, streichelnde Berührungen wie von Geisterhand. Sie lässt ihren Blick in die Ferne schweifen auf der Suche nach etwas, was sie nie verloren hat. Es ist eine Prophezeiung, es ist vorherbestimmt, dass sie genau jetzt, genau hier, an diesem Ort steht. Es ist Nacht, der Himmel ist klar, die Sterne wie verstreute Diamanten auf schwarzem Samt, dazwischen das funkelnde Band der Milchstraße, ein großer runder Vollmond. Das Wasser, als ein Meer aus flüssigem Silber, liegt vor. Sie taucht ein in dieses funkelnde, magische Meer, das sie mit einem Mal umgibt, das unendlich ist. Sie fühlt sich sicher, geborgen, würde den Moment am liebsten festhalten, die Zeit zum Stehen bringen. Doch sie weiß, es geht nicht. Sie weiß ihr bleibt nicht mehr viel Zeit, um ihre Mission anzutreten. Sei weiß, dass mit jeder Sekunde, die vergeht, ein Ereignis näher rückt, das die komplette Galaxis verändern wird. Ein Neuanfang wie noch nie gesehen. Leila streift ihr Haarband ab, ein Schmuckstück aus einer anderen Welt. Sie küsst den großen, runden Kristall, den besonders in dem Haarband verarbeiteten Edelstein. „Amerias, sindirenca, Megasiclo“, haucht sie die magischen Worte, lässt das Haarband los, lässt es treiben, lässt es fortdriften, fortschwimmen. Sie sieht zu, wie es langsam wie eine Feder versinkt in dem flüssigen Silber. Sinkt auf den Grund des Meeres. Und als es auftrifft auf das Korallenriff, die Sterne sich in einem Meteoritenschauer vom Himmel fallen und sich ein blendendes Licht, ein Glühen von dem Haarband ausbreitet, als die ganze Welt, das ganze Sonnensystem um diesen Punkt kreist, um das neue Zentrum des Universums, weiß sie: Jetzt gab es kein Zurück, es würde geschehen.