Schönheitsformen(14.04.2017) Seit ich meine ersten Literaturart-Bilder ausgestellt und im Internet veröffentlich habe, werde ich gefragt, wie ich auf die Idee kam. Die Antwort ist in einem 140 Jahre alten Buch zu finden. Ja, so war es, ich habe im Internet eine Faksimile-Ausgabe von „Friedrich Fröbels gesammelte pädagogische Schriften“ gefunden, herausgegeben von Dr. Wichard Lange, erschienen in der 2. Auflage 1874 im Verlag von Th. Chr. Fr. Enslin in Berlin. Ab Seite 371 geht es in Kapitel XXI um die „Anleitung zum Papierfalten“. „Das Falten“ steht ebenfalls im Mittelpunkt von Kapitel 8 des Buches „115 Tafeln zum zweiten, praktischen Teil des Handbuchs der Fröbelschen Erziehungslehre“, das Bertha von Marenholtz-Bülow 1887 bei Georg H. Wigand veröffentlicht hat. Beide Bücher zusammen helfen einem ganz gut, die Idee Fröbels zu verstehen und umzusetzen.

Eine angenehm erfrischende und stärkende Erholung

Im Vorwort des Kapitel schreibt Friedrich Fröbel dem Papierfalten „eine angenehm erfrischende und stärkende Erholung“ zu und beschreibt, dass die Faltungen mit Papier „Darstellung des Wahren, Guten und Schönen einigen, wie sie Geist, Gemüth, Thatkraft, Denken, Fühlen und Handeln in Harmonie und Lebenseinklang entwickeln und ausbilden, welches für unsere gesammten Verhältnisse und allseitigen Lebensforderungen, für intelligente, ästhetische, religiöse, überhaupt praktische Bildung ein so großes, lautsprechendes Bedürfnis ist“ (1/S. 371). Das passt doch gut zu meiner Idee vom PapierZen 🙂

Friedrich Fröbels Lebens-, Erkenntnis und Schönheitsformen

Das Papierfalten ist nur eine „Spielgabe“, die Kinder dabei unterstützen, die Welt und sich selbst zu erkennen. Wenn man sich die Tafeln mit den Beispielen in dem alten Buch anschaut, fasziniert besonders, dass alle Materialien – ob Bauklötzchen oder Bindfaden – am Ende ähnliche Muster ergeben. Da sind erstens die Lebensformen, mit denen Gegenstände des Alltags wie ein Briefumschlag oder ein Schrank gestaltet werden, dann die Erkenntnisformen, die Prinzipien der Welt zeigen, z. B. dass zwei Würfel ein Rechteck ergeben, und die Schönheitsformen, die durch ihre Struktur und Harmonie Zufriedenheit und Wohlgefühl erzeugen. Diese Schönheitsformen sind uns auch heute bekannt, es sind Mandalas oder andere Ausmalvorlagen mit wiederkehrendem Muster, aber auch Legespiele. Ich habe mich mit den Schönheitsformen für das Papierfalten beschäftigt und im ersten Schritt Fröbels Anleitung nachgefaltet.

Faltanleitung von Friedrich Fröbel

Das hat sogar geklappt, ist aber mühselig, weil seine Beschreibung sehr umständlich ist – aber, man darf das nicht vergessen, es war eine der ersten praktischen Faltanleitungen überhaupt.
„Ich theile das Geviert durch eine Schräglinie in zwei gleiche Theile, und zwar in zwi gleiche, rechtwinkelig-gleichwinkelige Dreiecke.
Das so getheilte Geviert nun nach unten, und das entgegensetzte nach oben drehend, verfährt man nochmals, wie vorhin und spricht: ich theile mein Geviert durch eine Querlinie in zwei gleiche Theile oder Hälften, und zwar in zwei gleiche (der Lage nach) Längenrechtecke.“ (1)

Daran schließt sich eine ausführliche Erklärung an, welche geometrischen Formen die Kinder nun sehen und welche mathematischen Grundwahrheiten sie dort lernen – für PapierfalterInnen nicht so spannend, vielleicht für MathematiklehrerInnen 🙂 Wie gut, dass es in dem Buch auch Tafeln gibt, auf denen die Faltschritte genau erklärt werden. Links ist die erste Grundform, aus der sich einfache „Schönheitsformen“ bilden lassen.

Die Schönheitsformen konkret

Aus der oben beschriebenen „Grundform der ersten Reihenfolge“ lassen sich verschiedene Schönheitsformen bilden, einige beschreibt B. von Marentholtz-Bülow 1887 in der Anlage des „Handbuchs der Fröbelschen Erziehungslehre“:
„Tafel II, Figur 14. Alle zu bewegenden rechten Ecken liegen hier im Mittelpunkt der Form. (Mitte des Faltblatts)
Bei der ‚Figur 15‘ werden alle Ecken im Gegensatz von innen nach außen gelegt …“ (2)
„Tafel II, Figur 16. Auf jeder Seite der Grundform liegen zwei Ecken nach innen und zwei nach außen“ (2)
Die Grundform ist aber auch Basis der weiteren „Grundform der zweiten Reihenfolge“ und der dritten Reihen, die meinen Bildern zugrundeliegen. Sie entsteht laut Marenholtz-Bülow so:

„Man legt das Faltblatt mit der weißen Seite auf den Tisch und faltet die erste Grundform. Ist diese fertig, so entfaltet man sie ganz und legt nun das Faltblatt mit der farbigen Seite auf den Tisch, kehr die Mitte der vier Setein dem Mittelpunkte der Form zu, drückd die an den vier Ecken entstandenen vier Dreiecke zusammen (Tafel III, Figur 34), biegt sie dann wieder auseinander, um sie in den bereits markierten Brüchen als Geviert fest auf die Form zu lesen. (Tafel III, Figur 35.)“ (S. 92)

Ich gebe zu, dass ich auch etwas gebraucht habe, bis ich das Prinzip verstanden habe, aber dank der Tafeln von Bertha von Marenholtz-Bülow habe ich es dann doch hinbekommen. Siehe oben, leider fand ich im Internet keine konkreten Informationen darüber, wie man die Formen erstellt, dabei ist das Prinzip eigentlich ganz einfach und sehr entspannend. Sobald ich Zeit habe, lasse ich mich beim Falten filmen 🙂 Jetzt entspanne ich mich erst einmal beim Falten, schließlich ist Feiertag. © Birgit Ebbert

Quellen:

1) Fröbels Abhandlung über das Papierfalten (Lange, Wichard (Hrsg.): Friedrich Fröbels gesammelte pädagogische Schriften. Verlag von Th. Chr. Fr. Enslin, Berlin 1874 2. Auflage)

2) Auszug aus dem Buch von Bertha von Marenholtz-Bülow zum Thema „Falten“ (Marenholtz-Bülow, Bertha v.: „115 Tafeln zum zweiten, praktischen Teil des Handbuchs der Fröbelschen Erziehungslehre. Georg H. Wigand, Kassel 1887)