(07.08.2014) Auf dem Weg zum Bücherdorf Müllenbach habe ich mich gefragt, wann ich Harry Böseke das erste Mal begegnet bin. Genau weiß ich es nicht mehr, aber es ist einige Jahre her. Damals war ich Mitglied in der LAG Jugend und Literatur und immer, wenn ich zu den Mitgliederversammlungen von Stuttgart nach Köln reiste, traf ich Harry Böseke. An eines erinnere ich mich aber genau, dass er von einem Haus der Geschichten schwärmte. Inzwischen gibt es das Haus der Geschichten schon 15 Jahre und ich habe es kürzlich endlich besucht. In gewisser Weise ist das Haus typisch für Harry Böseke, der am 7. Januar 1950 in Jützenbach geboren ist und in Köln und im Bergischen Land aufwuchs, wo er auch heute noch lebt und arbeitet.

Zum Schreiben ist er unter anderem durch seine Arbeit mit Jugendlichen gekommen. Nach einer Ausbildung als Chemielaborant studierte er Sozialpädagogik und war einige Jahre als Sozialarbeiter und Jugendpfleger in Köln tätig. In dieser Zeit begann er, mit Jugendlichen zu schreiben. Unter anderem organisierte er eine Lite-Rad-our, auf der die jungen Leute ihre Erlebnisse und ihr Leben aufschrieben. In meiner Wahrnehmung ist Harry Böseke einer der ersten, der so konsequent das Schreiben Jugendlicher gefördert hat, auch bildungsferner Jugendlichen. Viele seiner Schreibspiele sind heute Klassiker. Das zeigt ein Blick in das Buch „Worte im Aufwind“ von 1989, in dem Harry Böseke mit Ulrich Land 100 Schreibspiele und Schreibaktionen zusammengetragen hat. Immer wieder lesenswert, doch das nur am Rande.

Wer mit Jugendlichen arbeitet, ist dicht an ihren Geschichten, da ist es kein Wunder, dass Harry Böseke begann, diese Geschichten aufzuschreiben. Die Liste seiner Romane, Erzählungen, Drehbücher und Theaterstücke ist lang und sie ist noch nicht abgeschlossen. Allerdings stehen heute nicht mehr Jugendliche im Mittelpunkt seiner Bücher, sondern eher die Geschichte von Geschichten und Geschichte. Er hat sich zum Beispiel intensiv mit der Nibelungensage beschäftigt und herausgefunden, dass diese bisher zu wenig aus ihrer Zeit heraus gelesen wurde. Was als Heldenepos dargestellt wird, ist vermutlich nichts anderes als die – dennoch spannende – Beschreibung des Alltags von Menschen im Mittelalter, die im Rheinland und in Westfalen lebten, arbeiteten und reisten. Unter www.nibelungenzug.de kann man seine interessante Argumentation nachlesen.

Der Herrscher über das Haus der Geschichten

Es sind also weiterhin Geschichten, die sein Leben bestimmen, aber auch die Neugier. Und die treibt ihn in spannende Fahrwasser und führt ihn zu Ergebnissen, die weltweit Beachtung finden. Ich bin gespannt, was wir als nächstes erfahren werden. Beim Bücherfest berichtete er unter anderem von seinen Forschungen rund um die Heidenstraße, eine Fernhandelsstraße zwischen Leipzig und Kassel, die durchs Sauerland führte und an der entlang überraschende Dinge zu entdecken gibt, zum Beispiel in einer Attendorner Kirche eine vermeintliche Marienfigur mit Bart.

Wen wundert es da, dass Harry Böseke nicht nur von einem Haus der Geschichten geträumt, sondern es auch realisiert hat, er ist so etwas wie der „Herr der Geschichten“. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen www.hausdergeschichten.de

Nachtrag: Harry Böseke ist 8. Juni 2015 gestorben.