(23.01.2015) Zwischen den Jahren habe ich fleißig daran gearbeitet, meinen Stapel ungelesener Bücher abzulesen und dort auch dieses interessante Buch entdeckt, das bereits 2008 erschienen ist. Aber wie sagte Max Frisch, „es ist immer das Fälligste, was einem zufällt“, vermutlich sind es auch immer die fälligsten Bücher, die einem zufallen. So wie mir der Bericht von Amelie Fried über ihre Suche nach Spuren ihrer Großeltern, die auf wundersame Weise die NS-Zeit überlebt haben – allerdings nicht, indem sie gekuscht haben, sondern indem sie – vor allem ihr Großvater – kreativ die Vorschriften umgingen.

Wie viele Kinder und Enkel in ihrem Alter wusste auch Amelie Fried wenig darüber, wie es ihren Eltern im zweiten Weltkrieg ergangen war. Ihr „Opa Fried“ war für sie der Herrscher in seinem Schuhladen, dass er als Jude ein Verfolgter des Naziregimes war, hat sie nur zufällig erfahren. Ihre Großmutter Martha starb, als sie ein kleines Mädchen war, und ihr Vater brauste auf, sobald sie oder ihre Brüder ihn nach seinem Leben unter Hitler fragten.

Als ihr Mann zufällig im Gedenkbuch Münchener Juden in New York den Namen eines Bruders ihres Großvaters entdeckt, beginnt Amelie Fried – inzwischen selbst beinahe 50 und Mutter von zwei fast erwachsenen Kindern – nachzuforschen, was es mit dem Eintrag auf sich hat. In vielen Interviews und mühseliger Recherchearbeit erfährt sie, dass ihr Großvater Jude war, der aus Liebe zu ihrer Grußmutter zum Christentum konvertiert war. Das half ihm nicht, als die Rassegesetze eingeführt wurden, so wurde am 1. April auch zum Boykott seines Schuhhauses aufgerufen. Er reagierte darauf, indem er das Geschäft auf seine nicht-jüdische Frau übertrug, was nicht verhinderte, dass die Nazis seinen Laden boykottierten und gleichzeitig versuchten, seine Ausweisung aus Ulm zu erreichen. Dieses Kapitel im Buch und im Leben des Franz Fried liest sich wie die Vorlage für eine Komödie, wäre es nicht so tragisch. Immer wieder dachte Amelies Großvater sich neue Finten aus, um die NS-Bürokratie zu überlisten. Eine Taktik, die ihm – so vermutet die Autorin – am Ende das Leben rettete, war, dass er er – ungebeugt – als Familienstand „verheiratet“ in Urkunden eintrugt, obwohl die Ehe zum Schutz seiner Frau und der Kinder längst geschieden war.

Amelies Vater, Kurt Fried, hat dieses Scheidungsmanöver, unter dem seine Mutter Zeit ihres Lebens gelitten hat, nicht geholfen. Aufgrund seiner jüdischen Wurzeln wurde ihm bereits im November 1931 unter einem Sparvorwand die Stelle als Theater- und Kunstkritiker gekündigt. Jahre später wurde er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und sah sich gezwungen, im elterlichen Schuhgeschäft zu arbeiten. Um diese Existenz zu sichern, ließ sich seine Mutter von ihrem Mann scheiden und teilte offiziell mit, dass sich das Geschäft in „rein arischem Besitz“ befand. Das Schriftstück ist erhalten, mit welchen Gefühlen es jedoch unterzeichnet wurde, konnte Amelie Fried nicht rekonstruieren. Als sie sich auf die Suche nach den Spuren ihrer Familie in der NS-Zeit macht, leben ihre Großeltern und ihr Vater nicht mehr, ein wenig Hilfe bekommt sie von der Schwester des Vaters.

Eine interessante Geschichte, die zeigt, dass die Lebenswege in Hitler-Deutschland sehr verschlungen und wie auch heute von Zufällen geprägt waren. Sie belegt aber auch die kleinen Widerstände im Alltag, die uns winzig und unwichtig erscheinen, die aber in jener Zeit das Leben kosten konnten. Schließlich unterstreicht das Buch, dass Geschichte nie aufhört, sondern immer weiter wirkt und es daher wichtig ist, sich als Nation und als Person mit seinen Wurzeln zu befassen, ohne dabei die Zukunft zu vernachlässigen. Menschen und Nationen entwickeln sich an dem, was sie erleben und oft unbewusst von ihren Vorfahren erhalten – Gene, Besitz und die Wirkung des Erlebten. © Birgit Ebbert

Ich freue mich, dass Amelie Fried sich die Zeit genommen hat, mir drei Fragen zum Buch zu beantworten. Vielen Dank für die persönlichen Antworten.

Was hat sich in Ihrem Leben und Denken verändert, nachdem Sie die Spuren Ihrer Familie gefunden haben?
Ich weiß jetzt genauer, woher ich komme, in welcher Reihe ich stehe. Ich verstehe meinen Vater besser, weil ich erfahren habe, was er durchgemacht hat. Das erklärt mir viele seiner Verhaltensweisen und ich konnte mich – zumindest postum – mit ihm versöhnen. Ich beschäftige mich regelmäßig und intensiv mit der NS-Zeit, ihrer Aufarbeitung und Formen der Erinnerungskultur. Vor allem aber sehe ich, wie wichtig es für meine Kinder ist, dass sie sich als Teil einer Familiengeschichte begreifen können, die ihnen – zumindest in wesentlichen Teilen – bekannt ist, die keine Abgründe mehr birgt.

Weshalb war es Ihnen wichtig, den Prozess Ihrer Recherche als Buch zu veröffentlichen?
Ich habe mich lange dagegen gesträubt, weil ich dachte: Es gibt so viele Familiengeschichten aus dieser Zeit, es gibt viel schlimmere Geschichten, wen interessiert das schon. Und vielleicht hatte ich das Schweigen, das in meiner Familie wie in so vielen Familien über diese Zeit herrschte, ja auch schon verinnerlicht. Aber schließlich haben mich andere mit dem Argument überzeugt, dass meine Familiengeschichte in vielem exemplarisch ist und anschaulich macht, wie Ausgrenzung und Verfolgung damals konkret aussahen und welche Folgen sie für die betroffenen Menschen hatten. Dass ich damit aufklärerisch wirken und einen vielleicht kleinen, aber wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Zeit leisten könnte. Tatsächlich haben das die Reaktionen nach der Veröffentlichung bestätigt: Hunderte von Lesern haben mir geschrieben, mir gedankt und erzählt, dass mein Buch den Anstoß dafür gegeben hat, in ihrer eigenen Familie nachzufragen und zu forschen. Das hat mich sehr glücklich gemacht.

Welche Fragen sollten heutige Jugendliche ihren Eltern stellen, damit diese nicht wie Sie in 30 Jahren ohne Antwort bleiben?
Die Jugendlichen sollten vor allem ihre Großeltern oder Urgroßeltern fragen, wenn sie noch welche haben. Die können ihnen vielleicht noch aus der NS-Zeit erzählen. Schon ihre Eltern, die ja in meinem Alter oder jünger sind, können nicht mehr aus eigener Anschauung berichten, sondern nur Wissen oder Erzählungen aus zweiter Hand weitergeben. Welche Fragen wichtig sind, muss jeder Jugendliche selbst entscheiden. Und leider sind ja nicht alle Antworten – sofern man überhaupt welche erhält – wahr oder befriedigend. Das Schweigen herrscht ja überall, in den Familien von Opfern, Mitläufern und Tätern – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Es zu durchbrechen, ist eine wichtige aber oft sehr schwierige Aufgabe.