Schultüte(24.08.2016) Mein Thema ist gerade wieder einmal der erste Schultag bzw. die Einschulung. Dabei kam die Frage auf, seit wann es eigentlich Schultüten gibt und ob sie überall auf der Welt so aussehen wie bei uns. Meine Recherche dazu hat für mich überraschende Erkenntnisse zutage gebracht. Vorab das interessanteste Ergebnis: Schultüten sind eine Erfindung aus Deutschland und sie kommen auch hauptsächlich im deutschsprachigen Raum zum Einsatz. Zumindest behaupten das die Quellen, die ich genutzt habe. Daher meine Frage an alle, die nicht in Deutschland eingeschult wurden oder Verwandte im Ausland haben: Stimmt das? Gibt es außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz keine Schultüten? Wie feiern die Kinder dort die Einschulung? Welche Bräuche zum ersten Schultag kennt ihr?

Der Siegeszug der Zuckertüte

c-birgit-ebbert-birgit_einschulungWann ganz genau die erste Schultüte zum Einsatz kam, ist nicht bekannt. Aber so viel scheint festzustehen, dass die ersten Tüten eher in evangelisch geprägten Gebieten im Osten Deutschlands verschenkt wurden. Aus dem Jahr 1810 gibt es eine Quelle, nach der in Sachsen den Kindern mit einer „Zuggodühde“ der Übergang in die Schule versüßt werden sollte. Die Sitte, Kindern etwas zur Einschulung zu schenken, gab es bereits vorher. Die neuen Schulkinder bei den alten Römern erhielten Honigplätzchen und im Mittelalter gab es den Brauch des „Schulmeien“ oder „Zuckerbaums“, der mit Brezeln und bunten Bändern zur Einschulung geschmückt wurde. Es wird vermutete, dass die ersten Schultüten bereits Ende des 18. Jahrhunderts verschenkt wurden, die sächsische „Zuggodühde“ ist eine der ersten dokumentierten Quelle. Auch ist bekannt, dass 1817 Eltern dem frischgebackenen Schulkind „eine mächtige Tüte Konfekt“ schenkten. Der Begriff der  „Zuckertüte“ war also durchaus passend und fand sogar Eingang in ein Bilderbuch. 1852 erschien ein Bilderbuch von Moritz Heger über einen Zuckertütenbaum, der vermeintlich in der Schule steht und von dem die Lehrer die süßen Belohnungen für brave Kinder pflücken. Die Geschichte wurden 1920 noch einmal nacherzählt von A. Sixtus, sein Buch „Der Zuckertütenbaum“ ist noch heute erhältlich.

Von der Zuckertüte zur Schultüte

c-birgit-ebbert-P1250939Den Zuckertüten-Brauch gab es Anfang des letzten Jahrhunderts auf jeden Fall auch in Sachsen schon, denn Erich Kästner beschreibt in seinem Buch „Als ich ein kleiner Junge war“, dass er 1906 schon eine Zuckertüte hatte, die mit „Bonbons, Pralinen, Datteln, Osterhasen, Feigen, Apfelsinen, Törtchen, Waffeln und goldene Maikäfern“ gefüllt war. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was in meiner Schultüte war, aber ich bilde mir ein, dass zumindest unten Papier und Obst drin war. Zu Kästners Zeiten wurden die Schultüten in jedem Fall bereits industriell gefertigt, das ist bekannt, von der Firma Carl August Nestler im Erzgebirge, die von 1910 bis heute Schultüten fertigt. In den 1930er Jahren gab es den Versuch, die Schultüten zu vereinheitlichen, was aber nicht gelang, obwohl es im Kaiserreich schon Tüten mit dem Kaiserbild gab wie auch in der DDR Tüten mit Symbolen des Sozialismus erhältlich waren. Ohnehin wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunders dieses Geschenk vor allem in größeren Städten überreicht. Auf dem Land gab es allenfalls eine Brezel zum Einschulungstag, von der Schule spendiert und man erzählte teilweise den Kindern, in der Schule gäbe es einen Brezelbaum. Man vermutet, dass in den 50er Jahren im Zuge des Wirtschaftswunders die Zuckertüte einen weiteren Verbreitungsschub erhielt und in der Zeit auch ihre Bezeichnung in Schultüte änderte.

Schultüte als Statussymbol

c-birgit-ebbert-P1250905Inzwischen ist die Schultüte aus den Armen eines Erstklässlers am Einschulungstag nicht wegzudenken. Die Frage ist eher, ob sie gekauft oder gebastelt wird, die Geschäfte sind im Sommer voll von Tüten, auf denen immer öfter auch die Figuren aus Fernsehsendungen zu sehen sind. Und es ist die Frage, was man in die Tüte tut. Bei Zuckersachen belassen es Eltern heute längst nicht mehr. Ich erinnere mich, dass vor Jahren – als Gameboys noch in waren – ein Kind in meinem Umfeld eben jenes Spielgerät in der Schultüte vorfand. Kein Wunder, dass Soziologen inzwischen die Schultüte als Statussymbol sehen und die Tüte eher selten in der Schule geöffnet und ausgepackt wird. Ich weiß auch nicht, ob wir damals die Schultüte in der Schule ausgeleert haben oder nicht. Ich habe überhaupt keine Erinnerung an den Tag, aber immerhin ein Foto und bis vor wenigen Jahren lag in meinem Elternhaus auch noch meine Schultüte. Inzwischen ist sie wohl weggekommen, schade eigentlich, jetzt genau hätte ich gerne ein Foto davon gemacht. Aber die kleine Birgit mit der großen Tüte zeigt ja auch ganz schön, welche Motive Ende der 60er Jahre in waren. Und wie sahen eure Tüten aus? © Birgit Ebbert

Früher gossen die Kinder heimlich den Zuckertütenbaum (Berliner Zeitung)