(19.12.2013) Bei einem meiner sonntäglichen Kamera-Spaziergänge durch Hagen fiel mir auf, dass eine Brücke in Hagen sehr farbenfroh bemalt war. Inzwischen weiß ich, dass sie Altenhagener Brücke genannt wird, auch wenn manche sagen, das sei nicht die „echte“ Altenhagener Brücke. Jedenfalls befindet sich die Brücke in der Nähe des Hauptbahnhofs, dort wo sich Märkischer Ring, Eckeseyer Straße, Körnerstraße, Altenhagener Straße und Kardinal-van-Galen-Ring treffen, für alle, die sie noch nicht kennen.

Sehnsucht nach Ebene 2
Dank einiger Facebook-Freunde habe ich erfahren, dass es sich um das Projekt „Sehnsucht nach Ebene 2“ handelt, das 2008 bis 2010 im Rahmen der Initiative „Kulturhauptstadt Ruhr.2010“ entstanden ist. Ohne Facebook hätte ich das nicht herausgefunden, denn es gibt in keiner leicht zugänglichen Broschüre über Hagen eine Information dazu. Nach einem Hinweis aus dem Kulturbüro habe ich inzwischen das Schild entdeckt, das unter der Brücke steht, allerdings an einer Stelle, die ich zu Fuß noch nie passiert habe.
So habe ich mich langsam vorgetastet und auf www.sehnsuchtnachebene2.de viele Informationen über das Projekt gefunden, die mich sehr beeindruckt haben. Dort erfährt man, was und vor allem wer hinter den 38 Bildern steckt, die die beiden Künstlerinnen Milica Reinhart und Marjan Verkerk zusammen mit drei Mitarbeitern auf die 450 Meter lange Brücke aufgebracht haben. Die Bilder symbolisieren die Farberinnerungen von Migrantinnen, die sie den Künstlerinnen in langen Gesprächen geschildert haben. Wenn man das weiß und die Ausschnitte aus den Gesprächen liest, sieht man die Bilder plötzlich mit ganz anderen Augen.

Es ist wirklich schade, dass das Projekt so wenig bekannt ist und gewürdigt wird. Auf der Website und in der Broschüre, die ich inzwischen erobert habe, kann man nachlesen, welche Sehnsüchte und Erinnerungen hinter den einzelnen Bildern stecken. Das weiß ich heute, aber es hat mich viel Zeit gekostet, das herauszufinden. Seither bin ich ein großer Fan der Brücke und erinnere bei Facebook immer mal wieder daran – das kann ich nur mit großem Abstand, denn dann erlebe ich jedesmal hautnah, wie unterschiedlich das Projekt in Hagen gesehen wurde und wird. Ich als Zugezogene finde es einfach nur schön, einem Farbtupfer mit Geschichte in der Stadt zu begegnen.

Mehr als nur ein paar Bilder
Vielleicht waren es genau jene Kommentare zu meinen Foto-Postings, die mich motiviert haben, nach den Hintergründen des Projektes zu fragen. Das Projekt scheint unter den Hagenern sehr umstritten, manche Kommentare haben mich wirklich erschreckt. Ob einem Kunst gefällt oder nicht, ist Geschmackssache, aber man muss doch zumindest respektieren, dass ein Künstler Arbeit, Zeit und Herzblut in ein Projekt gesteckt hat. Und das haben die beiden Künstlerinnen auf jeden Fall. Sie haben nicht mal eben die Bilder an die Brücke gemalt. Das Kunstwerk ist das Ergebnis eines langen Prozesses, an dessen Anfang die Idee stand, die hässliche Betonbrücke zu verschönern und die Nachbarschaft dabei einzubinden. Milica Reinhart und Marjan Vankerk haben unzählige Gespräche geführt, ehe sie sich Gedanken über die Gestaltung der Brücke gemacht haben. Nicht nur mit den Migrantinnen, die mit ihren Farberinnerungen in den Bildern verewigt sind. Nein, mit den Bürgern rund um die Brücke, um Frauen zu finden, die sich auf das Projekt einlassen. Und es ist ihnen gelungen, diese Menschen für ihre Arbeit zu gewinnen. Viele haben sie während des Mal-Prozesses begleitet und die Künstler mit Getränken und Essen unterstützt und was sonst gerade nötig war.

Auch das Aufbringen der Bilder war keine Momentaufgabe. In mühevoller Kleinarbeit haben die Künstlerinnen versucht, die Erinnerungen der Frauen auf den Zeichenblock zu bannen und im nächsten Schritt die passenden Farben zu finden, um die Skizzen zu realisieren. Das klingt leichter, als es ist. Schließlich sollten die Farben Jahre überdauern und nicht beim ersten sauren Regen zerfließen.

Nun ist es das eine, auf einem Skizzenblock zu zeichnen und das andere an eine Betonbrücke. Zumal, wenn es schnell gehen musste wie in dem Fall. Der anvisierte Termin der Fertigstellung nahte und das Gerüst, das für die Bemalung aufgebaut werden musste, kostete Tag für Tag. Also haben die Künstler die Werke zur Probe in Originalgröße auf Leinwände gemalt. 38 Bilder in einer Größe von vier bis 13 Meter. Wieder etwas, das Zeit brauchte.

Ein Wort an die Kritiker
Hier möchte ich einen kleinen Gruß schicken an die Nörgler, die selbst nach dem Motto „Zeit ist Geld“ handeln. Hätten die Künstlerinnen so gedacht, wäre das Projekt nie realisiert worden. Ihr Honorar reichte gerade dafür, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Marjan Verkerk, die für das Projekt aus Amsterdam anreiste, hat beileibe nicht im ersten Hotel am Platze genächtigt, wie es sicher viele der Kritiker tun würden. Sie hat bei Milica Reinhart übernachtet und war froh, wenn wenigstens die Mittel für die Fahrtkosten von Amsterdam nach Hagen bereitgestellt wurden.

Trotzdem hätte sich Hagen das Projekt sparen können, mag nun mancher trotzig sagen. Es ist immer eine Frage, wofür Geld ausgegeben wird und wofür nicht, das ist klar. Betrachtet man jedoch den eigentlichen Sinn des Projektes, die Menschen aus zig Nationen, die um die Brücke herum leben, einzubinden und ihnen ein Gesicht zu geben, dann ist das Projekt mehr als gelungen. Zur Erinnerung, es wurde 2009 und 2010 fertiggestellt und die Bilder sind noch immer da. Tag für Tag werden die Anwohner an das Projekt erinnert, das sie und ihre Lebensgeschichten ernst genommen hat. Und Tag für Tag werden die Hagener daran erinnert, dass Integration Vielfalt und Farbenpracht bedeuten kann, wenn man sich denn darauf einlässt.

Das Erstaunlichste für mich war, zu sehen, dass die Bilder noch immer so aussahen wie auf den Postkarten und in dem Katalog aus dem Jahr 2010. Während ich sonst in der Stadt Schmierereien an den unmöglichsten Stellen sehe, findet sich hier nichts von alledem. Als trüge die Kunst einen Schutzmantel.

Seit ich das alles weiß, gehe ich manchmal extra an der Brücke entlang und lasse mich in andere Farbwelten entführen. Wenn Sie einmal nach Hagen kommen, halten Sie nach der Brücke Ausschau. Es lohnt sich.

Kleiner Nachtrag: Die Brücke bei Nacht
Natürlich hatte ich bei der Durchsicht der Unterlagen gelesen, dass es neben den Bildern noch 16 Leuchtschriften gab. Das Wort „Brücke“ in 16 verschiedenen Sprachen. Aber diese schienen mir nicht so wichtig, die Schriftzüge konnte ich sehen, aber sie wirkten nicht besonders. Weil ich die Brücke nur bei Tageslicht gesehen hatte! Wieder war es der Tipp des Kulturbüros, die Brücke auch abends zu betrachten. Ein guter Ratschlag, denn abends sieht die Brücke nicht nur schön, sondern imposant aus. © Birgit Ebbert