(06.01.2014) Als ich gestern – auf der Suche nach einer Wandmalerei, die ich vor Monaten fotografiert habe – mit der Kamera in Hagen umherstreifte, fiel mir im Volmepark ein Paar Schuhe auf, das in einem Baum hing. Da hat Silvester wohl jemand einen über den Durst getrunken und seine Schuhe verloren, dachte ich und zückte die Kamera, um das Motiv festzuhalten. Dabei entdeckte ich ein zweites Paar. Das schien mir nicht unlogisch, die Begleitung war genauso betrunken und hat ebenfalls die Schuhe entsorgt. Kamera gezückt, fotografiert, nach Hause geeilt und die Bilder ins Netz gestellt.

Kaum eingestellt, fragte bereits eine Facebook-Freundin, ob das die Schuhe wären, die vor einiger Zeit in der Zeitung erwähnt wurden. Keine Ahnung. Die Suche auf derwesten.de nach Schuhe, Baum und Hagen brachte kein Ergebnis. Dann kam der entscheidende Hinweis von einer Nicht-Hagenerin: die Schuhe sind Shoefiti. Wer hätte gedacht, dass diese weltweite Bewegung aus der Kunstszene auch den Weg nach Hagen findet. Unentdeckt zwar und kaum beachtet, aber immerhin haben wir unseren eigenen Schuhbaum. Genau, der Baum, in dem die Schuhe hängen, ist ein Schuhbaum. Meine Mutter hatte also nicht Recht, als sie mich ermahnte, sorgsam mit meinen Schuhen umzugehen, weil sie nicht auf den Bäumen wüchsen. Wer weiß, vielleicht hat der Urheber dieser Idee genau den gleichen Spruch gehört und wollte seiner Mutter beweisen, dass sie mit ihrer Aussage falsch lag.

Man weiß nicht, wann, wo und von wem die Idee der Schuhe im Baum in die Welt zog. Sicher ist, dass der Baum in Hagen nicht der einzige ist, weder in Deutschland noch in der ganzen Welt. Schade eigentlich. Es gibt sogar einen Wikipedia-Beitrag über den „Schuhbaum“. Den Schuhbaum kennzeichnet, dass Schuhe an seinen Ästen hängen –  wie in Hagen werden überall auf der Welt die beiden Schuhe eines Paares an den Schnürsenkeln zusammengebunden und über einen Ast geworfen. Das kann Teil eines Rituals sein, bei dem man seine Sorgen loswerden möchte, aber auch Teil eines Kunstprojektes. Denn, diese Art, seine Schuhe loszuwerden oder die Umgebung mit Schuhen zu dekorieren heißt in Anlehnung an „Graffiti“ „Shoefiti“.

Nachdem ich das erfahren hatte, fand ich mehrere Beiträge, Bilder und Erklärungen dazu im Internet. So wird der Brauch auf eine schottische Legende zurückgeführt, nach der das Paar an einem Haus hängt, in dem ein Mann kürzlich seine Unschuld verloren hat. In den USA würde so der Abschluss an der Uni gefeiert oder Soldaten verabschiedeten sich auf diese Weise vom Militärdienst, wenn ihre Zeit um sei. In New York markierten angeblich sogar Banden mit den Schuhen ihr Revier. Vielleicht wurde diese Kunst aber auch von jenem Brautpaar begründet, das auf dem Weg zur Hochzeit in Streit geriet, was den Bräutigam veranlasste, die Schuhe der Braut in einen Baum zu werfen. Man weiß es nicht so genau. Sicher ist nur, dass es viele Nachahmer auf der ganzen Welt gibt, dass bereits Mitte der 90er Jahre der Kurzfilm „The Shoe Tree“ von Ian Cottage ausgezeichnet wurde und Schuhbäume in Fernsehserien auftauchen. Nun also auch in Hagen. Nachher werde ich versuchen, mithilfe meines Smartphones die GPS-Koordinaten zu ermitteln, um Hagen in die noch kleine Wikipedia-Liste der Schuhbäume in Deutschland einzutragen.

Ein Nachtrag zu dem Hinweis auf einen Zeitungsbericht in Hagen: In der Tat gab es im November einen Artikel, in dem Shoefiti erwähnt wurde. Allerdings handelte es sich dabei nicht um eine aktuelle Berichterstattung, sondern um einen Beitrag von zwei ZEUS-Reporterinnen. Sicher hätten sie „meinen“ Schuhbaum erwähnt, wenn es ihn zu dem Zeitpunkt bereits gegeben hätte, sehr weit ist ihre Schule von dem Baum nämlich nicht entfernt. © Birgit Ebbert

Zum Weiterlesen:
Das Rätsel der hängenden Schuhe (ntv)
Neue Kunst erobert die Städte (DerWesten)