(29.12.2013) Der Artikel über die Raunächte hat mich neugierig gemacht, welche Bräuche es für die Silvesternacht gibt. Ich kann mich an keinen speziellen Brauch für die Silvesternacht bei uns zu Hause erinnern, auch nicht, dass meine Eltern ein Feuerwerk entzündet haben. Aber in der Nachbarschaft wurde immer geknallt, was ich als Kind schon zu laut fand. Vor allem aber hatte ich schon damals soviel Fantasie, dass ich mich fragte, wo diese Latten landeten, an denen die Feuerwerkskörper befestigt waren. Immer hatte ich die Option im Blick, eine solche Latte könnte genau mich treffen. Seit ich auf meinem Balkon in Bochum regelmäßig an Neujahr mehrere solcher Latten fand und seit ich mitbekommen habe, wie im Nachbarhaus ein Feuerwerkskörper durch das geöffnete Fenster in eine Wohnung geflogen ist und diese in Brand gesteckt hat, schaue ich nur noch von weitem zu. Lieber sind mir weniger gefährliche, teure und umweltschädliche Bräuche, von denen es aber wenig zu geben scheint.

Wachsgießen
Ja, das Bleigießen, auch nicht gerade gesundheitsförderlich, da ist mir Wachsgießen schon lieber. Dabei wird eine kleine Wachskugel auf einen Löffel – nicht gerade der von Omas Silberbesteck! – gelegt und über einer Kerzenflamme geschmolzen. Sobald das Wachs dickflüssig ist, wird er in eine Schüssel mit kaltem Wasser gegossen. Schon beim Abkühlen der Figur, die so entsteht, können die ersten Interpretationen vorgenommen werden. Sieht sie aus wie ein Sparschwein, steht vielleicht Geld ins Haus, oder gar wie ein Auto, ein Haus, ein Musikinstrument, ein Fußball – möglicherweise wartet eine Fußballkarriere auf denjenigen, der die Figur hervorgezaubert hat.

Gummibärchen-Orakel
Was mir immer gut gefallen hat, war das „Gummibärchenorakel“, das wir Silvester gespielt haben. Leider ist mein Buch immer noch nicht von einer Orakeltour zurückgekehrt, allerdings habe ich gerade entdeckt, dass es inzwischen auch eine Internetauswertung gibt. Das einzige, was man für dieses Orakel benötigt, sind eine Tüte Gummibärchen, das Buch oder diese Internetseite. Fünf Bärchen ziehen, die Farbkombination auswählen und erfahren, was einen im nächsten Jahr erwartet. Eine witzige Partybeschäftigung – vorausgesetzt, man nimmt die Ergebnisse nicht zu ernst, sondern sieht sie als Motivation, Ansporn, Anregung für das neue Jahr oder einfach als Spaß am Silvesterabend.

Horoskope lesen
Ich gebe es zu, das ist eine Tradition, die ich seit der Jahrtausendwende pflege. Ich lese nur an Silvester Horoskope und suche mir aus denen vom kommenden Jahr die Übereinstimmungen heraus. Sind diese positiv, hoffe ich darauf, sind sie negativ, sage ich mir, dass Horoskope ohnehin nur Hokuspokus sind. Immer aber lese ich auch die Horoskope für das vergangene Jahr, weil ich neugierig bin, ob es Übereinstimmungen gab. Was das für 2012 bedeutete, habe ich hier beschrieben – die Auswertung für 2013 folgt Neujahr, nur nicht vorgreifen, noch ist das Jahr nicht vorbei.

Neujährchen
Als ich gerade Bräuche zum Jahreswechsel recherchierte, stellte ich mit großer Empörung fest, dass jemand schrieb „Neujährchen“ wären ein Brauch aus dem Aachener Raum. Hallo! Bei uns in Borken gab es diesen Brauch ebenso. Neujährchen, auch Eiserkuchen oder Hörnchen genannt, sind Tüten, die aus einem mit einem speziellen Eisen ausgebackenen Teig geformt werden. Die Tüten werden mit Sahne gefüllt. Bei uns zu Hause und in meiner Verwandtschaft gab es sie ausschließlich von Neujahr bis Dreikönig, wenn man sich gegenseitig zum „Niejohr-Winnen“ besuchte. Pah! Aachener Brauch.

Neujahrskranz
Von meiner Freundin, die aus der Eifel stammt, kenne ich hingegen den Neujahrskranz, den Wikipedia ins Münsterland verlegt. Das ist ein aus süßem Teig gebackener Kranz, der teilweise Rosinen enthält, manchmal – meine Lieblingsvariante – nur mit Mandeln und Hagelzucker bedeckt ist. In einer Bäckerei in Hagen habe ich einen „Mandelplatz“ entdeckt, der genauso schmeckt, aber keine Ringform hat, sondern eher die eines Brotes.

Neujahr gewinnen (Niejohr winnen)
Letztlich ist das nichts anderes als der Brauch, einem anderen alles gute für das neue Jahr zu wünschen. Ob mit „Prosit Neujahr“ oder „Prost Neujahr“, „Gutes neues Jahr“ oder wie bei uns zu Hause „Glückseligs nie Johr“ – beim Neujahr gewinnen galt es, als erster diesen Wunsch auszusprechen.

Bräuche zum Jahreswechsel – all überall
Ich habe im Internet nach regionalen Bräuchen in Deutschland gesucht, aber außer dem angeblich am Niederrhein üblichen „Ins neue Jahr springen“ keine gefunden, vielleicht postet ja der eine oder andere, welche Traditionen er kennt. Und wenn ein Niederrheiner bestätigen könnte, ob man dort wirklich von einem Stuhl oder einer Treppe ins neue Jahr springt, wäre das auch prima. Aus anderen Nationen begegneten mir einige Bräuche, von denen ich weiß, dass sie auch bei uns Einzug gehalten haben:

  • Argentinien: Dort werden an Silvester alte Unterlagen und Papiersortiert und alles Unnötige wird aus dem Fenster geworfen. Haha, da hätten die Hagener viel Spaß, wenn ich meine Papiere auf den Platz vor dem Fenster werfen würde.
  • Bulgarien: Upps, da gibt es von Kindern, die von Haus zu Haus ziehen, Schläge mit einem Ast auf den Rücken, die Gesundheit und Reichtum bringen sollen. Zum Dank erhalten die Kinder eine Belohnung.
  • Griechenland: Hier wird Karten gespielt! Oh, oh, nach den Anweisungen für die Raunächte ist das ganz schlecht! Zum Glück gibt es noch das Basiliusbrot, in das Münzen eingebacken werden, wer eine erwischt, der darf auf ein tolles neues Jahr hoffen.
  • Italien: in der Silvesternacht rote Unterwäsche tragen
  • Schottland: Wer hier Glück haben möchte, sollte sich gut vorbereiten. Glück winkt nämlich dem, vor dessen Haustür um Mitternacht ein junger Mann mit einer Flasche Whiskey, einem Rosinenbrot und einem Stück Kohle steht. Da frage ich mich: Wo gibt es noch Kohlestücke?
  • Spanien: Weintrauben essen beim mitternächtlichen Gongschlag – und zwar bei jedem der zwölf Schläge eine. Frage an die Spanier und Spanienkenner: Stimmt es, dass man dafür extra Dosen oder Gläser mit zwölf Weintrauben kaufen kann?
  • Tschechien: einen Apfel halbieren und an dem Kerngehäuse die Zukunft ablesen (Kreuz = Ungemach, Stern = Glück) © Birgit Ebbert