(28.07.2014) Ich gebe zu, im ersten Moment war ich enttäuscht, als ich bei der Recherche für einen neuen Kinderroman entdeckte, dass Willi Fährmann bereits einen Roman über die „Kinderlandverschickung“ geschrieben hatte. Er ist bereits 2008 erschienen und bisher an mir vorbeigegangen. Kein Wunder, bei meinem stressigen Leben in den letzten Jahren. Aber nun habe ich das Buch entdeckt, gelesen und war ein wenig beruhigt, weil es völlig anders ist, als ich mir meinen Roman gedacht hatte. Deshalb konnte ich die Geschichte um Anna und Lydia Mohrmann, Irmgard und Ruth Zarski, Schwester Nora, Dr. Scholten und all die anderen entspannt lesen – soweit man ein Buch, das im Zweiten Weltkrieg spielt und sämtliche Facetten der NS-Zeit aufgreift, entspannt lesen kann.

Die Geschichte des Buches von Willi Fährmann

Die Mohrmann-Zwillinge und Zarski-Schwestern gehören wie Schwester Nora und Dr. Scholten zu einer Gruppe von Schülern und Lehrerin, die 1943 aus dem zerstörten Oberhausen nach Maria Quell verschickt wurden, um dort in Sicherheit vor Bombenangriffen, Hunger und Not ihre Schulausbildung zu beenden. Anfangs bewahrheiten sich die Vorstellungen der Gemeinde, die für die Verschickung zuständig war, auch. Den Mädchen geht es gut, wenn man von strengen Lehrerinnen und kleinen Alltagsrepressalien absieht. Doch je weiter der Krieg fortschreitet, umso mehr holt sie die Kriegsrealität ein. Eine polnische Küchenhilfe wird verhaftet, die Oberklasse zum Kriegsdienst in die Wiener Neustadt beordert, selbst ein alter Lehrer zum Volkssturm beordert, um im Ernstfall das Dorf zu verteidigen. Lebensmittel und Waren werden knapp und wenn man genau hinhört, sind auch schon Frontgeschütze zu hören.

Alle warten darauf, dass sich die Gruppe auf den Weg in die Heimat machen darf. Eine Schülerinnengruppe zieht auf eigene Faust los, Flüchtlingstrecks aus Ungarn ziehen vorbei und noch immer lässt die Losung „Waldameise“ auf sich warten. Als sie endlich eintrifft, ist von den Bussen, die die Schülerinnen und ihre Lehrer abholen sollen, nichts zu sehen. Auf Schusters Rappen machen sie sich auf den Weg – mitten hinein in die Wirren der letzten Kriegsmonate, die von Hunger und Not, Angst und Sorge bestimmt ist und in denen nach und nach das wahre Ausmaß der Nazi-Taten deutlich wird.

Autogramm mit Elefant von Willi Fährmann
Ein Autogramm aus den 80er Jahren

Es gibt wohl kaum ein NS-Thema, das Willi Fährmann in seinem packenden Roman, nicht streift: ob der Tod an der Front oder daheim wegen Wehrkraftzersetzung, Kriegsverletzungen oder Judenverfolgung, das organisierte Töten von Behinderten oder die Kriegsgefangenschaft, zerstörte Häuser und Existenzen, Flucht und Vertreibung, die Kaugummis der amerikanischen Befreier und die Vergewaltigungen der russischen Soldaten – alles kommt vor oder wird erwähnt. Damit ist das Buch mehr als ein Roman, er ist ein erzählter Abriss der Geschichte, in dem auch das Attentat auf Hitler, Widerständler und der Tod Hitlers sowie das Kriegsende nicht fehlen.

Ein lesenswerter Roman von Willi Fährmann

Ein gelungener Roman für Erwachsene, Jugendliche und Kinder, sofern diese Interesse an der Zeit haben, sich durch knapp 500 Seiten lesen können und einen Ansprechpartner haben, der ihnen die Ereignisse erklärt. Sonst kann das Buch, gerade weil es eine hohe Identifikation mit den Mädchen von 9 bis 16 erzeugt, Ängste hervorrufen. Auch wenn es sich um eine fiktive Geschichte handelt, ist das Erzählte weder Fantasy noch Märchen, es spiegelt das Leben von Kindern und Erwachsenen vor 70 Jahren wider – ergreifend, überzeugend und nachdenklich. © Birgit Ebbert