(29.11.2013) Zum ersten Mal ist mir Inge Jens vor fast 25 Jahren begegnet – bei der Präsentation eines Buches mit den Briefen von Willi Graf, einem weniger bekannten, aber ebenfalls ermordeten Mitglied der Weißen Rose. Schon damals haben mich der Nationalsozialismus und seine heimlichen Helden interessiert.

Am letzten Tag der Literaturtage in Albstadt beschäftigte Inge Jens sich allerdings nicht mit diesem Thema, sie las aus ihrem neuen Buch, das am 6. Dezember erscheinen wird. Es geht um den Schreibtisch von Thomas Mann. Thomas Mann begleitet Inge Jens schon seit Jahrzehnten, mehr als ein halbes Jahrhundert, durch das Leben, seit der Verleger Günter Neske sie 1959 bat, die Briefe Thomas Manns an Ernst Bertram herauszugeben. Immer wieder wurde sie für die Edition von Mann-Briefwechseln herangezogen, bis sie schließlich auch die Nachfolge von Peter de Mendelssohn antrat, der bis dahin über die Tagebücher Thomas Manns wachte. Inge Jens hat mehrere Bücher auch über Katia Mann geschrieben, die ihr deutlich mehr am Herzen liegt, selbst wenn das Buch, das jetzt erscheint wieder eines über Thomas Mann ist. Vordergründig zumindest, denn es geht um seinen Schreibtisch, um seine Anforderungen an den Arbeitsplatz. Hintergründig sind dafür vor allem die Frauen des Hauses Mann zuständig, allen voran Katia Mann, aber auch die Mann-Tochter Erika. So wird aus dem Nachdenken über Thomas Mann und seinen Arbeitsplatz auch so etwas wie eine Sammlung von Episoden aus dem Familienleben, der Zeitgeschichte und der Emigration.

Inge Jens hat sich ihre Erkenntnisse über den Schreibtisch nicht aus den Fingern gesogen, sie hat als Historikerin aus allen verfügbaren Quellen zusammengetragen, was sie über das Arbeitsmöbel finden konnte und Erstaunliches zutage gebracht. Manfred Mai, der die Lesung moderierte, musste sie aus Zeitgründen irgendwann stoppen, aber ich hätte noch ewig zuhören können. Inge Jens hat die Quellenzitate geschickt mit ihren Worten und Erklärungen verwoben, sodass ein Text entstanden ist, auf dessen Lektüre ich mich schon freue. Zumal es mich fasziniert, wie viele Informationen sich ganz versteckt auf Bildern, in Tagebüchern und Briefen finden, aus denen ziemlich genau rekonstruiert werden kann, wann Thomas Mann an welchem Platz gearbeitet hat.

Besonders interessant fand ich die Geschichte seines Schreibtisches aus der Poschinger Straße in München. Dazu muss man wissen, dass Thomas Mann am 11. Februar 1933 zu einer Vortragsreise mit anschließendem Urlaub aufgebrochen und nie wieder in sein Haus zurückgekehrt ist. Er konnte seine Möbel nicht einfach abholen lassen. Kaum war klar, dass er nicht zurückkommen würde, da wurde sein Besitz von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Und dennoch brachte am 25. November 1933 ein Umzugswagen seinen Schreibtisch samt Inventar, sogar der Abreißkalender war in einer der Kisten – noch datiert auf den Abreisetag. In ihrem Buch beschreibt Inge Jens, wie es ein Schreibtisch schaffen konnte, die Grenzen Nazi-Deutschlands zu überwinden und nach Küssnacht in der Schweiz zu gelangen. Eine spannende Geschichte, aber ich will die Neugier auf das Buch nicht schmälern. Ich freue mich schon darauf, es ganz zu lesen – wegen solcher Informationen, aber auch wegen der vielen Randnotizen über das Leben in der Emigration und die Wanderschaft der Familie Mann während des Hitler-Regimes.

Nach der Lesung hatte ich Gelegenheit, ein wenig mit Inge Jens zu plaudern. Sie hat mir versprochen, einen Kontakt zur Familie von Anneliese Knoop-Graf herzustellen, der Mit-Herausgeberin und Schwester von Willi Graf. Wir haben festgestellt, dass wir beide Fans von Katia Mann sind und ihr gegönnt hätten, dass sie ihre eigenen Talente mehr hätte zur Entfaltung bringen können. Inge Jens hat Katia Mann persönlich kennengelernt, sie schildert sie als vergnüglich, lustig, direkt und interessiert am Gegenüber und an der Welt. Durchaus Eigenschaften, die sie mit ihr gemeinsam hat. In einem allerdings gingen ihre Visionen sehr auseinander. Katia Mann sah ihr Lebensziel darin, sich für Mann und Kinder aufzugeben, was sicher auch an ihrer sehr vornehmen Herkunft lag. Ein Ziel, mit dem Inge Jens sich gar nicht identifizieren konnte.

Noch eine Begegnung, die mir im Gedächtnis bleiben wird. Eine beeindruckende Frau, so lebendig und tatendurstig, trotz ihrer 86 Jahre und trotz des Umzugsstresses, in dem sie sich gerade befindet, von der Arbeit an einem Buch ganz abgesehen.

Das Buch: Inge Jens „Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt.“ Fischer 2013 © Birgit Ebbert