(08.10.2013) Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, wie meine Geschichten eigentlich zwischen zwei Buchdeckel kommen. Erst der Besuch in der Buchbinder-Werkstatt einer Kollegin aus dem Netzwerk BusinessfrauEN im letzten Jahr hat mich neugierig gemacht, wie aus losen Blättern ein Buch entsteht. Kürzlich war ich in Begleitung eines Fotografen einen ganzen Vormittag in der Buchbinderei von Eileen Gründer und habe genau beobachtet, wie aus den Ausdrucken meiner Location-Krimis, die ich „Mord und Ortschlag“ genannt habe, ein gebundenes Buch wird.

1. Beratung
Am Anfang stand die Beratung, die bereits aufwendiger war, als ich erwartet hatte: Welches Material soll der Umschlag haben? Soll es strapazierfähig sein oder darf es auch ein Leinengewebe sein? (Strapazierfähig natürlich, schließlich brauche ich das Buch für hoffentlich viele Lesungen.) Welche Farbe soll der Umschlag haben? Welche Farbe die Prägeschrift? Mit Zeichenbändchen oder ohne? (Schon das erste neue Wort gelernt: Das, was ich als Lesebändchen kenne, heißt auch Zeichenbändchen.) Ich war nach der Beratung bereits erschöpft und musste zum Glück nur noch ein paar Notizen machen, während Eileen Gründer sich an die Arbeit machte und der Fotograf versuchen musste, jeden Schritt mit der Kamera einzufangen. Kein leichtes Unterfangen, wenn ein Papiermesser rasend schnell herabfällt und der Pinsel zügig geschwungen werden muss, damit der Leim nicht verläuft. Doch zurück zu meinem Krimi-Band.

2. Aufstoßen des Papiers
Nach diesen Vorarbeiten wurde es für meinen Papierstapel richtig ernst. Er wurde aufgestoßen. Dieser Begriff ist nicht erfunden und das Geräusch, das dabei entsteht, ist ein lauter Knall, weil der Papierstapel auf den Tisch gestoßen wird. Und nicht nur das, er wird auch noch gewedelt – das Wort habe ich mir ausgedacht, weil der Vorgang aussieht, als führe mein Papierstapel Slalom. Der Papierstapel wird beim Aufstoßen ein wenig gewedelt, „damit Luft hineinkommt“. Aha! Richtig heißt das „Auffächern“, aber das ruft bei mir nicht so schöne Bilder hervor. Anschließend wird die Luft wieder herausgestrichen. Wer sich also wundert, warum er nie schöne glatte Papierstapel hinbekommt, sollte es einmal mit wedeln, aufstoßen und Luft herausstreichen probieren.

3. Aufschneiden
Dann ging es meinen Ausdrucken an den Kragen, äh, ans Papier. Der Papierstapel wurde aufgeschnitten. Ja, das ist richtig geschrieben, auch wenn mein Papierstapel weder Brötchen noch Brot ist. In der Fachsprache heißt es aufschneiden, wenn das Papier am Buchrücken auf Maß geschnitten wird. Der Begriff kommt vermutlich daher, dass früher und auch heute noch die Druckbögen aneinanderhingen und voneinander getrennt werden mussten. Für Eileen Gründer ist das ganz klar, sie bindet nämlich auch Zeitschriften und die sind meist hinten mit einer Klebe- oder Drahtheftung versehen. Diese muss erst einmal aufgeschnitten werden, ehe die Hefte gebunden werden können. Das Schneiden darf man sich nun nicht so vorstellen wie in Tante Ernas Bastelwerkstatt. Lineal anlegen, Bastelmesser schwingen und fertig. In der Buchbinderei stehen riesige Schneidmaschinen. Sehr riesig mit sehr scharfen Messern.

Kleine Rechtskunde am Rande: Um zu verhindern, dass beim Schneideprozess versehentlich Finger abgeschnitten werden, gibt es eine Vorschrift, nach der eine Schneidemaschine mit zwei Händen bedient werden muss. Sprich: Es gibt zwei Knöpfe, die gleichzeitig gedrückt werden müssen, damit das Messer ausgelöst wird. Wenn man sich das Bild mit dem Messer anschaut, klingt das nach einer sehr sinnvollen Regelung! Aber selbst das Schneiden ist aufwendig. Bevor das Messer zum Zuge kommen kann, wird das zu schneidende Objekt mit dem Pressbalken fixiert. Und dann: Wusch, ehe man das Messer gesehen hatte, war das Papier schon geschnitten. Im Schwingschnitt. Oder Guillotineschnitt? Das hängt von der Maschine ab, die zum Einsatz kommt.

4. Vorsatzblatt hinzufügen
Mein Papierstapel war nach diesem Vorgang jedenfalls glatt und platt und wurde vorne und hinten mit einem Vorsatzblatt versehen. Ja, ich weiß, es heißt nicht „Vorsatzblatt“, sondern Vorsatz. Aber ein Vorsatz gehört für mich zu Neujahr und soweit sind wir noch nicht. Schon wieder ein neues Wort. Ein Vorsatz(blatt) ist eine in der Mitte gefalzte Doppelseite im gleichen Format wie das Papier des zu bindenden Papierstapels. Eine Hälfte des Blattes wird später – viel später – an die Buchdecke geklebt. Doch soweit waren wir noch nicht. Das Vorsatz(blatt) wurde mit den Daten meines Buches versehen: Größe, Farbe, Sonderwünsche, damit der Stapel immer leicht zugeordnet werden konnte.

5. Fächerklebebinden
Die Rückseite meines Papierstapels war nun schön rau und bereit dafür, den Leim für die Bindung aufzunehmen. Hier habe ich vermutlich zum ersten Mal so richtig gestaunt. Ich hatte mir das Buchbinden ganz einfach vorgestellt. Ähnlich wie bei meiner Thermobindung: Buchumschlag, Klebstoff rein, Blätter rein – fertig. Das ist eben der Unterschied zwischen Basteln und Handwerk, habe ich gelernt. Der Papierstapel wurde – da ein Einzelstück – in die Tretpresse gespannt. Dort wurde der angehende Buchrücken treppenförmig aufgefächert und mit dem Leimpinsel bearbeitet. Sehr schnell, was man auf den Fotos auch erkennen kann. Und von beiden Seiten, damit jedes Blatt ein wenig Leim abbekommt. Sobald der Leim verteilt ist, wird der Rücken mit einer Gaze versehen und dann noch mit einem Streifen Packpapier. Unter uns: Ich wollte ja nichts sagen, aber etwas hübscher hatte ich mir meinen Buchrücken doch vorgestellt. Als hätte Eileen Gründer meine Gedanken erraten, erklärte sie uns, dass diese beiden Materialien am Ende im Buchrücken verschwinden. Uff!
In welchem Buchrücken? Bis dahin hatte ich zwar Farbe und Material ausgesucht, von einem Buchdeckel war aber weit und breit noch nichts zu sehen. Immerhin hatte mein Papierstapel nun schon das Stadium eines Buchblocks erreicht.

6. Trocknen
Jetzt war erst einmal Trocknen angesagt. Und trocknen und sicherheitshalber noch mehr trocknen. – Im wahren Buchbinderinnenleben hätte Eileen jetzt etwas anderes gemacht und wir hätten am nächsten Tag wiederkommen müssen. Aber sie kennt mich ja schon etwas länger und ahnte, dass mir das alles viel zu lange dauert. Deshalb hat sie einen Buchblock vorbereitet und erklärt uns die nächsten Schritte an dem Dummie, während mein kriminalistischer Buchblock vor sich hin trocknet.

7. Endschnitt
Nach dem Trocknen wird der Buchblock auf das gewünschte Endmaß zugeschnitten. Oh nein, es heißt doch Beschnitt! Dieser erfolgte an einer größeren Maschine mit einem größeren Messer und zwei Knöpfen, damit es nicht zu Blutvergießen außerhalb des Buches kommt. Übrigens in jeder Hinsicht ein Paradies für Krimi-Autoren, gibt es doch neben dem langweiligen Vorderschnitt den Fuß- und Kopfschnitt, auch wenn weder Füße noch Köpfe, sondern kleine Papierblöcke rollen, die ich gleich aus dem Papierabfall gefischt habe.

8. Runden
Mörderisch ging es dann weiter. Eileen ging mit den Buchblöcken im Endformat an eine sehr merkwürdige Maschine, um sie zu runden, weil Bücher hinten ja immer schön rund sind. Knall, bumm, mit einem mehrere hundert Kilo schweren Metallblock wird der Buchblock bearbeitet. Der Arme. Da hat die Buchdecke es schon besser. Die wird nur über einen Rundungstab gezogen, doch soweit sind wir zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Schließlich muss die Buchdecke erst einmal hergestellt werden. Nebenbei bemerkt: Krafttraining für die Arme können Buchbinder sich sparen!

9. Zubehör für die Buchdecke vorbereiten
uchdeckeMit meinem Buchblock ging Eileen Gründer an ein Regal, in dem Pappstreifen in verschiedenen Größen lagen. Was ich für Pappstreifen hielt, hat natürlich auch einen ordentlichen Namen, das sind nämlich die Rückeneinlagen, die auf Vorrat geschnitten wurden. Sie suchte die passende Rückeneinlage für mein zukünftiges Buch heraus und kramte aus einem anderen Regal eine große Pappe hervor. Aus der schnitt sie an der Pappschere Vorder- und Rückdeckel. Danach ging es an das Regal mit den Rollen für den Bucheinband. Bibliotheksgewebe heißt das Material, das Eileen als Meterware einkauft und je nach Wunsch des Kunden verarbeitet. Das Material wurde in der passenden Größe zugeschnitten – mit ein wenig Zugabe wie ich das beim Einpacken von Geschenken auch immer mache. Das war auch das einzige, das ich richtig gemacht hätte, glaube ich. Es scheint seinen Sinn zu haben, dass Buchbinder ein Ausbildungsberuf ist.

10. Buchdecke herstellen
Endlich! Nun wurde die Buchdecke hergestellt. Es heißt nicht Buchdeckel, nein! Der Buchbinder spricht von einer Buchdecke und meint jenes Objekt, das am Ende um den Buchblock geklebt wird. Am Ende. Erst einmal wurde das Material für den Bucheinband eingeleimt, was korrekt angeleimt heißt, wie ich wieder einmal nebenher gelernt habe – von innen nach außen, wie Eileen Gründer stets betonte, als sollte ich die nächste Bindung selbst vornehmen. Die vorher ausgewählten Pappen wurden richtig auf dem Material verteilt und die Überstände eingeschlagen . Juhu, es gab nun Buchblock und Buchdecke. Noch ein Klebeschritt und fertig. Dachte ich und hatte die Rechnung ohne Buch- und Rückentitel gemacht.

11. Trocknen
Spätestens hier war mir klar, dass eine Buchbinderin neben vielen anderen Eigenschaften auch Geduld mitbringen sollte. Denn die olle Buchdecke musste – ja, was wohl? – trocknen. Diesmal habe ich die Zeit genutzt, um einige Fotos mir Corvo in der Buchbinderei zu machen.

12. Titel prägen
Dann nahm Eileen die Buchdecke und ging mit ihr ans andere Ende der Buchbinderei. Der Fotograf und ich hinterher, um schnell die Kameras zu zücken. Der riesige Setzkasten mit Lettern, also Metallbuchstaben nach Johannes Gutenberg, erinnerte mich an meinen Besuch bei einer Zeitung vor zig Jahren. Mit diesen Lettern setzte Eileen Gründer zunächst meinen Namen und dann den Titel meines Buches. Die Letternbündel setzte sie jeweils in einen vorgeheizten Schriftkasten, der wiederum in die Prägemaschine eingespannt wurde. Die Buchdecke wurde eingelegt und zurechtgeruckelt, bis die Schrift ansprechend platziert war und – ein Hebeldruck – schon stand mein Name in schönen weißen Buchstaben auf der blauen Buchdecke. Diese wurde so gedreht und geschoben, dass der Buchrücken genau zum Prägestempel ausgerichtet war. Noch ein Hebeldruck und die Buchdecke war fertig. Mein Buch rückte in greifbare Nähe.

13. Zeichen- und Kapitalbändchen ankleben
Dachte ich. Jetzt kamen die erst noch Borten und Bändchen zum Einsatz. Den Sinn des Bändchens verstand ich sofort – mein Lese-, äh, Zeichenbändchen! Aber diese Borte? Aus denen wurden Kapitalbändchen. So heißen die Dinger, obwohl sie nichts mit Reichtum oder Karl Marx‘ Klassiker zu tun haben. Diese Bändchen dienen dazu, den Übergang zwischen Buchblock und Pappe des Buchrückens zu verschönern. Warum das Kapitalband Kapitalband heißt, ist mir noch ein Rätsel.

14. Buchdecke runden
Der Buchblock wartete vermutlich so sehnlich wie ich darauf,  dass er endlich mit der Buchdecke verbunden wurde. Aber die Decke musste zuerst gerundet werden, auf dem oben erwähnten Rundungsstab, der Eileen und allen anderen Buchbindern das Armtraining erspart.

15. Anpappen
Dann endlich ging es zum Leimtopf und Buchdecke und Buchblock wurden miteinander verbunden, anpappen, sagen Buchbinder dazu. Ich streckte schon die Hand nach dem Werk aus, was mit einem nachsichtigen Lächeln bedacht wurde, weil das Buch über Nacht in der Presse trocknen musste, damit beide Teile fest miteinander verbunden sind und die Blätter auch sicher halten.

16. Blättern
Aber heute, heute durfte ich es abholen und in dem Buch blättern und bin gleich doppelt motiviert, Lesungen zu akquirieren. Ab sofort reist mein Kurzkrimi-Buch mit zu jeder Lesung, dafür habe ich extra strapazierfähiges Umschlagmaterial ausgewählt.

Werbeblock: Das Binden solcher Bücher ist nur ein Teil von Eileens Arbeit und Angebot. Sie bindet auch Diplomarbeiten, Zeitschriftenjahrgänge, Speisekarten und was sonst noch gebunden werden möchte und soll. Aber sie stellt auch zauberhafte Notiz- und Tagebücher her, Fotoalben und pfiffige Leporellos, in denen man einige Fotos präsentieren oder verschenken kann. Was es mit den Sternen auf sich hat, die in ihrer Werkstatt herumhingen, werde ich auch noch herausbekommen. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen: www.buchbinderei-gründer.de oder im Shop bei DaWanda

Gelegentlich gab es Hilfe von Corvo 🙂

Fotos: Ulrich Wens, www.moment-aufnahmen.info

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