(07.12.2014/21.10.2015) Das ist mir lange nicht passiert, dass ich einen Termin vergessen habe, weil ich so vertieft war in ein Buch. Dabei liegt das Buch schon auf meinem Bücherstapel, seit ich für einen Artikel über „Schindlers Liste“ recherchiert habe – und nun stellte ich fest, dass es in dem Buch sogar einen Bezug zu Anne Frank gibt. Irgendwie passend also, dass sich mir das Buch gerade in dem Moment aufdrängt, als ich die Druckfreigabe für „Falsches Zeugnis“ erteilt habe.

Zwischendurch hatte ich kurz mal überlegt, ob ich die Lektüre von „Spiel mir das Lied vom Leben. Judith und der Junge von Schindlers Liste“ von Angela Krumpen unterbrechen könnte. Doch dann habe ich die Zwiesprache zwischen dem Jungen von Schindlers Liste und der zehnjährigen Judith dem Smalltalk und den vielen Menschen vorgezogen. Obwohl ich gerne den einen oder anderen dort getroffen hätte. Irgendwie war heute der Tag dieser beiden Menschen, die mir und allen Lesern – vermittelt über die Journalistin Angela Krumpen – nicht nur die Grauen des Holocaust, sondern auch das Weiterleben danach und das Leben überhaupt nahebringen.

Erst kürzlich sprach ich mit jemandem darüber, dass es manchmal unbewusste Erinnerungen sind, die einen inneren Widerstand gegen etwas oder auch eine Person hervorrufen. Michael Emge, wie „der Junge von Schindlers Liste“ sich nennt, beweist mit seinen Erzählungen genau das. Er kann heute noch keine Tomaten essen, weil er in eine Tomate gebissen hat, auf der – wie er erst nach dem ersten Biss feststellte – Bluttropfen einer toten Frau waren. Bis heute muss er als letzter auf der Rolltreppe stehen, weil er es nicht erträgt, zu wissen, dass jemand hinter ihm steht.

Ich habe schon viele Bücher über die Grauen in den Konzentrationslagern gelesen, irgendwann denkt man, schlimmer kann es nicht werden. Aber dieses Buch von Angela Krumpen hat mich manchmal den Atem stocken lassen, weil diese Grausamkeit und auch Menschenverachtung einzelner Menschen meine Vorstellungskraft übersteigt. Bis zu einem gewissen Grad kann ich nachvollziehen, dass die Menschen in den Lagern versteinert waren und nicht weiter gedacht haben, wenn sie Gas in die Kammern geleitet haben. Wie aber Menschen es fertig bringen, einfach so aus einer Laune heraus Menschen zu erschießen, denen sie vorher Auge in Auge gegenüber gestanden haben, die sie nicht bedrohen und ohnehin schon am Ende sind, das sprengt meine Vorstellungskraft.

Und trotzdem konnte ich das Buch von Angela Krumpen nicht aus der Hand legen, weil hier nicht nur die Geschichte des Jungen von Schindlers Liste erzählt wird, sondern auch die der elfjährigen Geigerin Judith. Ihre Begeisterung für den Geiger Itzhak Perlmann hat sie zufällig auf die Spur des Films Schindlers Liste und des Holocaust gebracht. Den Film durfte sie nicht anschauen, allerdings ergab es sich, dass eine Bekannte von ihnen gerade eine Sendung mit dem „Jungen von Schindlers Liste“ Michael Emge machte. Sie stellte den Kontakt zwischen dem alten Mann und dem Mädchen her, die vor allem eines verband, ihre Leidenschaft für die Musik und ihre Liebe zur Geige. Als die Leidensgeschichte von Michael Emge begann, war er so alt wie Judith bei ihrer Begegnung und wie sie auf dem Weg ein erfolgreicher Geiger zu werden, bis die Nazis ihm die Geige nahmen und die Fähigkeit, glücklich zu sein.

Ein sehr anrührendes Buch, das die Sicht des alten Mannes und die Reflexionen des Mädchens im Tagebuch in einzigartiger Weise mischt und die Leser dadurch in den Bann zieht. Obwohl es kein leichtes Buch ist, empfehle ich es doch allen, die sich oder ihren Lieben ein besonderes Geschenk unter den Baum legen möchten. Wer sagt, dass Weihnachten nur fröhliche Bücher überreicht werden dürfen, die elfjährige Judith zumindest hat sich riesig darüber gefreut, dass ihre Eltern ihr zu Weihnachten die Biografie von Alma Rosé, der Leiterin des Mädchenorchesters in Auschwitz, geschenkt haben. © Birgit Ebbert

Angela Krumpen: Spiel mir das Lied vom Leben. Judith und der Junge von Schindlers Liste. Herder 2011/2014

Ergänzung vom 21.10.2015

Als ich den Beitrag schrieb, habe ich Angela Krumpen nicht im Internet gefunden. Aber nun hat sie mich entdeckt und sich bei mir gemeldet. Wir hatten ein sehr schönes Telefonat und sie hat mir drei Fragen zum Buch beantwortet.

1. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Buch so zu komponieren, wie Sie es getan haben?
Gute Frage. Darüber musste ich in der Tat lange nachdenken. Die Frage hat mich gequält: wie nur sollte ich diese zwei, so ungleichen Leben, in einen Text bringen, der beiden gerecht wird? Ein Leben, das gerade anfängt, das andere, das schon so lange gelebt wird, das eine mit so viel Bilderbuchglück (was für ein Glück, wenn ein solches Talent in einer Musikerfamilie auf die Welt kommt und mit soviel Liebe und Engagement unterstützt wird), das andere mit so viel Unglück und Leid… Ich wusste: das ist eine der Fragen, an denen das Gelingen hängt.
Ich grübelte und grübelte. Und hatte keine Idee. Was mir einfiel, war schwer. Oder sperrig. Oder pädagogisch. Oder konstruiert. Argh.
Dann sind wir nach Polen gefahren. Und die Geschichten, das Grauen fluteten mich. Wie alle anderen. Wie Judith. Die eines Abends nicht zum Essen erschien. Besorgt fragte ich die Mutter, ob Judith krank sei. „Nein. Aber sie braucht mal Zeit für sich. Die muss mal Tagebuch schreiben.“‚
Das wars. In dem Moment wusste ich, wie ich es schreiben musste.

2. Wie muss ich mir die Arbeit an dem Buch vorstellen?
Jerzy Gross, alias Michael Emge im Buch, wurde ja von Neonazis bedroht und hatte deswegen ein Pseudonym in der Öffentlichkeit, hat seine Erinnerungen aufgeschrieben. Mir dann auf Band gesprochen. Immer weiter ergänzt. Die Bänder habe ich abgetippt. Und so treu wie möglich, so frei wie nötig, erzählt.
Dazu viele Gespräche. Mit Judith. Mit Jerzy. Mit beiden. Mit Judith, ihren Eltern und einem meiner Söhne, bin ich auch ins Anne Frank Haus nach Amsterdam gefahren, habe den Film Schindlers Liste angeschaut. Judith hat mir ihre Briefe und Gedichte an Lisa, die Freundin die während der Arbeit an dem Buch durch einen Kanuunfall starb, überlassen. Judith hatte sich für Jerzy an seinem 80. Geburtstag ein kleines, exklusives Konzert ausgedacht. Was Jerzy unglaublich bewegt hat.
Bei all dem habe ich zugehört, hingeschaut. Nachgedacht.
Und dann bin ich nach Spiekeroog gefahren. In ein wunderbares Mutterkindkurhaus. Habe dort alles zusammengefügt. Bin bei klirrender Kälte und strahlendem Sonnenschein umhergelaufen. Was mir zum Sinnbild für die Geschichte wurde. Erzählte ich doch vom absolut Bösem, zu dem Menschen fähig sind, erzählt eine Geschichte, die in der Hölle wurzelt.
Und deren Blüten himmelwärts streben.

3. Wie wirkt das Buch in Ihrem Leben weiter?
Mannigfaltig. Als das Buch erschien, habe ich noch eine Bühnenfassung geschrieben. Eine Konzertlesung, mit Lesung, Musik, Talk und historischem Material. Vor 120 00 Schülern habe ich mit Jerzy gestanden, von Hamburg bis Freising. Die Kids haben sich so bewegen, so berühren lassen. Haben gefragt. Und hatten in Jerzy einen Meister im Antworten.
Es hat lange gedauert, aber peu à peu, hat Jerzy angefangen uns zu vertrauen, Judith, ihren Eltern, meiner Familie, mir. Am Ende waren wir Freunde. Wir waren bei ihm, als er, der immer krank war, todkrank wurde. Und als er starb. In den letzten Tagen habe ich ihm, der das Leben nicht lassen wollte, versprochen, dass ich das, was sein Leben in denen letzten Jahren ausmachte, was zu seinem Leben geworden war, das Erzählen, damit wir nicht vergessen, also, für ihn zu übernehmen.
Und das tue ich jetzt: ein kleiner Freundeskreis von Jerzy hat sich gebildet. Wir sammeln Spenden, weihen an Jerzys Geburtstag im November 2015 eine Bronzeplakette an Jerzys letzter Wohnung ein. Als reale Gedenkstätte. Und launchen bei einem Benefiz-Gedächtniskonzert mit Judith die Internetseite „Spiel mir das Lied vom Leben“. Als virtuelle Gedenkstätte.
Und haben auch danach noch viel vor.

Internetseite und Blog von Angela Krumpen