(11.04.2014) Sioma Zubicky ist der Sohn einer russisch-jüdischen Zirkusfamilie aus Berlin. Seine Eltern waren zwar meist mir dem Zirkus unterwegs, sie besaßen jedoch eine kleine Wohnung in der Lothringer Starße in Berlin, in der Sioma einen Teil seiner Kindheit verbrachte und von der aus er fast die Schule hätte besuchen können. Dann kam die Machtergreifung der Nazis dazwischen, 1926 geboren, wuchs er in die NS-Zeit hinein, in der auch er, seine Eltern und sein Bruder Viktor Verfolgungen ausgesetzt waren.

Seine Eltern spürten früher als viele andere Juden, dass sie gefährdet waren, vielleicht weil sie als Mitglieder des fahrenden Volks immer mit Diskriminierung rechneten. Sie beobachteten die Entwicklung genau, doch anfangs ging alles gut. Sioma gelangte sogar, sich mit seinem Freund und dessen Vater, einem Parteigenossen, ins Winterhilfswerk der Nazis und aß dort unerkannt seine Suppe. Diese Zeit hatte bald ein Ende, die Eltern zogen es vor, mit dem Zirkus in die Tschechoslowakei zu ziehen, in dem 1933 viele Ethnien lebten und toleriert wurden, sodass die Familie sich bis 1939 sicher fühlte. Danach zogen sie weiter in die Schweiz und nach Paris, wo der Vater begann, sich im Widerstand zu engagieren. Doch noch immer gelang es ihnen, zu überleben, ohne dass ihre jüdische Herkunft offenbar wurde. Als sie jedoch eines Tages verhaftet wurden, wusste Siomas Mutter sich keinen anderen Rat, um ihren Mann und die anderen Widerstandskämpfer zu schützen, als ihre jüdische Herkunft zu verraten. Sie ahnte nicht, dass sie damit das Todesurteil über sich und ihre Söhne sprach. Ihrem Mann gelang es, dank der Widerstandskontakte zu überleben. Sioma Zubicky, seine Mutter und sein Bruder Viktor wurden nach Auschwitz deportiert, wo seine Mutter und sein Bruder schon bald umgebracht wurden. Sioma schaffte es, die unglaublichen Strapazen des Lagers und der anderen Konzentrationslager, in die er gebracht wurde, zu überleben. Noch Jahrzehnte später erinnert er sich in seiner Autobiografie an viele Alltagsmomente, die einem den Schauer über den Rücken treiben.

Aber Sioma Zubicky war nicht nur verfolgter Jude, sondern auch Zirkuskind. Als sich früh zeigte, dass er kein Talent zur Artistik hatte, verlegte er sich auf die Musik und errang erste Erfolge mit dem Xylofon. Bereits mit acht Jahren war er eine Berühmtheit und bekam bessere Angebote für Varieté-Auftritte als sein Vater. Er wurde zeitweise zum Ernährer der Familie. Nach dem Krieg gelangte Sioma Zubicky nach Schweden, wo er verschiedene interessante Berufe ausübte, heiratete, eine Familie gründete, ein neues Zuhause fand, aber niemals die Bilder, Geräusche und Gerüche aus dem Konzentrationslager ganz vergessen konnte.

Ein eindrucksvolles Buch, das viele Facetten der Judenverfolgung in der NS-Zeit zeigt, aber in einem ganz anderen Kontext als sie uns sonst begegnen. Besonders nachhaltig wirken die Schilderungen aus dem Lager, die der Vorstellungskraft der Leser auf die Sprünge helfen, denn wer kann sich wirklich ausmalen, wie es in den Konzentrationslagern zuging. Gedenkstätten können nur eine Ahnung vermitteln, Romane glaubwürdig wirken, aber erst geschilderte Erlebnisse wie die von Sioma Zubicky zeigen, dass die Lager keine Fantasie sind, sondern unfassbare Realität waren. © Birgit Ebbert