(03.05.2014) Andrea Behnke hat in einem Blogbeitrag am Montag auf ihre Spielkindheit zurückgeblickt und mich inspiriert, über die Spiele meiner Kindheit nachzudenken. Das tue ich ohnehin bei jedem Elternvortrag über „100 Dinge, die ein Vorschulkind können sollte“, aber auch bei der Zusammenstellung der „Kreis- und Spiellieder“ für mein gleichnamiges Buch habe ich intensiv zurückgeschaut. Manchmal frage ich mich, ob die Freude an den Rückblicken ein Zeichen ist, dass ich alt werde. Wenn dann aber meine angehenden Abiturienten von den Spielen ihrer Kindheit schwärmen, dann weiß ich, dass es eher ein neu erwachtes Interesse an den Wurzeln meiner Geschichten und Ideen ist, das mich antreibt.

Nun also meine Kinderspiele. Vermutlich war das Münsterland der 60er Jahre ein noch größerer Schonraum als die Siedlung, in der Andrea in den 70er Jahren aufgewachsen ist. Ich habe kürzlich eine alte Büttenrede meines Vaters gelesen, in der er den Aufruhr erwähnt, den die erste Ampel Mitte der 60er Jahre in Borken verursacht hat. Das sagt alles, oder? Für Kinder war die Kleinstadt, die aber immerhin Kreisstadt war und ist, ein Paradies. Die ersten sieben Jahren wohnten wir in einem Mietshaus, mit vier Mietparteien und einem großen Garten, in dem ich fleißig Dreirad und Roller fahren übte, schaukeln und im Sand spielen konnte. Ging ich durch das Gartentor fand ich mich auf einem Sandweg wieder, der direkt zum Spielplatz hinter dem Garten führte. Da sich dieser in unmittelbarer Nähe befand, durfte ich schon früh allein aus dem Haus und auf dem Spielpatz spielen, schließlich konnte ich die Stimme meiner Mutter auch auf dem Spielplatz hören, wenn sie aus dem Küchenfenster rief. Zwischen Klettergerüst und Sandkasten trafen wir uns, ohne dass wir uns groß verabredeten – meine Freundinnen und Freunde besuchten wie ich den Kindergarten nur vormittags, nachmittags war man im Garten oder auf dem Spielplatz und rutschte, wippte, schaukelte, versteckte sich, stritt und versöhnte sich.

In dem weißen Haus wohnte ich als Kind.

Als ich sieben Jahre alt war, zog meine Familie an das andere Ende der Stadt in ein Neubaugebiet, quasi in einen riesigen Abenteuerspielplatz. Es gab noch keine Straßen und wir waren eine der ersten Familien, die einzog, was dazu führte, dass wir spielen konnten, wo und was wir wollten. Wir waren immer unterwegs und ich möchte nicht wissen, wie viele Stunden meine Mutter mit Waschen verbracht hat, weil wir verschlammt von oben bis unten nach Hause kamen. Das änderte sich, als die Straßen befestigt, die Grundstücke begrünt und die meisten Häuser fertig gebaut waren. Von da an spielten wir wechselweise in den Gärten – gerne die damals sehr beliebte Fernsehshow „Spiel ohne Grenzen“ nach – oder auf der Straße. Und da sind wir bei dem Straßenspiel, das schon damals nicht politisch korrekt war. Mein Lieblingsspiel war „Deutschland erklärt den Krieg“, eine Kombination aus Ball-, Lauf- und Abwerfspiel, das ich geliebt habe. Zunächst wurde auf der Straße ein Kreis mit Kreide gezeichnet und in so viele Teile geteilt wie es Mitspieler gab. Reihum war jeder an der Reihe. Er stellte sich in die Mitte, prellte den Ball mit aller Kraft und den Worten „Deutschland erklärt den Krieg“ auf den Boden. Derweilen stoben alle anderen Spieler von ihrem „Land aus“ davon, bis der Spieler den Ball aufgefangen hatte. Dann wählte der Spieler in der Mitte einen Kriegsgegner aus und rief das Land. Wenn es ihm gelang, den Gegner mit dem Ball zu treffen, hatte er den Krieg gewonnen und durfte sich mit Kreide ein Stück vom Land des anderen nehmen. Ich glaube, ich mochte das Spiel, weil ich schon früh sehr groß war und mein Arm weit reichte, um Land zu erobern.

Ich glaube, in dem Gebüsch habe ich schon
eine Höhle gebaut.

Neben Garten, Wiese, Umgebung und Straße spielten wir häufig bei uns im Keller, der als eine Kombination aus Spiel- und Partykeller eingerichtet worden war. So hatten wir auch bei schlechtem Wetter eine Anlaufstelle und dort stand z. B. der Kaufmannsladen und konnte stehen bleiben – vorausgesetzt, meine Eltern hatten nicht zu einer Party geladen, was durchaus häufig vorkam.

Als ich Andreas Hinweis auf „Zip-Boing“ las, habe ich mich gefragt, welche Spielzeuge ich eigentlich hatte. Außer Lego, dem Kaufmannsladen und dem Kasperltheater fallen mir vor allem Stelzen ein. Da frage ich mich, wann die eigentlich verschwunden sind und ob im Münsterland noch heute Kinder mit solchen gefährlichen Holzstelzen laufen. Toll fand ich auch diese „Tüten“ mit Bällen, die man in die Luft schleudern konnte, wenn man einen Hebel betätigte. (Habe sie gerade unter dem Titel „Fang den Ball“ bei Ebay gefunden und werde nachher direkt schauen, ob ich das Ding auftreibe. *gr*) Was wir immer griffbereit hatten, waren Gummitwist, Seilchen und ich erinnere mich daran, dass wir eine Zeitlang auch Steckenpferde hatten. Nicht zu vergessen „Himmel & Hölle“ auf der Straße. Wir hatten dafür übrigens keine Straßenkreide, sondern lernten früh von den anderen Kindern, dass es Steinchen gibt, die „schreiben“, und andere, die sich dazu nicht eignen.

Wenn ich so darüber nachdenke, dann haben wir damals ziemlich viel nebenbei gelernt – ohne Wii, Computerspiele und die Sendung mit der Maus. Nicht, dass ich den Kindern heute das alles nicht gönne, aber ich würde ihnen auch ein wenig von dem Freiraum und der Unbeschwertheit, die ich als Kind erlebt habe, wünschen. © Birgit Ebbert