(12.09.2019) Ich gehöre zwar zu den Menschen, die gerne alles selbst erkunden, aber ich weiß auch, dass Stadtführer oder Gästeführer, wie sie in Gotha heißen, immer noch die eine oder andere Kuriosität im Köcher haben. Also habe ich jede Gelegenheit genutzt, die sich mir geboten hat.

Spendenführung zum Jüdischen Friedhof

Die Führung trug deshalb den Titel „Spendenführung“, weil wir nicht vorab einen Obolus entrichten mussten. Wir konnten am Ende für den Grabstein des letzten Gothaers, der auf dem Jüdischen Friedhof begraben wurde, spenden. Das war eine sehr spannende Führung, bei der manches Wissen über die NS-Zeit bestätigt wurde. Obwohl ich mich intensiv mit den 1930er-Jahren beschäftige, war ich aber doch erstaunt, dass bis 1942 Bestattungen auf dem Friedhof erfolgten. Es gab einige Gräber mit Sterbedaten aus den 1930er-Jahren, als Juden bereits auf verschiedene Weise ausgegrenzt wurden. Ebenso erstaunlich fand ich, dass erst 1935 die ersten Schaufenster eingeworfen wurden, erst vor wenigen Tagen habe ich in Erinnerungen anderer Juden und in alten Pressemeldungen gelesen, dass bereits am 1. April 1933, als zum Judenboykott aufgerufen wurde, in vielen Städten gewalttätige Übergriffe stattfanden. Das bestätigt mich darin, dass damals wie heute das Leben sehr unterschiedlich war. 🙂 Für mich gut, weil ich meine Protagonisten dann entlang meines Plots das eine oder andere erleben lassen kann. Mein Notizbuch ist natürlich voll mit Notizen, aber sie beziehen sich vor allem auf die jüdische Gemeinde bis zur NS-Zeit in Gotha, da werde ich sehen, wie ich die Notizen noch verarbeite.

Touristenführung rund um das Rathaus

An einem Dienstagvormittag durfte ich mich einer Touristengruppe anschließen, die eine Gästeführung durch den historischen Teil der Innenstadt bekam. Da ein Teil der Gäste nicht gut zu Fuß war und es auch heiß wurde, sind wir wenig durch die Stadt gegangen und haben dafür umso mehr gehört. Ein großes Kompliment an die Gästeführerin, die ohne Manuskript immer neue Informationen, Anekdoten und Scherze aus dem Hut zauberte, um den Gästen die Zeit zu vertreiben und Gotha nahezubringen. Manches kannte ich schon, immerhin entdecke ich seit Monaten die Stadt. Aber ich wusste nicht, dass ein Teil des Jakobswegs durch Gotha führt. Ich habe es extra nachrecherchiert, hier ist ein Link dazu. Sprich: Wenn ich Brötchen hole, gehe ich immer ein kleines Stückchen den Jakobsweg 🙂 und wenn ich nur aus dem Haus trete, befinde ich mich bereits auf der Via Regia, dem bedeutenden mittelalterlichen Handelsweg. Einem Tipp der Gästeführerin muss ich – bei schlechterem Wetter – noch nachgehen, angeblich öffnet der olle Grumbach aus Gold über der Rathaustür den Mund, wenn die Rathausuhr zur vollen Stunde schlägt, und der Roland oben auf der Turmspitze hebt sein Schwert. Da werde ich mich mal mit der Kamera auf einer Bank niederlassen, vielleicht dann, wenn ich auch auf den Rathausturm steige, der hier – anders als in Hagen – für jedermann begehbar ist, der 50 Cent für das Drehkreuz mitbringt.

Aufgrund der Rahmenbedingungen und weil die Gruppe ohnehin eine Schlossführung haben wird, sind wir nicht den Schlossberg hinaufgestapft. Allerdings habe ich erfahren, dass Ernst I auch Opa Europas bezeichnet wird, weil er über seine 18 Kinder in viele Königshäuser und Adelsgeschlechter hineingekommen ist. Er, seine Frau und neun der Kinder wurden in der Margarethenkirche begraben, in der ich bis jetzt noch nicht war, aber man muss sich ja (Besichtigungs-)Ziele setzen 🙂

Laternenführung mit der Nachtwächterin

Das passte gut, dass die Laternenführung just angeboten wurde, als ich Besuch von einer Freundin hatte. Wir haben die Gelegenheit genutzt, uns durch das abendliche Gotha führen zu lassen und dabei sehr gelacht. Die als Nachtwächterin gewandete Gästeführerin hat als erstes Laternen verteilt und einen Auftrag erteilt, wann immer sie in davon berichtet, wie schön, groß, toll und einzigartig Gotha ist, sollten die Teilnehmenden die Laterne heben. Zum Glück war eine Laterne zu wenig, sodass ich meine Laterne weitergeben konnte und die Hände frei hatte, um ein paar Notizen zu machen. Alles kann ich nicht mehr lesen – es wurde ja dunkel :-), aber sicher wird die Führung noch einmal angeboten. Wir gingen vom alten Rathaus durch die Blumenbach-Straße, jetzt weiß ich endlich auch, was es mit dem Herrn auf sich hat. Er war ein bedeutender Anthropologe, der sich schon vor 200 Jahren wissenschaftlich dagegen wehrte, dass es höhere und niedere Rassen gibt. Interessant fand ich den Hinweis, dass das Hasenmotiv des heutigen Hasenportals auf einen goldenen Hasen im Schloss zurückgeht, den werde ich noch suchen 🙂

Und endlich habe ich erfahren, was es mit dem „Waid“ auf sich hat. Ein Gothaer hatte das erwähnt, aber ich konnte nichts damit anfangen. Es handelt sich um ein Kreuzblütengewächs – früher auch das goldene Vlies Thüringens genannt, das gelb blüht und durch Gärprozesse und Trocknen zu einem blauen Farbstoff wird. Ob der Begriff „blau machen“ wirklich daher rührt, da war ich nicht ganz sicher, aber wenn ich Geolino glaube, stimmt das – auch wenn der Begriff nicht zwangsläufig aus Gotha stammt 🙂  Nach der Pause am Waidhaus in der Gretenstraße haben wir Erzählrast am Geburtshaus von Ernst-Wilhelm Arnoldi gemacht. Die Nachtwächter-Gästeführerin erzählte auch hier wie an vielen anderen Gebäuden interessante Geschichten über die Entwicklung der Personen oder Häuser. Darüber könnte ich locker ein Buch schreiben, am besten nehmt ihr – wenn ihr in Gotha seid – selbst an einer solchen Gästeführung teil. Es ist fast immer eine Führung unterwegs, im Jahr sind es rund 2.000, die von ca. 40 Gästeführern, wenn ich die Zahl richtig behalten habe, durchgeführt werden. Dabei ist aber auch die Kasemattenführung, doch die findet auf dem Schlossgelände statt, dazu gibt es einen Extra-Beitrag, denn auch da habe ich sehr interessante Rundgänge erlebt 🙂

Fast hätte ich es vergessen, dank der Laternenführung weiß ich nun auch, dass der Stuhl, in dem ich noch eine Lesung machen möchte, korrekt „Friedenskuss-Thron“ heißt, aus Eiche ist und 350x150x160 cm groß. Er entstand zum Thüringen-Tag 2011, mehrere Künstler haben hier die wichtigsten Grundlagen Gothas in Holz verewigt: Den Friedenskuss, das Medaillon, das über dem nördlichen Schlosstor hängt, die Figuren auf den Pfosten bzw. Lehnen, symbolisieren die ernestinischen Adelslinien, der Mohr für Coburg, Gothardus für Gotha, Georg und der Drache für Weimar-Eisenach und die Landgräfin mit dem Altenburger Kartenspiel für Meiningen-Hildburghausen. Mehr über die Künstler findet ihr in diesem Artikel im Lokalkompass aus dem Ruhrgebiet 🙂 © Birgit Ebbert