Durch den mittleren Bogen geht es zum Stadtmuseum

Ich weiß, bei dem Begriff „Heimatmuseum“ fühlen sich viele – mich bis zu meiner Zeit als Albschreiberin eingeschlossen – an Schulausflüge mit strengen Lehrern erinnert. Dabei sind diese Zeiten längst vorbei und das Heimatmuseum heißt heute Stadtmuseum! Oder bin ich einfach älter geworden und finde es interessanter, Regionalgeschichte zu erleben? Wie auch immer, bei meinem Besuch im Heimatmuseum meiner Heimatstadt habe ich festgestellt, dass es sich lohnt, diesbezüglich den eigenen Schatten zu springen.

Bilder von Ilona Nolte (die Titel standen leider nicht dabei)

Angelockt hatte mich die Ausstellung „Lebenslust“ mit Bildern der Künstlerin Ilona Nolte die in großformatigen Ölbildern menschliche Momente einfängt. Ob auf der Couch oder auf der Showbühne, im Freibad oder auf dem Trimmrad, allein oder in der Gruppe – die Figuren, die Ilona Nolte malt wirken authentisch, echt und laden zugleich oder gerade deshalb zum Schmunzeln ein. Diese Bilder haben mich schon beim Betreten des Heimatmuseums in den Räumen des ehemaligen Rathauses empfangen. Über den Damen und die Damen an der Infotheke lacht ein Clown und neben ihnen sitzen ältere Damen in ihrer 50er-Jahre-Bademode. Da muss man einfach weitergehen und landet unversehens in der Geschichte Borkens.

Borkener Mammut

Im ersten Stock kann man derzeit „Das frühmittelalterliche Dorf von Borken-Hovesath im Spiegel der Archäologie“ betrachten und erfahren, dass es auch in Borken Mammuts gab, wie das Stück eines Stoßzahns beweist. Wer möchte, kann vom Mittelalter gleich in das 20. und 21. Jahrhundert switchen, indem er den kleinen Saal betritt, in dem weitere Figuren von Ilona Nolte ihr vergnügliches Öl-Dasein fristen- und darauf warten, dass sie gekauft werden, das habe ich allerdings erst nach dem Rundgang erfahren. Wer weiß, vielleicht hätte ich mich sonst von den Herren und Damen einfangen lassen.

Stattdessen habe ich neugierig die Stufen zur nächsten Etage erklommen, wo gleich drei verschiedene Ausstellungen zu sehen waren: die Sammlung „Puppenwelten“, eine Ausstellung über Borken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und eine Hommage an Julia Schily-Koppers. Alle drei Ausstellungen haben ihren besonderen Reiz für mich, weil sie auf verschiedene Weise Geschichte dokumentieren. Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst fotografieren sollte, um die Zeitzeugnisse und Dokumente über das Leben vor 80 bis 100 Jahren festzuhalten. Entsprechend groß war meine Fotobeute des heutigen Tages, von der ich – wie immer – nur einen kleinen Ausschnit als Appetithappen hier veröffentlichen kann.

Küchenmöbel aus den 1920er Jahren

Die Ausstellung „Puppenwelten“ zeigt die Puppensammlung der Schwestern Carla und Erika Pick. Den Grundstock der Sammlung bildeten Puppen aus der Zeit von 1895 bis 1910, mit denen bereits ihre Mutter und Großtante gespielt haben. Der Puppenschatz wurde und wird immer noch erweitert, so finden sich in der Ausstellung neben Puppen aus verschiedenen „Puppenzeitaltern“ auch Puppenstuben samt vielfältigem Zubehör aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, Material zur Herstellung von Puppen und Teddybären. Die Exponate spiegeln das Leben ihrer Zeit und sind damit eine wertvolle Hilfe, um einzuschätzen, wie Menschen vor 100 oder 80 Jahren gelebt und Kinder gespielt haben.

„Maitremse in der Vennestraße“ (1935) von Julia Schily-Koppers (1855-1944)

Eine solche Hilfe sind auch die Bilder von Julia Schily-Koppers, einer Borkener Künstlerin, die wenig bekannt ist, obwohl sie zu ihrer Zeit sogar Kaiser Wilhelm I zu ihren Kunden und damit wohl auch Bewunderern zählte. Vermutlich liegt es daran, dass Familie, Heimat, Tradition und Religion die Kernthemen ihrer Werke sind. Nicht gerade die Themen, mit denen man vor 100 Jahren Furore machen konnte. Dabei sind es solche Werke, die ganz nebenbei Kulturgeschichte sichern, das ist mir aber auch erst heute aufgegangen. Vor dem Ölbild „Maitremse in der Vennestraße“ von 1935. Bei der Arbeit an dem Roman „Brandbücher“ habe ich nach einer Quelle gesucht, die belegt, dass es den Borkener Brauch der „Maitremse“ bereits 1933 gegeben hat. Ich habe keine ganz eindeutige Quelle gefunden. Das Bild von Julia Schily-Koppers beweist, dass es auf jeden Fall 1935, dann vermutlich auch 1933, bereits eine Maitremse gegeben hat – sogar in der Innenstadt, wo ich sie in meiner Geschichte munter platziert habe.

Nur ein kleiner Teil des Schwimmgürtels, wie er vor 100 Jahren üblich war

In der dritten Ausstellung unter dem Dach juchhe habe ich dann meine eigene Kindheit wiedergefunden in Form eines Schweinestalls, der sich genau so, wie er dort aufgebaut war, hinter dem Haus meiner Tante befand. Zu einer Zeit, als ich an Fotografieren noch nicht dachte und – wenn ich mich richtig erinnere – noch nicht einmal schreiben konnte. Diese Ausstellung beschäftigt sich mit dem Leben der Menschen und der wechselfollen Zeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mir ist erst beim Rundgang aufgefallen, das sich noch nie Lebensmittelmarken aus der Zeit des 2. Weltkriegs gesehen habe. Auch an ein Foto des letzten, ganz schmuck aussehenden, Kaisers kann ich mich nicht erinnern. Auch habe ich noch nie gehört, dass es in Borken bereits vor dem 1. Weltkrieg, etwa 1912, ein Schwimmbad gewesen hat. Über den putzigen Schwimmgürtel sage ich mal gar nichts, der spricht für sich, oder?

Teil der Handsetzerei

Kurzum: Der Besuch des Borkener Heimatmuseums, das vom Heimatverein betrieben wird, war keineswegs öde oder langweilig, sondern informativ, amüsant und unterhaltsam, weil er für jedes Bedürfnis und jeden Geschmack etwas bereithält. Fast hätte ich das für mich als Autorin Wichtigste vergessen. Im Erdgeschoss gibt es noch einen kleinen Einblick in die Geschichte des Buchdrucks – mit alten Maschinen und einer kompletten Handsetzerei, die zeigen wie mühevoll vor Erfindung des Computers Bücher, Broschüren und Zeitungen gesetzt und gedruckt wurden. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen: www.stadtmuseum-borken.de

Und hier sind noch zwei meiner Highlights:

Den Schlankheitswahn gab es also schon  vor zig Jahren. Ich erinnere mich genau, dass die linke Waage auf dem Bahnhof stand, als ich Kind war. Die Waage rechts kenne ich nicht, aber die Aufschrift sagt doch alles: „Schlank durch Richters Frühstücks-Tee“. Und die Werbung stammt aus den 30er Jahren!

Für die Fans historischer Quellen ist hier ein PDF-Link zu einem Artikel über ein Verfahren gegen jemanden, der diesen Tee 1934 unerlaubter Weise außerhalb einer Apotheke verkauft hat. Aber schon 1931 hat es Beschwerden zu dem Tee gegeben, wie man hier nachlesen kann – ebenfalls ein PDF-Link.