Die Uhr schlägt Steampunk(27.02.2015) Um es gleich vorwegzunehmen: Ich werde mich nicht steampunk-mäßig kleiden, sondern am Samstag in gewohnter Kleidung beim Steampunk-Jahrmarkt auflaufen. Die Vorbereitungen sind rein mentaler Natur, damit ich weiß, was ich fragen könnte, sollte oder müsste und in welche Fettnäpfchen ich treten könnte. Ein Fettnäpfchen kenne ich schon: Niemals, auf keinen Fall und ganz überhaupt nicht darf ich von „Verkleidung“ sprechen. Das Wort streiche ich hiermit bis Sonntag aus meinem Wortschatz. Stattdessen werde ich von Steampunk-Garderobe sprechen, das klingt gut, oder?

Steampunk – zwischen Grünschnabel und Dampfrebell

Kreative Steampunk-BasteleienWäre das also geklärt, was deutlich leichter war, als den Begriff „Steampunk“ zu erklären. Es gibt zwar zig Internetseiten zu dem Thema, aber so richtig auf den Punkt gebracht, hat es für mich niemand. Dass „steam“ Dampf heißt, weiß ich auch aus dem Englischunterricht, aber was bitte heißt Punk. Da geht es doch schon los. „Punk“ heißt übersetzt je nach Online-Wörterbuch „Faules Holz“, „Quatsch“, „Schwamm“, „Dreckskerl“, „Rabauke“ oder „Grünschnabel“. Eine Übersetzung von Steampunk gab’s nicht, wobei ich „Dampfrabauke“ irgendwie nett finde. Das Wort vergesse ich wohl besser auch gleich wieder, ich möchte ja am Samstag mehr über die Szene erfahren und nicht vor Beginn der Veranstaltung vor die Tür gesetzt werden.

Fox Glove & Dusty Steampott im Outfit des SteampunkAm besten gefällt mir als Erklärung für Punk noch, dass es sich dabei um eine Lebenshaltung handelt, bei der Konsum und Konventionen abgelehnt und durch alternative Verhaltensmuster ersetzt werden – das passt zur Musik ebenso wie zur Kunst, zur Kleidung wie zum Lebensstil überhaupt. Von dort aus betrachtet, wird mir Steampunk verständlich. Das ist dann eben eine Szene, die mit Mitteln aus der Zeit der Dampfmaschinen, also aus dem 19. Jahrhundert, ein Signal gegen die Konventionen und den Konsum heutiger Zeit setzt. Und da es nicht leicht, na sagen wir, kaum möglich ist, originale Exponate aus dem 19. Jahrhundert zu erwerben, erstellen die Angehörigen der Szene ihre Kleidung und Gegenstände eben selbst. Vorbilder dafür sind Beschreibungen in Romanen wie denen von Jules Verne und H. G. Wells, aber angeblich auch – das fand ich besonders amüsant – Schokoladenbildchen, die Szenen aus jener Zeit zeigen. Ob das stimmt, versuche ich herauszufinden. Aber natürlich gibt es Bilder, die Erfindungen, Mode und Alltagsgegenstände aus dem vorvorherigen Jahrhundert zeigen.

Steampunk ist gelebte Kreativität

Fox Glove & Dusty Steampott
Fox Glove & Dusty Steampott

Um diese nachzuarbeiten, so habe ich mir sagen lassen, sind Flohmarkt und Baumarkt sehr nützliche Beschaffungsquellen. Ich gebe zu, wäre mein Kopf nicht voller Geschichten und würde ich nicht jede freie Minute schreiben oder recherchieren, würde ich sofort anfangen mitzutüfteln. Das ist vermutlich das, was mich, aber vielleicht auch manche aus der Steampunk-Szene fasziniert. Die Kreativität, die man bei dieser Leidenschaft ausleben und vor allem gezielt lenken kann. Darüber hinaus ist es spannend, sich mit dem heutigen Wissen in das hineinzuversetzen, was für Autoren des 19. Jahrhundert Zukunftsmusik war. Ob es in 150 Jahren einen Cyberpunk-Jahrmarkt gibt, bei dem dann vielleicht Menschen aus der Alltagskleidung des 19. Jahrhundert für einen Abend mit Stöpseln im Ohr und Handy in der Hand, Laptop um die Schulter und Kamerabrille auf der Nase im Stil der 20er Jahre des 21. Jahrhunderts herumlaufen werden?

Und wenn wir ehrlich sind – auf den Gedanken hat mich Fox Glove oder Dusty Steampott bei der Pressekonferenz gebracht, befinden wir uns heute in einer ähnlichen Situation wie die Menschen zu der Zeit, mit denen sich Steampunk beschäftigt. Damals waren Dampfmaschinen und Uhrwerke die modernen Errungenschaft der Zeit und es gab Anhänger und Skeptiker. Heute sind Internet und Mobilfunk die modernen Errungenschaften der Zeit und es gibt Anhänger und Skeptiker. Wir befinden uns in einem Prozess des ständigen Wandels wie die Menschen damals, die – wenn sie sehr belesen und neugierig waren – die Erfindung der Elektrizität schon am Horizont sehen konnten. Und was sehen wir am Horizont? Will ich das wissen? Heute nicht, heute freue ich mich auf den Steampunk-Jahrmarkt am 28. Februar ab 19.30 Uhr in der Jahrhunderthalle in Bochum. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen: www.jahrhunderthalle-bochum.deHistorische Gesellschaft deutscher Schausteller

Fotos vom Aufbau für den Historischen Jahrmarkt 2015

Fotos vom Historischen Jahrmarkt 2014 auf www.moment-aufnahmen.info & im Fotoblog Kultur & Ruhr