(11.12.2015) Da war ja noch mein Projekt, Stolperstein-Patenschaften in meinen Wohnorten zu übernehmen. Nicht, dass jemand auf die Idee kommt, es wäre eingeschlafen. Das läuft im Hintergrund, allerdings etwas schleppender als ich mir das vorgestellt hatte. Aber heute wird nun mein Patenstein in Münster verlegt, wo ich von April 1983 bis April 1985 gewohnt und mein Grundstudium absolviert habe. Als ich begann, mich mit dem Projekt „Stolpersteine“ zu beschäftigen, hatte ich die Idee, in jedem meiner bisherigen Wohnorte eine Patenschaft für einen Stolperstein zu übernehmen. Ich habe mir vorgestellt, dass ich die Steine bei meinen Besuchen in den Städten aufsuche und mit einem Posting an den Menschen und die Aktion Stolpersteine erinnere.

Im ersten Schritt nahm ich Kontakt zu dem Stolperstein-Verein in Hagen auf, der mir mitteilte, eine individuelle Patenschaft für einen Stolperstein wäre in Hagen nicht möglich. Diese Antwort von einem Vereinsmitglied, nicht vom Vorsitzenden, das möchte ich ausdrücklich betonen, kam in einer Weise, die dazugeführt hat, dass ich das ganze Projekt habe ruhen lassen. Als ich im Juni 2014 sah, dass in Hattingen die Stolperstein-Patenschaft genauso gehandhabt wurde, wie ich mir das vorgestellt habe, begann ich, mich erneut mit dem Thema zu beschäftigen. Ein Gespräch mit dem Künstler Gunter Demnig, der die ganze Aktion initiiert und bisher 47.000 Stolpersteine verlegt hat, hat mich motiviert, erneut an die Umsetzung meiner Idee zu gehen.

Zwei Jahre nach der ersten Idee bin ich ein Stück weitergekommen, der erste Patenstein ist verlegt, der zweite wird heute verlegt und auch sonst hat sich einiges geklärt. Hier ist der aktuelle Stand, vielleicht erinnert der Beitrag ja die Ansprechpartner in den ausstehenden Städten, sich bei mir zu melden.

Borken (Status: Rücklauf abwarten)
In meiner Heimatstadt gibt es bisher lediglich einen Stolperstein an der Ahauser Straße, dessen Verlegung von einem Verwandten von Max Kläber initiiert wurde. Dabei weiß ich, dass es mehrere Juden gegeben hat, die deportiert wurden. Da bleibe ich am Ball und habe bereits ein Signal, dass man sich meldet, sobald es dort weitergeht mit dem Thema. Ich habe immerhin inzwischen recherchiert, wer laut Gedenkbuch des Bundesarchivs aus Borken deportiert wurde und habe festgestellt, dass – wie ich es mir gedacht hatte – viele in die Niederlande emigriert sind, dort im gleichen Lager waren wie Anne Frank, in Westerbork, und dann in verschiedene Lager kamen. Eine Familie Frank wurde von Borken aus deportiert, habe ich festgestellt.

Münster (Status: Verlegung am 11. Dezember 2015)
In Münster werden die Menschen, für die Stolpersteine verlegt wurden, nicht im Internet vorgestellt, dafür gibt es aber ein Gedenkbuch in der Villa ten Hompel, das zu jedem Stein oder jeder Familie ein Erinnerungsblatt enthält. Außerdem kann man auf einem Stadtplan im PDF-Format die Lage der Stolpersteine ersehen. Auf der Internetseite der Stadt Münster findet sich außerdem eine Übersicht der Opfer, für die Gedenksteine verlegt wurden. Ich übernehme die Patenschaft für Ruth Marianne Gumprich, die mit ihren Eltern und Geschwistern zunächst ins Ghetto von Riga deportiert wurde und schließlich am 15. November 1943 mit 17 Jahren im Konzentrationslager Auschwitz starb. Mit ihr gingen an diesem Tag ihre Mutter Irina, ihre Schwester Sonja-Emma, gerade 15 geworden, sowie ihr 3 1/2-jähriger Bruder Uri in den Tod. Ihr Vater Albert Gumprich war bereits am 10. Juni 1942, wenige Tage nach der Deportation aus Münster in das Ghetto Riga, gestorben und ihr älterer Bruder Rudolf starb wenige Wochen vor der Befreiung am 8 März 1945 im Konzentrationslager Buchenwald.

Bonn (Status: zurückgestellt)
Die Kommunikation mit den Verantwortlichen in Bonn, wo ich 1985 bis 1987 studiert und gewohnt habe, gestaltet sich auch etwas schwierig, deshalb habe ich diesen Stein auch erst einmal zurückgestellt. Auf der Seite der Stadt fand ich keine Information, bei meiner ersten Recherche auch im Internet sonst keine Hinweis. Inzwischen zeigt sich aber die Seite der NS-Gedenkstätten mit Hinweis auf die Stolpersteine, auf der man auch eine PDF-Liste bisheriger Steine herunterladen kann, sowie einen angefangenen Blog, auf dem allerdings kein Ansprechpartner steht.

Leinfelden-Echterdingen (Status: erledigt)
Über Stolpersteine in Leinfelden-Echterdingen habe ich nichts gefunden und konnte nicht glauben, dass von dort niemand deportiert wurde. Auf meine Nachhfrage an die Pressestelle der Stadt kam eine sehr freundliche E-Mail vom Stadtarchiv. Nach aktuellem Stand der lokalen Forschung gab es in Leinfelden-Echterdingen zur NS-Zeit keine jüdischen Einwohner bis auf ein Ehepaar, das rechtzeitig emigriert ist.
Bei der Recherche bin ich darauf gestoßen, dass es in Echterdingen, ganz in der Nähe meiner früheren Wohnung, ein Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler gab. Seit 2010 gibt es dort eine Gedenkstelle, die ich beim nächsten Aufenthalt in Stuttgart besuchen will.

Bochum (Status: erledigt Verlegung am 10.12.2014)
In Bochum ist es ausdrücklich erwünscht und fast sogar Voraussetzung, dass sich die Paten der Stolpersteine intensiv mit den Menschen beschäftigen, für deren Steine sie die Patenschaft übernehmen. Hier wurde der Stolperstein für Franz Joseph Koch, für dessen Stein ich die Patenschaft übernommen habe, am 10. Dezember 2014 verlegt.

Hagen (Status: zurückgestellt)
In meinem derzeitigen Wohnort gibt es einen Verein, der über die Verlegung wacht und  keine persönlichen Patenschaften zulässt – Zitat meines Ansprechpartners: „Solange ich etwas zu sagen habe, gibt es das nicht.“ Da mir die persönliche Patenschaft wichtig ist, werde ich also warten müssen, ob sich die Einstellung irgendwann ändert.

Ich bin weiterhin begeistert von meiner Idee, mich auf diese Weise und aus diesem Anlass, meinen bisherigen Wohnorten zu nähern, auch wenn ich mir das sehr viel einfacher vorgestellt habe. Ich frage mich, ob andere genauso hartnäckig sind oder aufgeben, wenn sie keine Rückmeldungen erhalten und der Eindruck entsteht, dass ihr Engagement nicht gewünscht ist. Dennoch empfehle ich das Engagement jedem, der sich aus seinem Heimatort fortbewegt hat und nicht gerade jährlich den Wohnort gewechselt hat. Es ist interessant zu sehen, wie sich die Städte entwickelt haben. Es hat mich zum Beispiel anfangs enttäuscht, dass ich weder auf der Stadtseite von Bonn noch von Leinfelden-Echterdingen eine Information fand, in Leinfelden-Echterdingen ist das inzwischen nachvollziehbar, in Bonn allerdings nicht. Überhaupt ist es interessant, die Stadtseiten zu vergleichen, mein derzeitiger Favorit ist Bochum. Dort finde ich nicht nur rasch Ansprechpartner und Informationen rund um die Verwaltung, sondern auch viele Hintergrundinformationen, die mit der Stadt zu tun haben – wie die Porträts zu den Stolpersteinen, aber auch andere Porträts, zum Beispiel über bedeutsame Frauen, von denen meine Kollegin Andrea Behnke einige geschrieben hat. @ Birgit Ebbert

Link zum Gedenkbuch für die jüdischen Opfer auf der Seite des Bundesarchivs