(07.06.2014) In vielen Städten und Gemeinden begegnen sie einem plötzlich – beim Einkaufsbummel, beim Spaziergang oder beim Warten auf den nächsten Bus oder wie ich beim Blick aus dem Fenster in die Rathausstraße: Stolpersteine. Jene messingfarbenen Quadrate, die an deportierte und ermordete Opfer der Nationalsozialisten erinnern – Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, all jene Menschen die die Nationalsozialisten als unwert sahen. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hatte vor gut 20 Jahren die Idee für diese Form der Erinnerung. Ausschlaggebend für die Aktion war ein Gespräch am Rande einer anderen Erinnungsaktion in Köln. Damals zeichnete Gunter Demnig den Weg der Sinti und Roma in Köln zur Deportation nach. Eine Passantin erklärte ihm, dass es doch in Köln niemals Sinti und Roma gegeben habe. Fortan machte er es sich zur Aufgabe, mit Stolpersteinen zu zeigen, dass es überall Opfer gab und man ihnen einen Erinnerungsort gibt.

Die Anfänge waren nicht leicht, hat der Künstler mir erzählt, doch inzwischen hat er 47.000 Stolpersteine verlegt und wenn man auf seine Seite schaut, dann werden noch viele dazukommen. Die Stolpersteine gibt es in vielen Orten – nicht nur in Deutschland. Erst kürzlich wurden die ersten Stolpersteine in Rumänien angebracht. Jeder Stolperstein steht für einen Menschen und seine Geschichte, deshalb wird jeder Stein auch mit der Hand geschlagen, graviert und eingelassen. In vielen Städten wie Stuttgart, Bochum und Hattingen beschränkt man sich nicht darauf, die Stolpersteine zu verlegen. Auf den Seiten der Städte finden sich darüber hinaus Informationen über die Opfer und vor allem eine Übersicht, wo welche Steine zu finden sind.

In Hattingen wurden die ersten Stolpersteine 2005 verlegt. Auf einer Seite des Stadtarchivs finden sich die Geschichten der elf Menschen, an die mit den Steinen erinnert wird, sodass jeder, der über einen Namen stolpert, unkompliziert nachlesen kann, wieso genau an diesen Menschen erinnert wird. Eine wunderbare Initiative des Stadtarchivs Hattingen unter Stadtarchivar Thomas Weiß.

Am 6. Juni wurden in einer sehr schönen Zeremonie acht weitere Stolpersteine verlegt. An jedem der drei Orte, an denen Gunter Demnig sie in das Straßenpflaster verlegte, gab es eine kleine Gedenkveranstaltung. Der Pate des Stolpersteines schilderte die Geschichte des Menschen, an den mit dem Gedenkstein erinnert wird, und seinen Bezug zu diesem Menschen oder wie er oder sie dazu kam, diese Patenschaft zu übernehmen.

Der Rundgang begann in der Bruchstraße 41, wo Oskar Joseph Nagengast zuletzt gelebt hatte, er eher verhaftet wurde, weil er mit homosexuellen Kontakten gegen ein NS-Verbot verstieß. Er war 32, als man ihn von Hattingen nach Buchenwald brachte und später ins Konzentrationslager Mittelbau-Dora, wo er einer von tausenden Häftlingen war, die an den Arbeits- und Lebensbedingungen in einer unterirdischen Rüstungsfabrik starben. Die Patenschaft für diesen Stolperstein hat der Verein Rosa Strippe e.V., Beratungsstelle für Lesben, Schwule und deren Familien. Jürgen Wenke hat als Patenvertreter Oskar Nagengast vorgestellt. Das Infoblatt kann als PDF hier heruntergeladen werden. Besonders beeindruckend war, dass auch die Tochter von Oskar Joseph Nagengast anwesend war, aber auch, dass eine Schülerin einer Schule aus Nagengasts Geburtsort von einer Exkursion des Konzentrationslagers Dora berichtete, bei der sie mit ihren Mitschülern den Spuren von Oskar Joseph Nagengast gefolgt waren.

Die nächste Station der 30 bis 40 Besucher der Verlegung war Steinhagen 8. Vor dem Hotel zur Alten Krone verlegte Gunter Demnig einen Stolperstein für Rudolf Sterner, während dessen Neffe erzählte, wie und warum er mit 23 Jahren in einem Arbeitserziehungslager von Wachleuten misshandelte wurde und gezwangen, sich selbst zu erhängen. Aus dem Teilnehmerkreis meldete sich eine Frau und berichtete von Gerüchten, die sich um das Haus und die Familie rankten.

Den Endpunkt der Tour bildete schließlich die Bahnhofstraße.

Hier wurden Stolpersteine für das jüdische Zahnarztehepaar Dr. Leo Markes und Hilde Markes, geb. Meinhardt, verlegt. Schon der Vater von Leo Markes war Zahnarzt in Hattingen gewesen, die Familie war angesehen und integriert, bis die Nazis in Hattingen die Macht übernahmen. Initiiert wurde die Verlegung durch die Kinder und Enkelkinder des Paares, die überlebt haben, weil ihre Mutter sie mit einem England-Transport in die Sicherheit schickte. An der Zeremonie konnten die Nachfahren nicht teilnehmen, jedoch schickten sie Stadtarchivar Thomas Weiß einen ergreifenden Brief, den er übersetzt hatte und vorlas.

Neben die Stolpersteine für das Zahnarztehepaar fanden die Gedenksteine für die Familie eines jüdischen Arbeiter Platz. Hier wird des jüdischen Schlossers Alfred Markus, seiner Frau Klara Markus, geb. Landau, sowie der Kinder Günther und Inge Markus gedacht. Ihr Martyrium begann damit, dass sie als Juden aus ihrer Wohnung geworfen und beim Ehepaar Markes zwangseingewiesen wurden. Aus zwei Zimmern in der Wohnung des Zahnarztes, in dem Alfred, Klara, Günther und Inge Markus, wurde die Familiein das polnische Ghetto Zamosc deportiert, wo sich ihre Spur verliert. Der Initiator des Stolpersteins für Alfred Markus hat die Verlegung nicht mehr erlebt, stellvertretend für ihn schilderte ein Freund die Gründe und Aktivitäten, die zur Patenschaft führten. Auch hier zeigte sich die Dynamik, die durch die Stolpersteine entstehen kann. Aufgrund der Berichterstattung über die Verlegung meldete sich eine Frau, deren Mutter als Kind mit Inge Markus befreundet war und davon Zeit ihres Lebens erzählt hatte.

Nach der Verlegung konnte ich kurz mit Gunter Demnig sprechen, um zu erfahren, wie er auf die Idee für das Projekt kam und ihm meine Idee zu schildern. Seit ich in Hagen über einen Stolperstein gestolpert bin, habe ich die Idee, in jedem meiner Wohnorte die Patenschaft über einen Stolperstein zu übernehmen und dadurch sowohl einen Beitrag zum Gedenken an die Opfer zu leisten als auch auf die wichtige Aktion hinzuweisen. Das Gespräch und die berührende Zeremonie in Hattingen haben mich motiviert, einen neuen Versuch zur Realisierung der Idee zu starten. Auf der Seite www.stolpersteine.eu sind ja die nächsten Termine für Verlegungen nachzulesen. Die Ergebnisse meines persönlichen Stolperstein-Projekts folgen dann. © Birgit Ebbert