Geschichtsunterricht an der Wand der Oststadtschule

(22.11.2013) Ehe ich zu meiner Lesung nach Burgfelden hochfahre, schnell noch eine kleine Sortierung im Café vom Backhaus Mahl bei einem Linzer Kuchen, der mich an meine Zeit im Schwarzwald erinnert. Doch das ist eine andere Geschichte. Nachdem mich heute die Dritt- und Viertklässler der Oststadtschule informiert haben, was ich hier alles anschauen sollte, habe ich mich auf die Spur der Geschichte Albstadts gemacht. (Übrigens sind die Wände im Erdgeschoss der Schule auch schon informativ.)

Zunächst war ich im Heimatmuseum, wo mir Ernst Koch die unglaubliche Sammlung von Gebrauchsgegenständen aus früheren Zeiten gezeigt hat. Ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll – bei der alten Schreibmaschine, die ich noch niemals gesehen hatte, den Puppenstuben, die zeigen, wie Bürgerhäuser im 19. Jahrhundert möbliert waren oder der Musterwohnung, in der man sehen kann, wie die Menschen vor 100 und mehr Jahren gelebt haben.

Alleine, um die Geschichten zu den Dingen, aufzuschreiben, könnte ich Monate in Albstadt verbringen. Vielleicht findet sich ja einmal eine Schulklasse, die die spannenden Informationen, die Ernst Koch in seinem Kopf gesammelt hat, aufschreibt. Aus den Gegenständen, die dort stehen, ließen sich spielend mehrere Projekttage gestalten. Wie man früher gebügelt hat (mit einem heißen Stein in einem Gerät, das von seiner Form noch wie ein heutiges Bügeleisen aussieht)! Was es mit dem „Rauchclub“ auf sich hatte, der sogar Rauchmeisterschaften ausgetragen hat. Ich hatte noch nie davon gehört, dass es einen „Laubsäge- und Bastelverein“ gab und einen „Radfahrerverein“ hätte ich auf der Alb am wenigsten vermutet. All diese Vereine und ihre Besonderheiten werden im Heimatmuseum wieder lebendig. Manche Dinge kannte ich noch aus meiner Kindheit, weil mein Vater eine ähnliche Sammelleidenschaft hatte wie Herr Koch. Er hat allerdings kein Heimatmuseum aufgebaut, aber manches, was in meinem Elternhaus im Keller lagert, würde gut in ein solches Museum passen. Im Advent werde ich meine Notizen in Ruhe sichten und schauen, welche Insider-Informationen von Herrn Koch ich noch veröffentlichen darf.

Da es im Heimatmuseum so viel zum Sehen gab, kam ich zu spät zur Führung durch das Rathaus. Anscheinend sah ich auch schon so erschöpft aus, dass Marinus Merz mich erst einmal eingesammelt hat, damit ich in Ruhe einen Kaffee trinken kann. So gestärkt bin ich durch die Städtische Galerie geschlendert, in dessen Erdgeschoss es gleich weiterging mit der Albstädter (Bau-)Geschichte von vor 100 Jahren unter dem Titel „Frühling im Südwesten – Neuer Stil um 1900“ Auch hier ist mir klar geworden, dass es bei aller Unterschiedlichkeit der Regionen eben doch viele Gemeinsamkeiten zwischen Nord und Süd gibt. Manche der Fassaden von Fabrikbauten aus dem Jugendstil ließen mich gleich an alte Fabrik-Gebäude in Hagen denken.

Dies war aber nur ein Teil der Städtischen Galerie. In der ersten Etage erwarteten mich „Dirnen, Weiber und Madonnen“ von Otto Dix. Diese Ausstellung hat mich vor allem interessiert, weil Dix zu den verbotenen Künstlern in der Nazi-Zeit gehörten und seine Werke bereits im September 1933 in Dresden in der „Feme-Ausstellung“ verfemter Künstler gezeigt wurden. Wenn man sich manche Bilder anschaut, weiß man warum. Ich bin immer sehr beeindruckt, wenn ich solche Bilder direkt anschauen kann und mir vorstelle, wie der Künstler daran gearbeitet hat. Eigentlich wäre mein Rundgang mit der Dix-Ausstellung beendet. Aber dann lockten mich farbige Bilder, eine Etage weiter nach oben zu steigen. Dort befindet sich nicht nur das „Junge Museum“ mit einer Mini-Mal-Werkstatt, sondern auch eine Farben-Ausstellung, die vermutlich für Kinder gedacht ist, aber auch mich begeistert hat.

Neugierig geworden, bin ich weiter hinaufgegangen und entdeckte ganz oben eine Ausstellung mit Holzschnitten von Wilhelm Laage. Besonders gefallen haben mir die Bilder, die von den gleichen Druckstöcken stammen und einfach durch die Wahl der Farben ganz anders wirkten. Auch ein Thema für sich. Ich habe also nach meiner Rückkehr genug zu schreiben und viele Titel für Kriminalromane, die ich natürlich jetzt nicht verrate. Jetzt hoffe ich, dass ich gut nach Burgfelden hinauf und wieder rechtzeitig herunter komme, um heute Abend Martin Walser zu erleben.