(01.03.2012) Da sitzt Luisa nun, vielmehr da wandert sie durchs Haus, und versucht ihre Tochter zu beruhigen, die einfach nicht schlafen will. Kein Wunder, dass Gedanken aufsteigen, die sie lange in der Schublade Ihrer Erinnerung versteckt hat. Als wären diese Gedanken nicht genug, rät ihr auch noch der alte Hausarzt, nach ihren Wurzeln zu suchen, damit sich auch ihre Tochter verwurzeln und Ruhe finden kann.

Mit Skepsis betrachtet Luisa ihre vielen Familien, ihre Adoptiveltern und deren Geschichte, die Biografie ihrer Großeltern, das Leben ihrer leiblichen Mutter und schließlich ganz langsam auch ihren leiblichen Vater, von dem sie lange nicht einmal den Namen kannte.

Pia Ziefle nimmt ihre Leser in ihrem Buch „Suna“ (Ullstein) mit auf Luisas Suche nach ihren Wurzeln, es gelingt ihr in ganz besonderer Weise, die vielen verschiedenen Leben hinreißend und mitreißend zu erzählen und zu einem Ganzen zu verbinden. Ihre Sprache hat etwas Magisches, sie lässt den Leser kaum wieder los. Dabei ist „Suna“ kein Buch aus einer fremden Welt, es schildert eine Familie im Hier und Jetzt, wenn auch mit Wurzeln in verschiedenen Ländern und Kulturen, wie es vermutlich viele gibt. So ist das Buch auch ein Plädoyer dafür, Patchwork-Familien, gleich auf welchem Weg sie entstanden sind, mehr Achtung zu schenken. Die Autorin beschreibt in ihrer wunderbaren Geschichte, wie wichtig auch in unserer heutigen Welt die familiären Wurzeln sind, zu denen jeder irgendwann irgendwie gelangt und wenn es in dem Moment ist, in dem die nächste Generation mit ihrer Wurzellosigkeit nicht zurechtkommt.

Ein Buch, das bezaubert und entzückt und das einen lange beschäftigt, so lange, dass es nur kaum möglich ist, den Eindruck, den es hinterlässt, zu beschreiben.

Ich hatte nach der Lektüre des Buches viele Fragen, drei davon habe ich Pia Ziefle gestellt:

1. Wie bist du auf die Idee zu diesem Buch gekommen?

Der Anfang lag darin, dass „Suna“ nicht nur eine Familien- sondern eine Adoptionsgeschichte ist, und Adoptionsgeschichten die Möglichkeit geben, wie mit einer Art Vergrößerungsglas auf die Familienbeziehungen zu schauen, weil da eine Urbindung zwischen Mutter und Kind zerstört, und eine neue geschaffen wird.

Genau wie die Protagonistin Luisa gehöre ich selber zu der sehr großen Gruppe derjenigen Kinder, die in den frühen 70er Jahren von einer Generation adoptiert wurde, die als Kinder noch den Krieg erlebt haben. Da liegen gleich mehrere Schicksale plötzlich ganz nah beieinander. Die eigene Kindheit, deren Leid und Wurzellosigkeit neben dem Leid der anderen Kinderschicksale dieser Zeit unter Umständen keinen Raum bekommen konnte, und die Wurzellosigkeit des adoptierten Kindes, dem man eine neue Heimat geben möchte – und natürlich die Geschichte der abgebenden Eltern.

2. Wie lange hast du an dem Buch gearbeitet?

Ich habe insgesamt fast zwei Jahre daran gearbeitet, zuerst mit meiner Agentin Christine Koschmieder, bin dann aber zwischendurch mit der ganzen Familie umgezogen und habe ein Haus renoviert. Besonders intensiv war die Zusammenarbeit mit meinem Verlag und dem Lektorat im vergangenen Jahr, da wurden ungezählte emails geschrieben und sehr sehr häufig telefoniert.

3. Wo und wie hast du für das Buch recherchiert?

Ich habe im Laufe der Jahre mit sehr vielen Menschen mit Adoptionsgeschichte gesprochen, und dabei festgestellt, wie sehr sich die Motive, die uns in unserem gegenwärtigen Leben umtreiben, ähneln. Egal, ob die Adoption als positiv oder negativ bewertet wurde. Immer wieder gab es dieseleben Identitätsfragen, immer wieder ähnliche Geschichten in den wiedergefundenen leiblichen Familien. Ich habe damit angefangen, dem intensiver nachzugehen, als ich selber Kinder hatte – und als mir die Bücher von Sabine Bode „Kriegskinder, die vergessene Generation“ und „Kriegsenkel“ in die Hände fielen, war der Grundstein gelegt.

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