(05.12.2013) Manchmal frage ich mich, wer aus welchem Grund den Termin für einen Filmstart auswählt. Bei „Tage am Strand“ kann es nur jemand sein, der die Sonne liebt und sich in der dunklen Jahreszeit wenigstens gedanklich an den Strand versetzen will. Ich war gleich zweimal am Strand, an dem Strand an der Ostküste Australiens, an dem die Geschichte „Tage am Strand“ spielt. Ja, auch wenn jetzt eher über den soeben gestarteten Film gesprochen wird, Grundlage des Filmes ist eine Erzählung. Nobelpreisträgerin Doris Lessing schrieb sie vor zehn Jahren und zum Filmstart ist sie als E-Book im Verlag Hoffmann & Campe erschienen. Eine schöne Gelegenheit, einmal Film und Vorlage zu vergleichen, die 46 E-Book-Seiten lassen sich schnell lesen. Wieder gelingt es Doris Lessing, die Leser zu packen, indem sie den Schluss vorweg stellt und neugierig darauf macht, wie es zu diesem Ende einer Beziehung kommen kann.

Der Kern der Geschichte ist überschaubar: zwei Freundinnen leben mit ihren etwa gleichaltrigen Söhnen in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander und zu einem einsamen Strand, der die meiste Zeit nur ihnen gehört. Aus dem familiären Zusammenhalt zwischen den Frauen und den Jungen entwickeln sich Beziehungen zum jeweils anderen Familienmitglied. Ein Beziehungsgeflecht, das sich durch das Leben aller vier Beteiligten zieht. Doch nicht jedes große Glück findet eine dauerhafte Erfüllung.

In der Erzählung von Doris Lessing wissen die Leser von Anfang an, wie die Beziehungen ausgehen werden. Das ist im Film anders. Wenige Bilder genügen und es ist klar, dass im Mittelpunkt der Geschichte die Freundinnen Roz (Robin Wright) und Lil (Naomi Watts) stehen, die seit der Kindheit durch dick und dünn gehen. Wir begleiten sie in ihrer Rolle als Mütter der kleinen Jungen und Teenager Tom (James Frecheville) und Ian (Xavier Samuel) und spüren die Anziehungskraft, die sich vor allem zwischen Roz und Ian entwickelt. Werden sie es wagen, fragen wir uns und da ist es auch schon geschehen und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Wo immer möglich, bleibt Regisseurin Anne Fontaine an der Vorlage; die Landschaftsbeschreibungen werden durch lange Totalen wiedergegeben, die inneren Monologe durch Großaufnahmen. Auffällig ist die starke Präsenz nonverbaler Kommunikation mit ausdrucksstarker Mimik und Körpersprache, die zu der Geschichte von Doris Lessing passt. Nahezu alle dramatischen Szenen aus der Short-Story finden ihren Wiederhall in dem Film, lediglich die Lebensgeschichten der jungen Männer und das Ende wurden zugunsten eines schlüssigen Handlungsverlaufs gerafft und geändert. Aber hier zählte für den Ausgang der Beziehungen letztlich nur das Ergebnis: Beide Männer sind verheiratet, haben Kinder und werden mit den „Sünden“ ihrer Jugend konfrontiert. Wie geht es nun weiter, fragt sich der Zuschauer unwillkürlich und ist sich selbst nach dem Abspann nicht sicher, ob der Film nun wirklich, wie angekündigt, ein „Drama“ war.

Etwas irritiert hat mich der „Volljährigkeitsgeburtstag“, der im Film zusätzlich einfügt wurde. Ich habe mich ständig gefragt, wann Jugendliche in Australien volljährig werden. Auch die Bezeichnung „Erotik-Komödie“ führte zu einer Verwirrung – ich erwartete schon, wie vor 20 Jahren, als ich 9 ½ Wochen als Jugendschützerin im Kino anschauen musste,  als einzige Frau im Publikum zu sitzen. Dann waren nur Frauen im Kino und ich habe mich gefragt, ob einige angedeutete Sexszenen und Darsteller, die einen Großteil der Zeit in Badesachen verbringen, wirklich diese Bezeichnung rechtfertigen. Andererseits wird dadurch vielleicht auch literaturfernes Publikum neugierig auf den Film. Man wird sehen.

Mein Fazit: Eine Literaturverfilmung, der es gelingt, die literarischen Stilmittel in Filmmittel zu übertragen und trotz oder wegen der großen Nähe zur Vorlage ein Sehvergnügen verspricht.

Nachtrag: Und nachdem ich den Beitrag beendet hatte, las ich die Kritiken zu dem Film und erinnerte mich an die Worte Martin Walsers: „Keiner liest mein Buch, jeder liest sein Buch.“ In diesem Sinne kann ich nur sagen: „Jeder sieht seinen Film.“, wirklich erstaunlich, wie unterschiedlich die Rezensenten das Filmwerk beurteilen, von „Schmachtfetzen“ (RP-Online) bis „Riskante Konstellation ohne Softporno-Schwülstigkeit“ (Die Welt) ist alles dabei. © Birgit Ebbert