(15.04.2020) Beim Aufräumen ist mir jetzt wieder eine Sammlung von Artikeln über die Wirkung von Sprache begegnet. Ich wollte schon lange etwas darüber schreiben, weil das Thema mir in verschiedenen Facetten immer wieder begegnet – nicht zuletzt bei Facebook, wo sich viele gerne darüber lustig machen, dass vermehrt Berufsbezeichnungen so formuliert werden sollten, dass beide Geschlechter sich angesprochen fühlen. Aber auch sonst denke ich bei vielen Beiträgen bei Facebook manchmal, dass Nörgeleien oder abfällige Bemerkungen Wirkungen haben müssen. Dieser Beitrag schlummert schon lange in meinem Entwurfs-Ordner, ich habe nur den letzten Satz geändert, weil er ansonsten in die Zeit passt.

Ich fühle, wie ich spreche

Nun habe ich einige Artikel gefunden, die genau das bestätigen. Man kann durchaus sagen: „Der Mensch spricht nicht nur, wie er fühlt, er fühlt auch, wie er spricht.“ Nörgelt er, denkt und fühlt er negativ, fühlt er sich negativ, nörgelt er. Aus dem Teufelskreis kann man nur ausbrechen, wenn man das weiß und den Blick bewusst auf positive Aspekte richtet und positive Dinge ausspricht. Während ich das schreibe, denke ich gerade: Gilt das wirklich nur für Menschen? Gilt das nicht vielleicht auch für Nationen? Sprich: Je mehr negative Meldungen in einem Land kursieren, umso unzufriedener sind die Menschen. Auf Deutschland trifft das gerade, meiner Wahrnehmung nach, durchaus zu. Wenn wir ehrlich sind, geht es uns allen ziemlich gut. Ja manche haben Zukunftsängste – ich als Freiberuflerin übrigens täglich – aber satt wird jeder und jeden Luxus und alle Annehmlichkeiten konnte sich noch nie jeder leisten, ich bin als Kind nie in den Urlaub geflogen und für Markenjeans habe ich mir von allen Familienmitgliedern Geld zum Namenstag und Geburtstag gewünscht, Kindergeburtstage wurden zu Hause ausgetragen und in den Sportclub der Schule konnte ich wegen des hohen Mitgliedsbeitrags nicht eintreten.

Ich muss, ich kann, ich will

Doch zurück zur Sprache, die unser Denken beeinflusst und das, was wir in der Umwelt sehen und hören. Im Juli 2015 gab es in der Psychologie heute ein sehr interessantes Interview mit der Sprachwissenschaftlerin Mechthild von Scheurl-Defersdorf. Sie forscht über den Zusammenhang von Sprache und Befindlichkeit und hat zum Beispiel festgestellt, dass allein das Wort „schnell“ in einem Satz bereits Stress auslöst. Wenn wir also sagen: „Ich hole schnell mal eben die Post“, setzen wir uns unbewusst selbst unter Druck. Sehr interessant finde ich auch, dass wir das Wort „müssen“ meist im Zusammenhang mit etwas verwenden, was wir nicht wollen und auf diese Weise schon durch das Wort Abneigung und Druck erzeugen. Als ich das las, fühlte ich mich ertappt. Und ganz ehrlich, wenn wir sagen „Ich kann nicht“, meinen wir oft: „Ich will nicht“, oder?
Ganz spannend ist die Sache mit dem Präteritum und Perfekt, also der 1. und 2. Vergangenheit, wie man es in der Grundschule teilweise noch lernt. In dem Interview bringt Frau Scheurl-Defersdorf ein schönes Beispiel. „Elisabeth hat mich verlassen“ (Perfekt) und „Elisabeth verließ mich“ (Präteritum). Das Perfekt reicht in die Gegenwart hinein, das Thema ist also immer noch im Kopf, während Präteritum etwas bezeichnet, das abgeschlossen ist. Ich habe mir vorgenommen, meine Tagebuchnotizen über unangenehme Dinge konsequenter im Präteritum zu schreiben 🙂 Das Interview ist so interessant, ich könnte die Liste weiterführen, denkt nur daran, wie oft wir sagen „das ist nicht schlecht“, wenn wir eigentlich gut meinen. Warum müssen wir selbst ein Lob mit einer Negierung versehen? Nicht ist doch eigentlich die Abwesenheit von etwas.

Jammern verändert das Gehirn

Am spannendsten aber finde ich das, was Jeffrey Lohr von der Arkansas University herausgefunden hat. Dass nämlich negative Gedanken oder Aussprüche nicht nur das Denken, sondern sogar die Gehirnverbindungen verändern und ein Denkschema ausprägen. Je öfter ich jammere, umso negativer denke ich. Letztlich entspricht dies dem Prinzip der selektiven Wahrnehmung, wenn ich wiederholt über etwas spreche oder nachdenke, begegnet es mir immer öfter. Eine Studie aus Stanford legt sogar den Verdacht nahe, dass Jammern einen Teil des Gehirns schrumpfen lässt – unter uns, gedacht habe ich das auch bei so manchem Nörgelfritzen und mancher Nörgelfrieda, die mir im Leben begegnet ist 🙂 Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, noch stärker auf das Positive in meinem Umfeld zu blicken, erst recht dann, wenn ich das Negative nicht ändern kann. Dann schade ich mit Jammern und Klagen nur mir selbst und ändere nichts.

In diesem Sinne, freue ich mich darüber, dass ich wegen des Corona-Logdowns im Moment ausschlafen kann, weil keine Termine auf mich warten, dass ich mich ohne Zeitdruck mit Dingen beschäftigen kann, die ich immer schon machen wollte und Zeit habe, meine alten Blogbeiträge endlich zu veröffentlichen! © Birgit Ebbert