(21.06.2014) Als ich den Begriff „Untermengen-Lyrik“ in einem Blog-Beitrag zur Vorbereitung auf eine Lesung das erste Mal erwähnte, habe ich mir nicht viel dabei gedacht. Inzwischen wurde ich von verschiedener Seite darauf hingewiesen, dass ich den Begriff und die Idee schützen sollte. Aber wie schützt man eine Idee? Wenn ich das wüsste, gäbe es nicht einige Bücher, in denen Ideen aus meinen Exposés verarbeitet worden wären.

Ich weiß, dass man Domain-Namen dadurch sichern kann, dass man die Seiten mit originärem und relevantem Inhalt füllt. Ob man später die Nerven und Ressourcen hat, das Recht einzuklagen, ist wieder ein anderes Thema. Aber immerhin ist das ein Anhaltspunkt. Deshalb werde ich immer mal wieder Gedichte aus meiner Lyrik-Werkstatt posten, damit jeder weiß, dass ich die Idee zuerst hatte. Bisher ist mir zumindest kein Autor oder Künstler begegnet, der diese Idee vorher hatte.

Zum besseren Verständnis ein kleiner Ausflug in die Mengenlehre. Sie ist ein Aspekt der Mathematik und hilft bei der Einordnung, Sortierung und Strukturierung von Elementen. (Wir bilden übrigens auch im Alltag ständig Mengen, unsere Freunde sind zum Beispiel eine Untermenge der Menschen auf der ganzen Welt.) In der Mengenlehre werden einzelne Teile, Objekte o. ä. Element genannt. Eine Menge besteht in der Regel aus mehreren Elementen. Ich weiß, es gibt auch eine „leere Menge“, aber so tief in die Mathematik will ich hier nicht einsteigen, denn ich arbeite nur mit nicht-leeren Mengen. Bei mir sind die Buchstaben eines Wortes die Elemente und die Menge besteht aus eben diesen Buchstaben. Welche Elemente zu einer Menge gehören wird so angegeben: M = {…}. Aus den Elementen einer Menge können sich Untermengen bilden. Ich weiß, heute spricht man eher von Teilmengen, aber ich habe noch den Begriff „Untermenge“ gelernt, obwohl „Teilmengen-Lyrik“ fast besser klingt. Oder nur „Mengen-Lyrik“? Teilmenge und Untermenge ist dasselbe, eine Menge, die aus Elementen besteht die in einer größeren Menge (Obermenge) vorkommen. Ein Beispiel aus der Mathematik: M = {2, 4, 6, 8, 10, 12, 14, 16, 18, 20}, eine echte Untermenge wäre M = {4, 8, 12, 16, 20}. Ich arbeite nur mit echten Untermengen, allerdings bilden meine Untermengen in der Regel Schnittmengen, das heißt, einzelne Buchstaben werden in mehreren Untermengen-Wörtern verwendet. Das als Erklärung vorweg, weshalb ich auf die Idee kam, meine Gedichte „Untermengen-Lyrik“ zu nennen.

Natürlich ist der Kern der Methode nicht neu. Zur Erinnerung:

  1. Man nehme ein Wort oder einen Titel, z. B. Ruhrgebiet. M = {B, E, E, G, H, I, R, R, T, U}
    Die Buchstaben eines Wortes bilden eine Menge.
  2. Man bilde aus allen oder einzelnen Buchstaben des Begriffs Wörter, z. B. Ruhr (M = {E, H, R, U}), Ehre (M = {E, E, H, R}), Hut (M = {H, T, U})
    Jedes Wort besteht aus einer Buchstaben-Menge, die wiederum eine Untermenge des Ursprungsworts bildet.
  3. Aus allen oder einem Teil der Wörter bilde man einen Text, der zum Thema passt. Das muss nicht zwangsläufig Lyrik sein, sie bietet sich jedoch an, weil durch den Aufbau der Verse Sprech- und Lesepausen vorgegeben werden.
    Durch die Anordnung der Untermengen zu einem Gedicht entsteht Untermengen-Lyrik.

Bisher ist mir kein Untermengen-Gedicht von einem anderen Autor begegnet, falls ihr eines kennt oder jemanden, der genauso schreibt, freue ich mich über einen Hinweis. Bei mir sieht das dann so aus:

Untermengen-Lyrik RuhrgebietRuhrgebiet (Birgit Ebbert)
Berge,
Geier,
Breite,
Reiher.
Urgebiet.

Grube,
Teer,
Truhe,
Heer.
Ruhrgebiet.

Erbe,
Tiere,
herbe
Biere,
Gueter,
Burg,
Hueter,
Ruhr.
Ruhe-Gebiet.

Diese Methode setze ich schon viele Jahre als Kreativitätstechnik und Konzentrationsübung ein. Neu ist, dass ganze Gedichte ausschließlich aus Untermengen-Wörtern bestehen. Je nach Titel oder Wort ist das eine echte Herausforderung. Zum Thema „Lebenstraum“ kam – fand ich – ein schönes Gedicht heraus, das ich allerdings als Beitrag zum PostPoetry-Wettbewerb einschicke und deshalb noch nicht veröffentlichen darf.

Ein Gedicht, bei dessen Elementen ich zunächst jubelte, weil vier von fünf Vokalen und viele gängige Konsonanten vorkamen, hat mich richtig viel Zeit gekostet. Es gab zwar viele Konsonsanten, sowohl ein „st“ als auch ein „sch“, aber leider kein „n“ (mathematisch sähe das so aus: n ∉ M), sodass ich keine Verbgrundformen bilden konnte. Auch fehlte ein „d“, weshalb sämtliche Artikel wegfielen und zwar sowohl die bestimmten als auch unbestimmten. Ein „o“ hätte auch vieles leichter gemacht, denn ein „Tor“ ohne „o“ ist undenkbar. Soviel aus dem Denkkästchen geplaudert. Das Gedicht befasst sich mit einem aktuellen Thema, das – so kommt es mir zumindest vor – die ganze Welt derzeit beschäftigt. Ok, die Spanier vielleicht nicht mehr so sehr.

Fussballweltmeisterschaft (Birgit Ebbert)
Elf Fußballer rechts,
elf weitere am Saum.
Weiss-blaue Schuhe –
Wiese frisch.
„Meisterschaft“, fluestert es leise.
Weisser Ball.
Heller Ruf.
Alles wartet.
Alles schaut.
Schreit laut.
Ruft: „Abseits!“
Bruellt: „Aus!“
Raetselt mit,
mahnt im Tritt.
Abwehr wehrt ab,
Sturm schiesst hart.
Steiler Schuss!
Es schwebt ihr Ball.
Aller Atem steht still.
Trifft er?
Haelt er auf?
„Weltmeister!“, schallt es.
Im Raum?
Im Traum?

Jetzt tüftele ich noch ein wenig an dem nächsten Untermengen-Gedicht herum, das Sammeln der Untermengen-Wörter ist sehr entspannend und das Schreiben des Gedichtes ist Wortschatztraining und verlangt eine intensive Beschäftigung mit dem Thema. Wenn ich jetzt noch jemanden fände, der mich dafür bezahlte, hätte ich eine perfekte neue Geschäftsidee entwickelt. © Birgit Ebbert