Unvergessene Sportidole, Verlag an der Ruhr 2015

(13.11.2015) Für das Geschichtenbuch Unvergessene Sportidole habe ich im letzten Jahr viel recherchiert und bei der Auswahl sehr mit mir gerungen. In dem Buch erzähle ich Geschichten rund um bedeutende Sportereignisse des 20. Jahrhunderts und da gibt es einige. An manche erinnere ich mich gut, andere kenne ich nur aus Erzählungen, wobei mein Vater immer den Eindruck erweckt hat, er hätte Max Schmeling selbst gegen Joe Louis kämpfen sehen. Zu dem Zeitpunkt war er noch nicht in der Schule, es ist also eher unwahrscheinlich, dass er eine bewusste Erinnerung hat. Aber so entsteht ein kollektives Gedächtnis, das heute durch das Internet zementiert und auch verzerrt wird.

Über manche Ereignisse, an die sich Gesprächspartner erinnert haben, habe ich im Internet keine Informationen gefunden, das Halbfinale des Handball-Europokals in den 70er Jahren zum Beispiel, bei dem der spätere Pokalsieger aus Frankfurt an der Oder den VFL Gummersbach besiegte. Aber das Spiel hätte es ohnehin nicht in mein Buch geschafft, denn 1978 wurde die BRD erstmals Handballweltmeister und Weltmeister schlägt ganz klar Pokalsieger. Das gilt auch für den Fußball, der dennoch mit zwei Weltmeisterschaften in dem Buch vertreten ist. Wer in meiner Top 15-Liste sonst noch aufs Treppchen kam, kann man im Buch nachlesen 🙂

Stattdessen lüfte ich das Geheimnis, über wen ich unter anderem nicht schreibe – nicht, weil das Ereignis nicht interessant ist, sondern weil es wirklich sehr viele besondere Sportereignisse gab. Durchgefallen ist zum Beispiel die Tour de France komplett, weil mich die Doping-Fälle ärgern und ich niemandem ein Denkmal setzen möchte, der des Dopings überführt wurde.

Sehr bedauert habe ich, dass ich Gottfried von Cramm nicht in das Buch über Sportidole aufnehmen konnte. Den Namen kennt heute vermutlich keiner mehr, dabei hat der „Tennis-Baron“ auf besondere Weise Sportgeschichte geschrieben. 1931 holte der damals 22-Jährige seinen ersten internationalen Titel in Athen. Dafür hatte er seit seinem elften Lebensjahr trainiert – obwohl ihm an der rechten Hand die Zeigefingerkuppe nach einem Pferdebiss fehlte. 1934 gewann er die Internationalen Meisterschaften von Paris und wurde zur Nummer 3 der Weltrangliste. Sogar ins Wimbledon-Finale schaffte er es 1935 und 1937.

Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn geriet er in einen unfassbaren Teufelskreis, der mit einer Verhaftung durch die Nationalsozialisten seinen Anfang nahm. Am Tag nach einer Turnier-Reise um die ganze Welt wurde er in Berlin wegen homosexueller Kontakte verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, von dem er ein halbes Jahr im Straflager Rollwald einsaß. Ob er wirklich homosexuell war oder die Nazis damit nur einen Vorwand schafften, um einen Gegner des Regimes zum Schweigen zu bringen, wurde nie letztlich geklärt, zumindest habe ich keine Information darüber gefunden.

Nachdem er diese Strafe abgeleistet hatte, hätte er seine Karriere fortsetzen können, doch die Wimbledon-Veranstalter versagten ihm 1939 die Teilnahme, weil er vorbestraft war. Diese Vorstrafe behielt er Zeit seines Lebens, erst 2002 wurden die Vorstrafen wegen § 175 aufgehoben, da war er schon 25 Jahre tot.

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes knüpfte von Cramm (geboren am 7.7.1909, gestorben am 9.11.1976) an seine Erfolge vor dem Krieg an und wurde 1947 und1948 sogar zum Sportler des Jahres gewählt. Er war an der Gründung des Deutschen Tennis Bundes beteiligt und verschaffte diesem durch seine internationale Anerkennung schon wenige Jahre nach dem Krieg einen guten Ruf in der Welt.

Besonders fasziniert hat mich die Geschichte auch deshalb, weil ich den Namen Gottfried von Cramm kurz vor meiner Recherche zu dem Buch bereits gelesen hatte – in einem der Briefe von Herti Kirchner, jener Schauspielerin, die in den 30er Jahren mit Erich Kästner liiert war und die Anfänge der NS-Zeit in Berlin miterlebt hat. Sie berichtet in einem Brief davon, dass sie von Cramm in Berlin bei einem Turnier erlebt hat und in einem anderen nimmt sie Bezug auf die Verhaftung. Manchmal ist es fast beängstigend, wie einem Themen von verschiedenen Seiten auf den Tisch fallen. © Birgit Ebbert

Birgit Ebbert: Unvergessene Sportidole. 5-Minuten-Vorlesegeschichten für Menschen mit Demenz. Verlag an der Ruhr 2015

Die Geschichten eignen sich auch zum Selberlesen. In der Reihe sind außerdem erschienen: „Leibgerichte“ (2015) und „Spiele der Kindheit“ (2015).

Erinnerung an Gottfried von Cramm auf Spiegel Online