(26.05.2014) In meinem Ideen-Ordner befindet sich seit 2009 eine Datei mit der Bezeichnung „Verlorene Wörter“. Ich weiß noch genau, wie ich auf die Idee kam. Ich ärgerte mich damals, dass manche Wörter, die mir wichtig sind, aus dem Duden gestrichen werden und ich habe mich gefragt, wo diese Wörter bleiben. Bei der Arbeit an meinem neuen Roman kam mir das Thema wieder in den Sinn, als ich mich fragte, ob man in den 30er und 40er Jahren bereits das Wort „Hallo“ kannte. Die Frage tauchte vor allem deshalb auf, weil ich mich an ein Gespräch in meiner Jugend erinnerte. Mein Vater erzählte, dass ein Nachbar – zugleich Studienrat und mein Deutsch-LK-Lehrer – ihn zurechtwies, weil er „Hallo“ zur Begrüßung verwendete. Der Studienrat war empört, dass mein Vater nicht „Guten Tag“ sagte. So prägen einen auch kleine Erlebnisse. Ich habe daraus geschlossen, dass „hallo“ Anfang der 80er Jahre ein neumodisches Wort war.

Inzwischen weiß ich, dass „hallo“ schon zu jener Zeit mindestens 100 Jahre alt war, gleich, welche Herkunftsgeschichte man präferiert. Etymologisch wird es mal aus dem mittelhochdeutschen „halen“, aus dem hebräischen „halal“ oder dem englischen „hello“ entwickelt.

Bei der Recherche nach der Geschichte des Wortes „hallo“ kam mir die Idee der „Verlorenen Wörter“ in den Sinn, über die ich vor fünf Jahren lange mit meiner Freundin und Autorenkollegin Patrizia Zannini konferierte. Wir entdeckten dann das „Lexikon der bedrohten Wörter“ von Bodo Mrozek und hakten schweren Herzens das Projekt ab. Aber scheinbar ging es noch anderen ähnlich wie uns. Inzwischen gibt es – noch – die Wortweide, auf der viele Wörter stehen, an die Menschen besondere Erinnerungen haben – ich habe dort 2011 die „Bahnsteigkarte“ eingestellt, die mir jedesmal einfällt, wenn ich jemanden zum Zug bringe. Leider wird die Seite wohl demnächst eingestellt, hat mir die Betreiberin mitgeteilt, als ich sie wegen eines Interviews anfragte. Auf Retropedia  werden „fast vergessene Wörter“ von „Abkanzeln“ bis „Zwirn“ erklärt. Die Seite zum Buch Bedrohte Wörter gibt Wörtern von „Amtsschimmel“ bis „zechen“ ein Zuhause. Witzig finde ich auch das Wortmuseum, in dem kaum bekannte Wörter „ausgestellt“ werden. Im Moment ist es das „Konterfei“, das dort zu lesen ist, meine Schüler wüssten nicht, was das ist.

Die „vergessenen Wörter“ haben sogar eine eigene Facebook-Seite, auf der Wörter gesammelt werden.

Unglaublich, was sich in den fünf Jahren, seit ich das erste Mal über „vergessene Wörter“ nachgedacht habe, getan hat. Aber auch schön. Wer Wörter hat, von denen er denkt, dass sie nicht vergessen werden sollten, hat mehrere Möglichkeiten, ihnen einen Erinnerungsplatz zu verschaffen.

Dr. Nicole Weiffen vom Duden-Verlag hat mir schließlich verraten, was aus den gestrichenen Wörtern wird: „Die Anzahl der Begriffe, die aus dem gedruckten Duden gestrichen werden, ist sehr gering. Bei der letzten Auflage (26. Auflage) lag die Menge im dreistelligen Bereich. Dennoch bleiben natürlich alle Wörter erfasst und in unserem Dudenkorpus erhalten.“

Einige davon enthält sich das Buch „Wort-Friedhof“ mit „Wörtern, die uns fehlen werden“, das im Duden-Verlag erschienen ist.