Manchmal liegt ein Autor in Romanen
Corvo probiert aus, wie ein Autor ins Buch passt:
Auf dem Bauch …

(15.03.2014) Nach meinen Lesungen taucht fast immer – vor allem, wenn die Romanfigur weiblich ist – die Frage auf, ob die Protagonistin mit mir identisch ist, welche Rolle ein Autor in Romanen spielt. Eine Frage übrigens, die auch schon meinen Deutschlehrer umgetrieben hat, ich erinnere mich, dass wir in der „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz Stellen heraussuchen mussten, die etwas über den Autor sagen. Eine schwer lösbare Aufgabe, wenn man den Autor nicht persönlich kennt und nichts über sein Leben weiß. Leichter wird es mitunter, wenn die Bezüge zwischen Roman und Leben des Autor deutlich sind wie im „Fabian“ von Erich Kästner, dem ebenfalls sein „Schreibjob“ gekündigt wurde, nicht wie Fabian bei einer Werbeagentur, sondern bei einer Zeitung.

… oder doch lieber auf dem Rücken?

Nicht immer sind die Bezüge so augenfällig, manchmal hinterlässt ein Autor seine individuellen Spuren leiser, versteckt und manchmal auch ungewollt – durch die Bilder oder Redewendungen, die er verwendet und die typisch für ihn oder sein Umfeld sind und natürlich durch die Sprache, die von seiner Herkunft und seinem Lebensumfeld geprägt ist. Erst kürzlich las ich in der deutschen Übersetzung eines Roman von Donna Leon das Wort „knibbern“, das ist bis dahin noch niemals gehört hatte. Ein Klick bei Google hat mir verraten, dass es sich um eine rheinländische Form von „knabbern“ handelt. Mein Deutschlehrer wäre begeistert gewesen, hätte ich ihm doch damit nahelegen können, dass die Übersetzerin aus dem Rheinland stammt. Vermutlich sind es gerade diese individuellen Elemente, die den Stil eines Autors prägen und wenn er sich noch soviel Mühe gibt, die persönliche Note zu unterdrücken.

Aber selbst, wenn er in einem gänzlich neuen Stil schreibt, bleibt immer noch die Auswahl des Romanthemas, durch die sich ein Autor entlarvt. Themen fallen einem zu, weil man man selbst ist. Es kommt vor, dass Autoren gleiche Themen entdecken, weil sie manchmal auch geradezu in der Luft liegen, aber sie bearbeiten sie völlig unterschiedlich, weil jeder seinen persönlichen Blickwinkel hat. Deshalb interessiert mich immer, wie ein Autorenkollege auf eine Romanidee gekommen ist. Die Antwort ermöglicht oft einen ganz neuen Blick auf den Menschen hinter dem Buch, das fasziniert mich.

In meinem neuen Roman „Die 50 besten Morde oder Frauen rächen anders“ gibt es ganz viele solcher Bezüge zu meinem Leben, einfach deshalb, weil ich die 50 Mordschilderungen in kurzer Zeit geschrieben habe und mir sonst irgendwann die Mordmotive ausgegangen wären. So wurde dann eben ein Nachbar ermordet, weil er jeden Sonntag morgens früh Löcher in die Wand bohrte, eine Erfahrung, die in jedem der Mehrfamilienhäuser machen musste, in denen gewohnt habe. Den Nachbarn, der samstags auf dem Vorplatz seiner Garage die Kreissäge aufbaute, gab es ebenfalls. Diese späte Rache hat er sich mit dem Kreischen seiner Kreis(ch)säge wirklich verdient. Bei schönstem Wetter musste ich von der Terrasse flüchten, um an meiner Dissertation zu arbeiten. Aber diese und andere Opfer werden wie auch der „Eisberg“ als weitgehend passive Hauptfigur werden nur als eine Art Silhouette beschrieben und bewusst überzeichnet, damit sich niemand wiedererkennen kann.

Aber auch unabhängig von den Mordopfern und -motiven hat sich die eine oder andere reale Begebenheit oder Erinnerung in den Roman geschlichen, weil sie einfach so gut passte. Manche habe ich selbst erlebt und manche haben mir Freunde geschildert, die – wie ich vor genau 10 Jahren – erlebt haben, dass ihnen wie Kerstin Junker in meinem Roman völlig überraschend nach langer Betriebszugehörigkeit gekündigt wurde.

Ich habe begonnen, meine Erlebnisse und Gedanken aufzuschreiben, als ich damals vor der Tür des Arbeitsamtes Männer mit Bierflaschen in der Hand sah und als mir die Arbeitsvermittlerin – wie Kerstin – ein gefaltetes DINA-4-Blatt als „Ausweis“ überreichte. Da hatte ich plötzlich die Idee, dass das Ganze einen guten Romanstoff abgeben würde.

Eben jene Nähe zum Thema war es aber auch, die dazu geführt hat, dass ich so lange brauchte, bis der Roman abgeschlossen werden konnte. In den ersten Jahren war ich so gefangen in Kerstins Wut und Ängsten, dass ich keine Idee hatte, wie der Roman enden sollte. Ich hatte ihn ja nicht als Krimi, sondern als Unterhaltungsroman mit Galgenhumor angelegt. Ein Mord am Ende passte da nicht. Aber eine andere Lösung gab es für mich lange nicht. Erst vor gut drei Jahren entwickelte sich das Ende plötzlich von selbst, als ich mich wieder an die Bearbeitung des Fragments machte. Jetzt ist die Geschichte für mich schlüssig, wie es für mich schlüssig war, es als E-Book selbst zu veröffentlichen und zwar genau zehn Jahre nachdem mir meine Kündigung überreicht wurde.

Zu dem Roman gibt es eine Internetseite www.die50bestenmorde.de, auf der ich auch jeweils die Hinweise zu den aktuellen Vertriebskanälen veröffentliche, da es einige Tage dauert, bis das E-Book bei allen Händlern erhältlich ist.