Kräuterkasten

(17.11.2013) Der Samstag war so voller Eindrücke, dass es mir schwerfällt, sie zu sortieren. Ehe ich nämlich zur Firma Groz-Beckert fuhr, in dessen Technologie- und Entwicklungszentrum Mozart auf mich wartete, habe ich im Kräuterkasten gefrühstückt. Passend zum Ambiente, wie ich dachte, einen Kräutertee und eine Butterbrezel. Natürlich hatte ich bei meiner Vorbereitung vom Kräuterkasten gehört. Da mir Kräuter nicht so sehr am Herzen liegen wie Literatur, Musik, Kunst und Geschichte, habe ich den unter ferner liefen auf meinen Besuchszettel geschrieben. Deshalb habe ich auch erwartet, dass mir dort Kräutertee serviert wird. Da lag ich aber so richtig daneben.

Der Kräuterkasten ist nämlich kein Haus der Kräuter, sondern eine Kleinkunst-Location, die von einem Verein betrieben wird und eine interessante Geschichte hat. Wie gut, dass Frau Günther, die Organisatorin, mich bei der Eröffnungsveranstaltung angesprochen hat.

Frau Günther, eine der Initiatorinnen des „Kräuterkastens“

Die Geschichte des Kräuterkastens reicht weit zurück, das sieht man dem Gebäude schon an. Es beherbergte ursprünglich eine Zehntscheuer, dann gehörte es dem „Kräuter-Groz“, der in Albstadt noch immer Kräuter vertreibt und schließlich der Stadt Albstadt, die darüber nachdachte, es abzureißen. Das brachte engagierte Bürger auf den Plan, die sich Anfang der 80er Jahre dafür einsetzten, das Haus zu erhalten und als Bürgertreff zu nutzen. Die Stadt Albstadt ließ sich überreden und die acht Frauen, die sich für den Erhalt eingesetzt hatten, hatten eine neue Aufgabe. Sie sammelten Möbel und richteten den unteren Raum als Treffpunkt und Veranstaltungsraum ein.

Dass ihnen das nachhaltig gelungen ist, zeigen die Besucher, die am Samstagmorgen eintrudeln, um in dem lauschigen Ambiente zu frühstücken. Aber auch das Veranstaltungsprogramm kann sich sehen lassen. Zwei bis drei Events finden jeden Monat statt. Besonders schön finde ich, dass es auch Kleinkunst für Kinder gibt, Ob schwäbische Kindergedichte oder Clownereien, Handpuppen oder Märchen – die Kinder werden hier schon früh an Live-Kunst herangeführt und sind, wie Frau Günther erzählt, immer wieder begeistert. Das kann ich gut verstehen, durch die überschaubare Größe können sie die Künstler hautnah erleben. (www.kräuterkasten-albstadt.de)

Stefan Töpelmann

Da hatte es Stefan Töpelmann, den ich am Samstagnachmittag erlebte schwerer. Er trat in dem eher nüchternen Veranstaltungsraum im Bildungszentrum auf, in dem sich die Kinder und Erwachsenen fast verloren. Trotzdem schaffte er es, das habe ich  mir nachher extra von Kindern bestätigen lassen, die kleinen Zuschauer in den Bann zu ziehen. Mit einem „Märchen für einen Tag“, wie ich die Veranstaltung überschreiben würde. Zusammen mit den Kindern erfand der Schauspieler das Märchen vom „Frosch und dem Hasen, der seinen Namen vergessen hatte“. Ja, das Thema des Märchens haben die Kinder vorgegebenen und es war interessant zu beobachten, wie Stefan Töpelmann in kurzer Zeit daraus eine Story entwickelte und die Figuren so charakteristisch darstellte, dass man jederzeit wusste, wer gerade sprach. Mehr über Stefan Töpelmann und seine Art, Theater zu machen: www.stefan-toepelmann.de

Auch Manni, das Maskottchen der Baden-Württembergischen Kinder- und Jugendliteraturtage habe ich wiedergetroffen.

Im Anschluss an das Kinderprogramm kam ich mit einer Albstädter Geschichtenerfinderin ins Gespräch, die eher im Verborgenen wirkt. Gertraude Dorow hat schon in ihrer Zeit als Grundschullehrerin begonnen, aus drei von den Kindern vorgegebenen Begriffen Geschichten zu erfinden. Die Idee hatte sie, als sie Kinder in ihrer Klasse hatte, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit keinen Geburtstag feiern durften. Sie wollte auch ihnen etwas Gutes tun an ihrem Ehrentag und schenkte ihnen eine Geschichte für einen Tag. Heute erfindet sie Geschichten für ihre zehn Enkelkinder und hat sogar bereits drei ganz individuelle Bilderbücher erstellt – samt Zeichnungen, wovor ich nur den Hut ziehen kann, weil ich außer einem Elefant von hinten kein einziges Bild zustande bekommen würde. Solche Begegnungen am Rande sind es übrigens, die mich an meiner Tätigkeit als Albschreiberin faszinieren. Im Alltag fehlt häufig die Zeit, sich einfach spontan eine halbe Stunde Zeit für ein Gespräch zu nehmen. Dabei schlummern so viele Talente und Begabungen jenseits des Alltagsgesichts – nicht nur in Albstadt.