(20.02.2015) Gestern Abend fiel mir ein, dass ich versprochen hatte, zu verraten, was ich am Rande der Pressekonferich zum Historischen Jahrmarkt noch so erfahren habe. Ja! Steampunk, dazu gibt es nächste Woche einen Extrabeitrag. Spannend fand ich – da kam die Pädagogin durch – was Albert Ritter, der Vorsitzende der Historischen Gesellschaft, über seine Schulzeit und die heutiger Schaustellerkinder erzählte. Er ist Schausteller in der 5. Generation, sein Vater hatte eine Schaubude, in der – der damaligen Zeit entsprechend – vor allem Siegfried-Schauen gezeigt wurden, sein Großvater besaß ein Wanderkino, von dem ich vor einigen Monaten Überreste in Essen gesehen habe. Und ein Vorfahre 1958 hat für seine Attraktion wohl ein Zelt benötigt, zumindest ist eine entsprechende Rechnung das älteste Exponat im Ritterschen Familienarchiv. Wer weiß, vielleicht trat dort die Dame ohne Unterleib auf!

Nun kann ich das Foto auch endlich mal unterbringen – Reste des Wanderkinos.

An eine ähnliche Besonderheit aus seiner Jahrmarktkindheit erinnert Albert Ritter sich gut. „Für mich ist Conchita Wurst nichts Neues“, begann er die Schilderung seiner Kindheit auf dem Rummel und erzählt von seiner Tante, die einen starken Damenbart hatte. Die Familie hat diesen scheinbaren Makel positiv genutzt, die Tante rasierte eine Gesichtshälfte, trug ein Kostüm, das an einer Seite Smoking und andere anderen Seite Abendkleid war. So trat sie auf und drehte sich zu dem Spruch: „Mann oder Frau, wer weiß es genau!“ bis sie zur Überraschung der Zuschauer das eine oder das andere war. Vermutlich hätte Albert Ritter noch mehr Anekdoten erzählt, wenn wir nicht auf das Thema Schule gekommen wären. Ich erinnere mich, dass ich während des Studiums mal daran gedacht habe, Jahrmarkt- oder Zirkuslehrerin zu werden und nur deshalb das Lehramtsstudium begonnen habe. Dass daraus nichts wurde, ist eine andere Geschichte, interessant finde ich, dass der kleine Albert noch – während seine Eltern die Fahrgeschäfte aufbauten – in die örtliche Schule ging und sich vorstellte, um vom jeweiligen Schulleiter einer Klasse zugewiesen zu werden. Ich schätze mal, dass das in den 50er oder 60er Jahren war.

Albert Ritter setzt eher auf Angebote,  die weiße Mäuse ins Gehirn zaubern  🙂

Seither hat sich viel geändert, berichtete Albert Ritter. Heute gibt es ein System von Stamm- und Standpunktschulen, in denen die Kinder während der Reisezeit unterrichtet werden. Die Stammschule ist die Schule im Heimatort, die die Kinder im Winter besuchen, und in den Standpunktschulen werden die Kinder während der Saison unterrichtet. Dabei ist eine ganz wichtige Neuerung der letzten Jahre, dass die Kinder in allen Schulen mit dem gleichen Schulbuch lernen. Albert Ritter erinnert sich gut daran, dass er noch in jeder Schule ein anderes Schulbuch bekam. Wer Kinder hat, die einmal die Schule oder Klasse gewechselt haben, weiß, dass das nur selten den Lernerfolg beflügelt. Mit dem durchgängigen Schulbuch haben die Schaustellerkinder heute sehr viel gewonnen.

Kein Schulwagen, sondern das Wohnzimmer, in dem vielleicht Albert Ritter die Tante mit Bart gesehen hat.

Vielfach gibt es weiterhin einen Schulwagen, in dem aber kein klassischer Schulunterricht mehr stattfindet, sondern eher Hausaufgabenbetreuung oder individuelle Förderung. Da ist die Schulverwaltung bereits sehr auf die Bedürfnisse der Branche eingegangen. In einem Pilotprojekt wird derzeit versucht, diese speziellen Belange auch in einem speziellen Berufsschulunterricht zu vermitteln, der konkret auf die Kenntnisse und Erfordernisse eingeht, die Schausteller beherrschen müssen. Das Thema lege ich mir auf Wiedervorlage, ich bin gespannt wie es mit dem Projekt weitergeht. Aber vorher bin ich gespannt, was ich morgen auf dem Historischen Jahrmarkt erfahre. Nachdem ich am letzten Samstag nicht alle Gespräche geführt habe, die ich mir vorgenommen hatte, muss ich nachsitzen oder nachschaukeln oder nach… Ich werde berichten. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen: www.jahrhunderthalle-bochum.deHistorische Gesellschaft deutscher Schausteller

Fotos vom Aufbau für den Historischen Jahrmarkt 2015

Fotos vom Historischen Jahrmarkt 2014 auf www.moment-aufnahmen.info & im Fotoblog Kultur & Ruhr