(25.02.2015) Natürlich stand ich am letzten Samstag erneut in der Schlange vor der Jahrhunderthalle und muss gestehen, dass ich wieder kein einziges Fahrgeschäft genutzt habe. Obwohl ich fast den ganzen Tag dort war, aber ich habe mal hier und mal da geplaudert und wieder viel Neues erfahren.

Vor allem hatte ich nämlich bei meinem ersten Besuch vergessen, mich über den „Selbstfahrer“ zu informieren, der in der Geschichte über die Dampfnudeln in meinem Buch „Leibgerichte“ erwähnt wird. Ein schönes Beispiel dafür, weshalb ich den Historischen Jahrmarkt besuche. Hier kann man erleben, was Romanfiguren aus den 30er bis 70er Jahren erlebt haben könnten. Wo ist das sonst schon möglich, wenn man nicht gerade ein altes Grammophon oder einen „Hau den Lukas“ im Keller stehen hat. Da fällt mir ein, über den „Hau den Lukas“ hätte ich mich auch informieren können – es gibt ja noch eine Chance am nächsten Wochenende!

Von Steven Müller, dem 26-jährigen Sohn des heutigen Besitzers vom „Selbstfahrer“ habe ich mir zunächst mal erläutern lassen, wie so ein Fahrgeschäft eigentlich funktioniert. Er hat es gut erklärt, aber als Physik-Niete kann ich es nicht wiedergeben. Ich habe mir nur gemerkt, dass der Chip, den man braucht, den Stromkreis in Gang bringt. Viel spannender fand ich die Geschichte der Familie, die schon in der 7. Generation als Schausteller Jahrmärkte bereist. Heute allerdings mit einer weniger schockierenden Attraktion als die erste Generation. Der Vorfahre von Steven hat in einer „Schau der Illusion“ auf der Bühne mehrmals täglich seine Frau geköpft. Nachdem er wie auch die wiederholt geköpfte Gattin das Geheimnis mit ins Grab genommen haben, mussten die Kinder sich neu orientieren.

Schon Stevens Großvater war mit einem Autoscooter unterwegs, der damals noch Selbstfahrer hieß. In den 70er Jahren hat er das alte Modell, durch eine moderne Bahn ersetzt und das alte Fahrgeschäft verkauft. Sehr zum Bedauern seines Sohnes, der immer mal wieder versucht hat, es wieder zu finden. Als 2010 ein alter „Selbstfahrer“ zum Verkauf stand, hat er zugeschlagen. Ob es ein Familien-Erbstück ist, wer weiß, es sieht aus wie das von Stevens Großvater und ich hatte gleich die Idee zu einer Geschichte, in der eines der Autos gekennzeichnet ist oder so. Apropos Autos. Als die Familie 2010 den Selbstfahrer übernahm, waren 14 der 16 Autos sofort funktionstüchtig und sausten bald wieder über die Bahn. Übrigens schneller als die modernen Autos, so schnell, dass sie gedrosselt werden müssen.

Die Familie Müller, auch das Stoff für eine Geschichte, gehört zu den Schaustellern, die ganzjährig im Wohnwagen leben. Darunter darf man sich allerdings nicht das Campingwägelchen vorstellen, mit dem Otto und Erna Normalverbraucher in den Urlaub fahren. Nicht umsonst wird der Wohnwagen von einer Zugmaschine und nicht von einem Mittelklassewagen mit Anhängerkupplung gezogen. Ein solcher Wohnwagen hat auch seine 60 m² Wohnfläche, Einbauküche und Badezimmer, Wohn- und Schlafzimmer und alles, was sich in anderen Wohnungen befindet. Nachdem ich von Albert Ritter erfahren habe, wie seine Schulzeit als Schaustellerkind war, wollte ich von Steven Müller wissen, wie das bei ihm war. Auch spannend. Seine Eltern haben ihn nämlich täglich – egal, wo sie waren – zu seiner Schule nach Essen, wo die Familie ihren festen Platz hat, gebracht.

c-birgit-ebbert-IMG_2697Ein anderes Schulmodell erzählte mir Ludwig Deinert, der Besitzer des Kettenkarussels. Seine älteste Tochter lebte in den ersten Jahren ihrer Grundschulzeit die Woche über bei einer befreundeten Familie und ging dort zur Schule. Freitagmittags wurde sie dort abgeholt und montags von den Eltern direkt in die Schule gefahren. Das war zu der Zeit, als die Familie wie die Müllers noch im Wohnwagen lebte und von Jahrmarkt zu Jahrmarkt fuhr. Seit Frau Deinert einen Lottoladen besitzt, ist die Familie stärker an den Wohnort gebunden und inzwischen gehen die Kinder auch nicht mehr zur Schule. Ludwig Deinert wohnt bei Bedarf im Wohnwagen, wenn die Strecke zu weit ist, um abends eben nach Hause zu fahren oder der Abend feuchtfröhlich ausklang.

Auch Ludwig Deinert stammt aus einer Schaustellerfamilie, seine Großmutter hat Mitte der 50er Jahre begonnen, mit ihren Ponys von Stadt zu Stadt zu ziehen. „Wir sind mit den Ponys aufgewachsen“, erzählt Ludwig Deinert und berichtet, wie sie im Winter eine Schlittenkette hinter ihr Lieblingspony gebunden und eine Schlittenfahrt unternommen haben. Bis Anfang 2000 war Ludwig Deinert noch mit der Reitbahn unterwegs, heute beglückt er die kleinen Jahrmarktsbesucher mit seinem Kettenkarussell, in dem, während ich im Kassenhäuschen saß, nicht ein Sitz freiblieb und immer Kinder und Erwachsene Schlange standen. Ein Wunder, dass es noch immer so aussieht, als wäre es gerade gebaut worden, wo doch unzählige Füße darüber getrappelt sind. Aber Ludwig Deinert achtet auch sehr darauf, dass alles gepflegt wird und sorgt mit kleinen Veränderungen dafür, dass es modern und klassisch zugleich aussieht. Manches wird schon beim Aufbau ausgebessert oder korrigiert, denn bei diesem Karussell wird noch jedes Teil von Hand aufgebaut. Eine Heidenarbeit, die keiner vermutet, der sich für eine Runde im Sitz niederlässt. Wie auch niemand ahnt, welcher Aufwand sich hinter den Fahrgeschäften verbirgt. Darüber könnte ich auch mal schreiben – kommt Zeit, kommt Artikel. Jetzt arbeite ich mich erst einmal in „Steampunk“ ein, damit ich beim 1. Steampunk-Jahrmarkt am kommenden Samstag weiß, was ich fragen sollte. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen: www.jahrhunderthalle-bochum.deHistorische Gesellschaft deutscher Schausteller

Fotos vom Aufbau für den Historischen Jahrmarkt 2015

Fotos vom Historischen Jahrmarkt 2014 auf www.moment-aufnahmen.info & im Fotoblog Kultur & Ruhr