(12.02.2015) Für alle, die am kommenden Wochenende dem Karnevalstrubel entfliehen möchten, halten die Jahrhunderthalle in Bochum und die Historische Gesellschaft deutscher Schausteller ein besonderes Bonbon bereit. Ab dem 14. Februar öffnet für drei Wochenenden wieder der Historische Jahrmarkt seine Pforten. Für einen Eintritt – je nach Alter und Körpergröße – zwischen 9,50 € und 12,50 € können Klein und Groß einen Tag lang historische Fahrgeschäfte, Kleinkünstler, Marionettentheater, Kirmesorgeln, alte Fahrzeuge und vieles andere genießen und erinnerungsträchtige Erlebnisse sammeln oder in Erinnerungen schwelgen. Zum Beispiel in der Raupenbahn von 1926, bei der sicher so manchem der erste Kuss einfällt – der übrigens, das war vom Prinzipal der Gesellschaft Albert Ritter zu erfahren, bis in die 60er Jahre selten länger als 10 Sekunden dauerte, weil danach das Verdeck wieder geöffnet werden musste. Das sah eine Verordnung vor, die unsittliche Annäherungen verhindern wollte. Im Münsterland – wo genau, muss ich noch in Erfahrung bringen! – soll ein Pfarrer sogar neben der Raupe gestanden und die Zeit gestoppt haben.

Ja, solche und ähnliche Anekdoten bekommt man gratis dazu, wenn man sich auf einen Reisetag in die Zeit einlässt. Die Fahrgeschäfte, die teilweise über 80 Jahre alt sind und lediglich dort verändert wurden, wo Sicherheitsvorschriften das nötig machten, stammen häufig aus dem Besitz von Schaustellerfamilien, die in der zweiten, dritten oder wie Albert Ritter in der fünften Generation Schausteller sind. Bis vor gut zehn Jahren waren diese Fahrgeschäfte, Theater, Orgeln o. ä. häufig eingelagert, weil auf den heutigen Jahrmärkten andere Angebote nötig sind. Dann gründete sich die Historische Gesellschaft mit dem Ziel deutlich zu machen, dass auch das Schaustellergewerbe eine (Kultur-)Geschichte besitzt und vor Jahrhunderten bereits die Kulturlandschaft bestimmt und belebt hat.

Noch gruselt es nicht, aber ab Samstag!

Eine der Aktivitäten der Gesellschaft ist die Ausrichtung des Historischen Jahrmarkts in Kooperation mit der Jahrhunderthalle in Bochum. Eines der Ausstellungshighlights in diesem Jahr ist die über 100 Jahre alte Wellershaus-Orgel. Sie ist gerade für das Ruhrgebiet etwas Besonderes, weil sie – anders als die meisten anderen Kirmesorgeln, die im Schwarzwald entstanden, – in Mülheim gefertigt wurde. Diese Orgel, eine von mehreren noch funktionsfähigen alten Kirmesorgeln bei dem Jahrmarkt, ist so einzigartig, dass man nur hoffen kann, dass nichts kaputt geht. Ersatzteile gibt es nämlich nicht mehr, im Notfall hilft nur noch ein kreativer Orgelbauer mit einem Händchen für alte Orgeldamen.

Simone Gerigk alias Fox Glove, Prinzipal Albert Ritter und Verena Partisch alias Dusty Steampott (v. l. n. r.)

Das Veranstaltungshighlight in diesem Jahr ist der Steampunk Jahrmarkt am letzten Ausstellungssamstag. Beim Pressegespräch bekamen wir einen kleinen visuellen Vorgeschmack, was Steampunk ist. Eine Bewegung oder Szene von Menschen, die sich damit beschäftigen, wie die Welt heute wäre, wenn die technische Entwicklung bei Dampfmaschine und Zeppelin stehen geblieben wäre, wenn die Zukunft also nicht elektronisch und digital wäre, sondern eher so wie Jules Verne sie sich vorgestellt hat. Die Beschäftigung mit dieser Frage zeigt sich vor allem, aber nicht nur, in der Kleidung der Menschen, die sich an dem viktorianisch-wilhelminischen Stil orientiert und zugleich die Besonderheiten jener Zeit der Dampfmaschinen einbindet. Ein typisches Merkmal ist die Taschenuhr, da es zu jener Zeit noch keine Armbanduhren gab, und diese findet man wie bei den Verena Partisch und Simone Gerigk, die uns einen Einblick in Steampunk gegeben haben, denn auch schon mal im Schuh oder im Rucksack – äh, Ruckkästchen.

Jahrmarktchef Albert RitterWenn ich bis heute noch gezögert habe, ob ich zu dem Steampunk-Jahrmarkt gehe oder nicht, dann ist für mich jetzt klar, da muss ich hin. Zum Historischen Jahrmarkt ohnehin, ich vermute, dass ich schon am Samstag um 11.00 Uhr vor der Tür stehen werde. Aber Simone Gerigk und Verena Partisch haben die Idee des Steampunk so überzeugend rübergebracht, dass ich bedaure, dass mir die Zeit fehlt, mich damit intensiver zu beschäftigen – zumindest dauerhaft, für einen weiteren Blogbeitrag wird die Zeit schon reichen. Ebenso für einen Artikel über Albert Ritter, den Prinzipal der Historischen Gesellschaft, den ich nicht nur hinter dem Rücken der anderen Fotografen ablichten konnte, dem ich außerdem einige spannende Informationen über das Leben als Mitglied einer Schaustellerfamilie entlockt habe.

Flohzirkus beim Historischen Jahrmarkt
Wer in diesem Zirkus wohl auftritt? 🙂

Zuerst aber meine dringende Empfehlung, sich den Historischen Jahrmarkt auf keinen Fall entgehen zu lassen. Ich verspreche euch, sobald ihr die Halle betretet, wird euch entweder die Erinnerung packen oder ihr werdet angesteckt von der Begeisterung eurer Kinder. Albert Ritter schwärmte davon, dass auch die medienverwöhnten Kinder leuchtende Augen bekommen, wenn sie einfache Holzpuppen im alten Kasperltheater sehen oder mit dem Pferdekarussell fahren. Das kann ich bestätigen und – unter uns – im letzten Jahr habe ich auch das eine oder andere leuchtende Erwachsenenauge gesehen. © Birgit Ebbert

 

Weitere Informationen: www.jahrhunderthalle-bochum.de &  Historische Gesellschaft deutscher Schausteller

Fotos vom Aufbau für den Historischen Jahrmarkt 2015

Fotos vom Historischen Jahrmarkt 2014 auf www.moment-aufnahmen.info & im Fotoblog Kultur & Ruhr