(11.09.2015) Um das Thema Wahrnehmung geht es in den beiden Ausstellungen, die am morgigen Samstag im Osthausmuseum eröffnet werden. Ich beschäftige mich sonst ja damit, wie man bei Kindern die Wahrnehmung fördern kann und war neugierig, was mich in der Ausstellung erwarten würde. Etwas mit Film, das war mir klar, denn natürlich hatte ich schon vom Filmemacher Christoph Böll gehört. Aber Patrick Hughes sagte mir erst einmal nichts. Soviel kann ich vorweg nehmen, beide Namen und Werke werde ich nicht mehr vergessen und ich habe heute beim Pressegespräch nur einen kleinen Teil gesehen bzw. erlebt.

Patrik Hughes „Bewegende Räume“

Ich weiß, ich spreche oft davon, dass der Besuch einer Ausstellung ein Erlebnis ist. Aaber seit ich heute vor den Bildern von Patrick Hughes hin- und hergewippt und langsam rückwärts daran vorbeigegangen, um mich dann in großem Bogen noch einmal zu nähern, weiß ich, was Kunst erleben wirklich ist. „Reverspective“ nennt der Künstler das Prinzip, das dem Erlebnis zugrunde liegt. Das ist so etwas wie umgekehrte Perspektive, die Betrachtung lässt sich am ehesten mit dem Anschauen von Bildern C. M. Eschers oder auch von Vexierbildern vergleichen. Man steht zunächst davor und sieht – in diesem Fall – das Bild eines Raumes, ein Bücherregal, eine Galerie, die Gondeln Venedigs und fragt sich, was an dieser Mal- und Bastelarbeit nun Besonderes sein. Verzeihung – man wird das Prinzip vielleicht kennen und durchschauen. Ich bin erst einmal neugierig und entzückt von der Bastelei an den Bildern vorbeigegangen. Bis mich jemand fragte: „Na, bewegen sich die Bilder?“ Kommunikativ wie ich bin, habe ich zugegeben, dass sich in meiner Gegenwart kein Bild bewegt hatte. Bilder, die sich bewegen! Daraufhin wurde ich in das Geheimnis der Bilder eingeweiht und freue mich schon auf Samstag, wenn ich mir noch einmal selbst kleine Bilderfilme basteln kann.

Christoph Böll „Pforten der Wahrnehmung“

Apropos Film: Die Bilder von Patrick Hughes sind ja nur ein Teil des Erlebnisparks, der ab dem 12. September im Osthausmuseum aufgebaut wird. Dazu gibt es Filme von Christoph Böll, die ich auch nicht beschreiben kann. Teilweise sind es Dokumentationsfilme, aber dann spielt er wieder mit den Bildern, dass man sich fragt, ob das nicht doch eher Kunst ist. Zumal das Werk in dem großen Saal mit Musik unterlegt ist – während der Ausstellung läuft der 3. Satz der 4. Sinfonie von Gustav Mahler, eingespielt vor sechs Jahren vom Duisburger Sinfonieorchester. An den beiden Filmabenden am 18. und 19. September wird es Live-Musik geben von Dream Control, das Duo besteht aus Steve Schroyder, der früher bei Tangerine Dream gespielt hat, und Zeus B. Held von ehemals Birth Control. Die beiden haben zu dem Film eine Musik komponiert, die in den beiden Konzerten live vorgetragen wird. Ich sag ja: Erlebnispark Osthausmuseum, ein Fest für die Wahrnehmung mit allen Sinnen.

Ein wenig habe ich heute davon mitbekommen können, vor allem wurde ein wenig meine Neugier nach den Menschen hinter der Kunst gestillt. Patrick Hughes konnte leider aus gesundheitlichen Gründen nicht anwesend sein. An ihm fasziniert mich, wie gut er die Quellen seiner Inspiration, die nicht immer positiv waren, zurückverfolgen konnte und wie stark sich die in seiner Reihe „Respective“ zeigen, das er erst im Alter von gut 50 Jahren begonnen hat. Ein Schlüsselereignis, so Tayfun Belgin in seiner Erläuterung, war der Aufenthalt in einem Keller während des Krieges. Er dauerte nur einige Tage, doch diese waren eintönig, sodass der kleine Patrick sich intensiv mit der Kellertreppe und den Stufen beschäftigt hat. Würde man seine Bilder kippen, wäre dieses Motiv und Prinzip sofort erkennbar. Auch sein Faible für Bücher ist in seinen Werken unverkennbar, in fast jedem Bild tauchen Bücher und/oder eine Tür auf, für ihn – so Tayfun Belgin – waren Bücher das Tor zur Welt. Zumal er einige Jahre schlecht sehen konnte und alles nur verschwommen wahrnahm, weil er erst mit 14 Jahren eine Brille wegen der Kurzsichtigkeit bekam. Spannend, oder? Direkt schade, dass er bei der Eröffnung nicht anwesend sein kann.

Hinter die Filmkulissen gehorcht

Da habe ich Melanie Redlberger Platz gemacht, um Christoph Böll auszufragen

Aber Christoph Böll wird teilnehmen, ihn habe ich heute schon ein wenig ausgehorcht und festgestellt, dass er in Bochum zum Film gekommen ist. Das ist deshalb witzig, weil ich in meiner Bochumer Zeit immer durch das Unigelände ging, um im Botanischen Garten spazieren zu gehen. Dabei fiel mir oft der Hinweis auf den „Studienkreis Film“ auf. Erst vor wenigen Monaten wieder. Nun habe ich also jemanden kennengelernt, der dort seine doch recht erfolgreiche Filmkarriere begann. Nachdem er in der Gruppe erste Erfahrungen mit einer Kamera gesammelt hatte, war Christoph Böll klar, dass das sein Medium war, mit dem er nicht nur die Welt dokumentieren, sondern auch sich selbst ausdrücken konnte. Aus dem Lehrerexamen in Deutsch und Geschichte wurde dann nichts mehr. Stattdessen hat er sich dem Film verschrieben – als Filmer, nicht als Zuschauer. Wie sagte er so schön: „Ich habe keine Zeit Filme zu gucken, weil ich immer unterwegs bin oder hinter der Kiste sitze.“ Genau, deshalb komme ich gerade nicht zum Lesen! Er hat mir auch sonst an mancher Stelle aus der Seele gesprochen und ich beneide ihn ein wenig darum, dass er danach arbeiten kann. So meinte er: „Filme sind so lang wie sie sind!“ Geschichten auch, aber leider haben die Verlage, mit denen ich bisher zu tun hatte, immer genaue Vorstellungen, wie lang die Geschichten zu sein haben. Und weil die Filme so lang sind, wie sie sind, empfiehlt es sich für Ausstellung Zeit mitzubringen – Erlebnispark eben 🙂

Zwischen 23 und 60 Minuten dauern die Filme, die von Christoph Böll gezeigt werden, darunter „Kirmes“, für den er Prüfer vom TÜV Rheinland auf den Jahrmarkt begleitet hat, und „Milein Cosman“, eine Jüdin, die 1938 aus Düsseldorf nach England geflohen ist und deren Geschichte er eingefangen hat. Eine von vielen Menschengeschichten, die ihn besonders faszinieren. „Eigentlich kann man über jeden Menschen einen Film drehen, weil jeder etwas zu erzählen hat“, findet er und lässt sich bei der Auswahl der Themen für seine Filme davon leiten, wofür ein Mensch steht oder wie er mit seinem Handeln seine Umwelt beeinflusst hat wie Max Imdahl, der unter anderem die Sammlung moderner Kunst an der Ruhruni Bochum begründet hat.

Mein Lieblingssatz an dem Vormittag aber war: „Wenn die Bäume weg sind, sehen die Leute erst die Bäume, die da standen.“ Genial, oder? Und so wahr und auch ein bisschen typisch für ihn und seine Filme, glaube ich. Er war sich nicht sicher, ob er Dokumentarfilmer sei oder nicht. Ein bisschen ist er, scheint mir, ein Filmpoet. Dazu passt auch, dass er erzählt hat, dass er im Film seine Sprache entdeckt und diese weiter verfeinert hat. Am besten kommt ihr selbst gucken, am Samstag, den 12. September um 16.00 Uhr zur Eröffnung oder bis zum 14. November zu den üblichen Öffnungszeiten. Zu sehen gibt es derzeit wirklich einiges im Kunstquartier, die aktuellen Ausstellungen im Emil Schumacher Museum (Zdenek Sýkora und Objet Trouvé) sind auch nur ein paar Schritte entfernt. Viel Spaß und vielleicht sehen wir uns ja. © Birgit Ebbert

Weitere Informationen:

Christoph Böll „Pforten der Wahrnehmung“Infos überdas Konzert zum Film

Patrick Hughes „Bewegende Räume“