(01.02.2014) Was ein „Schlüsselroman“ ist, habe ich nicht in der Schule gelernt, sondern, als ich vor fast 30 Jahren das Buch „Karriere eines Romans“ von Eberhard Spangenberg las. Damals waren 50 Jahre vergangen, seit Klaus Mann seinen Roman „Mephisto“ im Querido-Verlag, einem bekannten Exil-Verlag in Amsterdam, erschienen war. Ob der Roman ein Schlüsselroman ist oder nicht, ist weiterhin strittig, aber der Begriff hat sich mir eingeprägt und fällt mir immer ein, wenn ich über Romanideen nachdenke, zu denen ich vom wahren Leben inspiriert wurde.

Sicherheitshalber habe ich mir erneut die Diskussion um den „Mephisto“ angeschaut, die viele interessante Facetten der deutschen Geschichte berührt. Da ist Klaus Manns Emigration 1933, nachdem die Nationalsozialisten die Macht erlangt hatten, die Veröffentlichung im Querido-Verlag, dessen jüdischer Verleger nach Ausbreitung der NS-Herrschaft auf die Niederlande im Konzentrationslager Sobibor ermordet wurde, und die Diskussion um mögliche Nazi-Richter an BRD-Gerichten nach dem wiederholten Verbot des Romans „Mephisto“ in der BRD.

Die erste Veröffentlichung des Romans in Deutschland erfolgte 1956 im Aufbau-Verlag. 1965 erschien der Roman in Westdeutschland im Verlag der Nymphenburger Verlagsbuchhandlung. Schon vor dem Erscheinen gab es erste Versuche, die Veröffentlichung gerichtlich zu verbieten, nachdem das Buch ausgeliefert wurde, wuden mehrere Gerichtsurteile erwirkt, die sich gegenseitig widersprachen. Letztlich entschied der Bundesgerichtshof, dass die Persönlichkeitsrechte von Gustaf Gründgens, der für die Figur des Hendrik Höfgen Pate stand, wichtiger seien als das Recht auf Kunstfreiheit. Dieses Urteil erstritt im Übrigen nicht Gustaf Gründgens, der bei seinem Tod 1963 fast 30 Jahre Kenntnis von dem Roman hatte, ohne gerichtlich dagegen vorzugehen, sondern dessen Adoptivsohn nach dem Tod Gründgens.

Der Verlag hat – mit Unterstützung von Erika Mann – das Bundesverfassungsgericht angerufen, damit es sich mit der Frage beschäftigt, welches Grundrecht höher wiegt. Die sechs Richter konnten sich nicht auf eine Meinung einigen, drei waren auf Seiten des Verlags, drei auf Seiten der Gründgens-Erben, sodass die Verfassungsbeschwerde am 24. Februar 1971 zurückgewiesen wurde. Die unterlegenen Richter, die sich für die Kunstfreiheit ausgesprochen hatten, begründeten ihre Ansicht in ausführlichen, sehr interessanten Stellungnahmen. Sie kritisieren unter anderem, dass die Gerichte davon ausgegangen sind, die Leser würden die Geschichte als 1:1-Wiedergabe der Realität ansehen und sie nicht als künstlerische Bearbeitung und Abstraktion sehen. (Anmerkung: Manche Leser sind wirklich so, schreibt man über ein Pferd, erkundien sie sich, wie es dem Pferd geht …) Nach dieser Zurückweisung war das Verbotsurteil des Bundesgerichtshofs vom 20. März 1968 rechtskräftig. Der Roman durfte in der BRD nicht publiziert werden und war so viele Jahre nicht erhältlich, außer bei denen, die ihn aus der DDR, in der die Aufbau-Fassung weiterhin vertrieben wurde, oder anderen Ländern eingeschmuggelt hatten.

Die Diskussion um das Verbot fachte erneut an, als Arianne Mnouchkine 1979 mit ihrem Théâtre du Soleil eine Bühnenfassung vorbereitete und im Vorfeld der Uraufführung Raubdrucke des Buches kursierten. Da es keine Anzeichen gab, dass gegen die Aufführung oder die Raubdrucke vorgegangen würde, wagte der Rowohlt-Verlag 1980 eine Taschenbuchausgabe – allerdings ohne Vorschau und Vorankündigung. Dennoch war die erste Auflage von 30.000 Exemplaren nach wenigen Tagen verkauft.

Schon in den Artikeln über die Prozesse schwang noch ein anderer Gedanke mit, der mich als Studentin ziemlich beschäftigt hat, die Frage nach der Rolle von NS-Anhängern in den ersten Jahr(zehnt)en der Bundesrepublik. So wagte der eine oder andere die These, dass manch Richter sich möglicherweise von dem Roman „Mephisto“ ertappt fühlte, ging es dort doch um einen Schauspieler, der sich mit den braunen Machthabern einließ, um den beruflichen Erfolg zu sichern. Ich erinnere mich gut daran, mit welcher Fassungslosigkeit ich Mitte der 80er-Jahre das Buch „Wer war wer im Dritten Reich?“ von Robert Wistrich gelesen habe. Doch das ist ein anderes Thema.

Das Buch „Karriere eines Romans“ von Eberhard Spangenberg ist, wie ich gerade entdeckt habe, nur noch antiquarisch zu bekommen. Wem sich die Gelegenheit bietet, der sollte zuschlagen, eine wirklich interessante Lektüre – nicht nur für Autoren. © Birgit Ebbert