(24.04.2015) Als ich zur Schule ging, waren Bezeichnungen wie „Reichskristallnacht“ und „Drittes Reich“ selbstverständlich. Für mich waren sie weder verherrlichend noch verharmlosend, sie waren eben „Namen“ für bestimmte Ereignisse oder Zeiträume.

Der Begriff „Reichskristallnacht“ wurde in den letzten Jahren von dem Begriff „Reichspogromnacht“ abgelöst. Das fand ich sinnvoll, weil „Kristall“ eigentlich positiv besetzt ist und den massiven Übergriffen auf Juden, die in der Nacht vom 9. auf den10. November 1938 stattfanden, verharmlosen. Bei Lesungen treffe ich weiterhin Menschen, die das Wort „Kristallnacht“ verwenden, weil sie es in der Schule so gelernt haben.

Die Bezeichnung „Drittes Reich“ war für mich seit der Schulzeit ein Synonym für NS-Zeit oder die Zeit, in der Hitler in Deutschland regierte. Einen Teil meines Wissens über die Zeit verdanke ich sogar dem Buch „das Dritte Reich“ von Eberhard Aleff, das ich – in einer Auflage von 1981 – über die Landeszentrale für politische Bildung bekommen habe. Dennoch verwende ich die Bezeichnung eher selten, als hätte ich geahnt, dass jüngere Menschen den Bezug zur NS-Zeit vielleicht nicht herstellen, wie ich es noch immer automatisch tue.

Nachgedacht habe ich über die Bezeichnung noch nie. Das fiel mir erst auf, als ich vor den Sommerferien in einem Schülergespräch „im dritten Reich“ sagte und er fragt: „Was ist das? Das 3. Reich?“ Spontan antwortete ich ihm, dass ich das nicht genau wüsste, aber mir vorstellen könnte, dass die Nationalsozialisten sich damit vom Kaiserreich und der Weimarer Republik abheben wollten. Das war nur eine Idee, der ich jetzt endlich nachgegangen bin. Der Artikel ist also gleichzeitig eine verspätete Antwort an meinen Schüler.

Begonnen habe ich meine Recherche mit dem Buch von Eberhard Aleff, in dem keine Erklärung für den Titel und seinen Bezug zur NS-Zeit fand. Auch in den anderen Büchern meiner nicht kleinen Bibliothek über die 30er und 40er Jahre wurde ich nicht fündig, sodass ich doch wieder das Internet zu Rate zog. Ich war völlig überrascht, als ich erfuhr, dass der Terminus „Drittes Reich“ bereits zig Jahre vor Hitlers Machergreifung auftauchte und seine heutige Bedeutung erst nach dem Krieg gefestigt hat.

Zum ersten Mal tauchte er vermutlich 1888 auf, als Ibsens Drama „Kaiser und Galiläer“ ins Deutsche übersetzt wurde. Wenige Jahre später fand es Eingang in den Roman „Vigilien“ von Stanislaw Przybyszwski, ein Gedicht von Richard Dehmel und wurde Titel eines Romans von Johannes Schlaf.

Wann und wie die Formulierung Eingang in die Sprache der Nationalsozialisten gefunden hat, wird widersprüchlich diskutiert. Sicher ist, dass Hitler die Bezeichnung in einer Rede am 1. September 1933 übernahm und sie fortan in der NS-Propaganda auftaucht. Zumindest bis Hitler die Verwendung 1939 verbot, als Gegner sich über das „Dritte Reich“ lustig machten, in dem sie über das darauffolgende „Vierte Reich“ spekulierten.

Darüber, warum sich die Bezeichnung nach dem Untergang des Hitler-Regimes zunächst durchgesetzt hat, gibt es verschiedene Theorien, zum Beispiel die, dass damit möglicherweise von den Akteuren des NS-Staates die Zeit und ihre Beteiligung daran verharmlost werden sollte. Interessant wäre es schon, der Frage nachzugehen, aber ich suche ja nur eine Antwort für meinen Schüler. Gleichzeitig interessiert mich auch, ob es womöglich nicht mehr politisch korrekt ist, vom „Dritten Reich“ zu sprechen so wie es verpönt ist, „Reichskristallnacht“ zu sagen. Eine eindeutige Antwort habe ich in der Literatur nicht gefunden. Aber eigentlich hat mir der Schüler einen wichtigen Hinweis gegeben. Obwohl er geschichtsinteressiert ist und sich gerade auch mit der NS-Zeit beschäftigt hat, kannte er den Begriff „Drittes Reich“ nicht. Das bedeutet doch, was immer ich sage und schreibe, kann er nicht einordnen, während er NS-Zeit oder „bei Hitler“ oder „unter Hitler“ sofort versteht. Ich werde also zukünftig eher diese Begriffe nutzen, denn eines ist mir wieder klar geworden: Es ist wichtig, an die Zeit und das Leid, das sie den Menschen und der Welt gebracht hat, zu erinnern. © Birgit Ebbert